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aus Heft 39/2013 Musik

»Wenn man steht, kann man sich nicht so gut auf die Musik konzentrieren«

Seite 4: »Beethoven würde niemals auf einem Festival spielen.«

Thomas Bärnthaler (Interview)  Fotos: Jonas Unger

Gonzales sitzt gern niedrig beim Spielen, da kommt ihm der Hocker »Tembo« von Note entgegen; über lachance.fr

Sie rappen und lassen sich dabei von einem Kammerorchester begleiten. Ist das noch Experimentierlust oder schon Ironie?
Oh, ich hoffe, es kommt nicht wie Ironie rüber, denn ich meine es ernst. Im Gegenteil, es wäre doch ein Fake, wenn ich jetzt versuchen würde, den original Sound des Hip-Hop zu imitieren. Rap ist ja nur ein Stilmittel, Hip-Hop ist eine Kultur. In dieser Kultur habe ich nichts zu suchen. Ich kleide mich anders, bewege mich anders und habe ein anderes Frauenbild. Ich komme aus einer bürgerlichen, jüdischen Familie aus Kanada, habe klassische Musik gelernt. Rap ist für mich ein Stilmittel und Stilmittel sind dazu da, benutzt zu werden. Purismus ist gefährlich und führt immer in eine Sackgasse.

Gibt es Musik, die man nur im Sitzen anhören sollte?
Es gibt Musik zum Tanzen und Musik zum Anhören. Wenn man steht, kann man sich nicht so gut auf die Musik konzentrieren, man nimmt sie auch anders wahr. Sitzen fördert die Konzentration. Ich habe viel mehr Kontrolle über ein Publikum, wenn es sitzt, man kann eine Show dramaturgisch viel langsamer aufbauen. Vom Sitzen ist es ja nicht mehr weit zum Liegen, manchmal fühlt sich Musik auch mehr an, wie wenn man beim Therapeuten auf der Couch liegt. Neulich wollte ich Leslie Feist sehen auf einem Festival, die Leute standen im Regen, tanzten im Schlamm. So kann man doch keine Musik anhören! Wenn Beethoven wiederauferstehen würde und auf einem Open-Air-Festival spielen würde – ich würde nicht hingehen.

Würden Sie doch.
Beethoven würde niemals auf einem Festival spielen.

Brian Wilson hat sich zu Hause Sand unter seinen Steinway-Flügel schütten lassen, damit ihn die Muse küsst. Haben Sie auch irgendwelche Marotten?
Meinen Glenn-Gould-Stuhl benutze ich zu Hause nie, wenn Sie das meinen. Er ist mir einfach zu unbequem. Ich benutze ein relativ traditionelles Modell, verstellbar, aber harte Sitzfläche. Er ist braun und passt farblich gut zu meinem Bechstein-Klavier daheim.

Gould badete seine Arme und Hände in warmem Wasser vor einem Konzert. Was machen Sie?
Wenn es kalt ist, mache ich das auch. Das hat sich bewährt. Aber eigentlich lehne ich es ab, so ein großes Ritual aus dem Spielen zu machen.

Woran sitzen Sie gerade?

Ich schreibe an etwas Neuem, einer Mischung aus Oper und Musical, die ich vielleicht demnächst in München uraufführen werde. Es geht um John McEnroe und Björn Borg und ihr episches Tennismatch in Wimbledon 1980. Das Stück heißt Tiebreak und begibt sich tief in die Psyche beider Spieler während des legendären Tiebreaks. Wie sie sich belauern, was ihnen durch den Kopf geht.

Welchen Pianisten bewundern Sie mehr: Rubinstein oder Horowitz?
Rubinstein ist der James Bond unter den Pianisten. Er schwitzte nie, ist extrem charismatisch, hatte tausend Frauengeschichten. Aber mich zieht es viel mehr zu Horowitz. Sein Leben war kompliziert, er war neurotisch, wischte sich nach jedem Stück den Schweiß von der Stirn. So wie ich. Rubinstein hingegen: zwinkerte nach jedem Stück jungen Mädchen im Publikum zu. Alle Pianisten wollen so sein wie Rubinstein, aber die meisten von uns sind wie Horowitz.

Der Pianist
Chilly Gonzales, der mit bürgerlichem Namen Jason Beck heißt, hat Jazzpiano in Montreal studiert, ehe er 1998 nach Berlin zog und sich einen Namen machte: als Electro-Star, Rapper, Bühnenattraktion und Klaviervirtuose. Weltweit bekannt wurde er mit seinen beiden Alben »Solo Piano« (2004) und »Solo Piano II« (2012), verspielten Klavierminiaturen, die man am besten entspannt in einem gemütlichen Ohrensessel anhört. Er ist 41 Jahre alt und lebt in Köln.

Der echte Glenn-Gould-Stuhl samt Goulds Steinway-Flügel ist Teil der Sammlung des National Arts Centre in Ottawa.
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Chilly Gonzales legte Thomas Bärnthaler nach dem Interview noch Restoration Ruin von Keith Jarrett ans Herz, ein relativ unbekanntes Folkalbum des Jazzpianisten aus dem Jahre 1968, auf dem dieser alle Instrumente spielt und singe »wie Bob Dylan«. Erste Kontrolle ergab: nicht wie Dylan, eher wie ein Klaviervirtuose, der auf dem falschen Stuhl sitzt.

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