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aus Heft 41/2013 Gesellschaft/Leben

Nur weg

Seite 2: Die Ausländer wurden längst aus Hoyerswerda vertrieben, nun sind auch die politischen Gegner dran

Lara Fritzsche 


Monique und Ronny, beide 34. Sie wohnen heute mehrere Autostunden von Hoyerswerda entfernt. Sicher fühlen sie sich trotzdem nicht.

Einen Tag nach dem Überfall werden Ronny und Monique von einem Polizisten des Staatsschutzes aus ihrer Wohnung in der Robert-Schumann-Straße abholt. Monique hat einen lilafarbenen Rucksack über die Schultern geworfen, hält einen ihrer zwei Hunde an der Leine. Ronny trägt eine Tasche, darin Näpfe, Futter, Leinen, Hundekämme und ein paar Socken, eine Hose und drei Pullover für sich. Alles andere lassen sie zurück. Was aus ihren Sachen wird, daran denken sie gerade nicht. Sie wollen nur weg. Die Neonazis erst mal nicht weiter herauszufordern, das sei jetzt wichtig, hatte ein Polizist in der Nacht noch zu ihnen gesagt. Und der Sprecher des zuständigen Polizeireviers wird auf Anfrage später erklären: »Es ist einfacher zwei Leute wegzubringen, als 30 Leute zu bewachen.« Und so passiert es auch. Etwa eine Stunde lang fährt der Polizist sie durch Sachsen, es wird dunkel, bevor sie auf dem Hof eines alten Bauernhauses ankommen, ihrem Versteck, das sie sich selbst organisiert haben – noch in der Nacht nach dem Überfall, über Facebook. Eine Bekannte hatte den Hof empfohlen und die dort lebende Wohngemeinschaft überzeugt, Ronny und Monique ein paar Tage zu verstecken. Aus ein paar Tagen werden dann vier Monate.

Wann genau Monique und ihr Freund Ronny für ihre Heimatstadt Hoyerswerda wirklich zu einem Problem wurden, ist schwer zu sagen. Denn zwei Kinder, die Rapmusik hören und mit Ausländern spielen, sind ja noch lange keine wehrhaften Gesinnungsgegner. Erst mal noch ungefährlich für die Neonazis, die in Hoyerswerda die Machtübernahme vorbereiten. Aber es gibt ein Erlebnis im Leben von Ronny und Monique, das sie geprägt hat. Eine Woche in der Geschichte ihrer Heimat, die sie dazu bewogen hat, gegen Ausländerfeindlichkeit einzustehen, nicht nur stumm dagegen zu sein.

Es ist der 18. September 1991. Neonazis belagern ein Wohnheim und bedrohen die Bewohner, hauptsächlich Vietnamesen und Mosambikaner. Monique ist zwölf, sie sitzt in ihrem Bett und liest, es ist schon sieben, dunkel draußen, aber ungewöhnlich laut: Gebrüll dringt in ihr Kinderzimmer, es riecht nach Rauch, sie hört Feuer knistern und knacken, Menschen schreien. Sie will wissen, was da los ist. Aber ihre Mutter schickt sie zurück in ihr Zimmer. Nichts sei los. Nichts, was sie etwas angehe. Sie solle das Fenster schließen.

Währenddessen steht Ronny am Tatort. Schaut zu, wie Pflastersteine ins Haus fliegen, Scheiben zerbersten, Gardinen brennen und drinnen im Haus Menschen verzweifelt hin- und herrennen. Die Neonazis schmeißen Molotowcocktails, versuchen, durch die kaputten Fenster ins Haus zu zielen, die Anwohner bejubeln jeden Treffer, sie rufen »Ausländer raus!« oder »Brennt die Bude doch ab!«. Ronny steht da und weint.

Zu Hause wurde nie darüber gesprochen, was an diesen Tagen in Hoyerswerda passiert ist: 120 ausländische Vertragsarbeiter wurden von etwa 40 Neonazis mit dem Tod bedroht. Rund 600 Anwohner haben die Hetze mit Zustimmung begleitet. Am dritten Tag wurden die Opfer aus dem Ort gebracht und abgeschoben. Daraufhin nahmen sich die Neonazis das Flüchtlingswohnheim vor. Wieder Todesdrohungen, wieder kaputte Fenster, wieder Molotowcocktails, wieder mit Zustimmung vieler Anwohner. Und wieder kommt die Polizei zu dem Schluss, dass »eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann«. Wenn die Nazis nicht provoziert werden, gibts auch kein Progrom – so geht Logik in Hoyerswerda.

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Lara Fritzsche war als Kind mit ihren Eltern auf einer Demo gegen rechte Gewalt. Anlass waren die Übergriffe in Hoyerswerda und Lichtenhagen. Weil die Demo in Köln stattfand, hieß sie »Arsch huh, Zäng ussenander«: Krieg den Arsch hoch und mach das Maul auf. Wäre auch heute ein gutes Motto, findet sie.

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