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aus Heft 41/2013 Gesellschaft/Leben

Nur weg

Seite 3: Neonazis gehören zum Stadtbild.

Lara Fritzsche 


Tatort Robert-Schumann-Straße in Hoyerswerda. Ronny und Monique wurden in ihrer Wohnung im dritten Stock überfallen. Die Polizei konnte die Bedrohungssituation aber erst nach zwei Stunden auflösen. Personalien wurden am Tatort keine aufgenommen. Man kennt sich eh.

Danach war nichts mehr, wie es war. Zu viele hatten zugesehen, mitgegrölt und abgeklatscht. Der Rest von Deutschland war fassungslos, erschüttert, verurteilte die ganze Stadt. Und in Hoyerswerda? Rückte man zusammen. Wo trotzige Rechtfertigungen gebraucht wurden, waren die Parolen der Rechten zur Stelle. War doch gar nicht so schlimm, was wollten die auch hier, selber Schuld, erst mal Arbeit für Deutsche und überhaupt. Wer anderer Meinung war, war ein Verräter. Die Rechtsradikalen wurden laut und selbstbewusst, fingen an, »Leute wegzufangen«, wie Ronny sagt. Monique und er wurden oft weggefangen. Dann kriegte man ein, zwei Schläge ins Gesicht und ein paar Tritte in die Rippen, dann durfte man wieder laufen und sich noch mal überlegen, ob man nicht doch lieber rechts sein möchte. Aber Ronny und Monique hatten sich entschieden. Fortan trugen sie rote Nickitücher ums Handgelenk als Zeichen, dass sie sich gegen Ausländerhass einsetzen würden. Die Neonazis trugen weiße Tücher. 1991 war das Jahr der Entscheidung. Dafür oder dagegen? Rechts oder links? Mitte gilt nicht.

Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen. Aber wer heute durch Hoyerswerda geht, kann sehen, wie man sich hier entschieden hat. Neonazis gehören zum Stadtbild. In dunkler Montur, mit festen Schuhen mit glänzenden Kappen und Neonazi-Aufnähern am Kapuzen-Sweatshirt stehen sie neben dem Netto-Discounter an der Albert-Schweitzer-Straße, neben dem Bäcker am Lausitzer Platz und an anderen zentralen Orten. Sie grölen, tönen, machen Schussgeräusche, und wenn man ihnen den Rücken zudreht, rotzen sie hinter einem auf den Boden oder treten gegen Mülleimer. Wer sich erschrocken umdreht, wird verhöhnt. Sie genießen die Angst der Passanten. Wer kann, ist längst aus Hoyerswerda weggezogen. Die Einwohnerzahl hat sich seit 1991 fast halbiert. Ausländer sieht man ohnehin kaum, sie machen hier nur 1,3 Prozent der Bevölkerung aus. In vielen deutschen Kleinstädten ist ein Ausländeranteil von acht Prozent üblich. Im Bundesdurchschnitt sind es zehn Prozent.

Als Nächstes, so scheint es, wollen die Neonazis ihre Gesinnungsgegner loswerden. Die Opferhilfe Sachsen hat für ihr Bundesland im vergangenen Jahr 999 Opfer rechts motivierter Gewalt dokumentiert. 2012 richteten sich mehr Angriffe gegen politische Gegner der Rechten als gegen Ausländer oder ausländisch aussehende Menschen selbst. Gegen Couragierte, die ihre Heimat lieben und nicht aufgeben wollen. So wie Ronny und Monique. Auch im Landtag von Sachsen wird der Fall der beiden 34-Jährigen diskutiert. Die Linken bringen einen Antrag ein; fordern Aufklärung über die Versäumnisse der Polizei an jenem Abend und besseren Opferschutz für alle, die sich gegen rechte Gewalt starkmachen. Grüne und SPD stimmen dafür. Sachsens Innenminister Markus Ulbig windet sich; räumt zwar ein, dass Sachsen ein Problem mit Rechtsextremismus habe und dass es eigentlich nicht angehe, dass die Bürger in ihrem Zuhause nicht mehr sicher seien. Aber dann stimmt seine Partei, die CDU, gegen den Antrag. Genau wie FDP und NPD.

2. Februar 2013. Dunkle Schneereste säumen den schmalen Schotterweg, der zu dem Bauernhaus führt, in dem die beiden leben. Seit drei Monaten sind sie schon hier. Eine Wohngemeinschaft aus Sozialpädagogen, Lehrerinnen und Politikern hat sie aufgenommen und ihnen ein Zimmer frei geräumt. Acht Quadratmeter teilen sich nun Ronny und Monique mit ihren zwei Hunden. Auf dem Boden liegt eine Matratze, rechts daneben steht auf einem Hocker Moniques Laptop, zwei Nagelackfläschchen, ein Nagellackentferner, eine Feile. Monique beschäftigt sich gern mit ihren Nägeln. Selbst hier, wo sie Jogginghose trägt, das Gesicht rot an Wangen und Nase vom vielen Weinen, die Augen verquollen, die Blondierung zwei Fingerbreit rausgewachsen, sind ihre Nägel perfekt lackiert. Sie macht das gern, es beruhigt sie und dauert gerade so lange, wie sie sich konzentrieren kann, ohne Kopfweh zu bekommen.

Bei Ronny genauso: Er hat früher auf RTL 2 gern eine Sendung geguckt, in der Experten irgendwelchen Leuten dabei helfen, den Krempel aus ihrem Keller zu Geld zu machen. Diese Sendung dauert eine halbe Stunde. Ronny kann ihr nicht mehr folgen. Hunger haben sie auch keinen. Unter Ronnys Wangenknochen verläuft ein dunkler Schatten, so eingefallen sind die Wangen, auch seine Augen sind rot. Jeder Tag ist gleich: Sie haben Angst, Langeweile und rauchen. Ronny malt manchmal mit Filzstiften Vorlagen für Graffiti in einen Malblock. Er hat früher viel gesprüht, Hakenkreuze mit Peace-Zeichen übermalt. Den Block und die Stifte haben ihm seine Mitbewohner aus dem nächstgelegenen Kaufland mitgebracht. Er selbst und Monique können dort nicht hin. Sie würden sofort auffallen. Nur mit den Hunden gehen sie raus, aber bleiben immer in der Nähe des Hauses, am Waldrand. Sonst gibt es nichts zu tun für sie. Das macht ihnen am meisten zu schaffen. Manchmal schreiben ihnen Bekannte aus Hoyerswerda Nachrichten über Facebook, dass nun, wo sie weg sind, niemand mehr irgendwas tut gegen die Rechten.
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Lara Fritzsche war als Kind mit ihren Eltern auf einer Demo gegen rechte Gewalt. Anlass waren die Übergriffe in Hoyerswerda und Lichtenhagen. Weil die Demo in Köln stattfand, hieß sie »Arsch huh, Zäng ussenander«: Krieg den Arsch hoch und mach das Maul auf. Wäre auch heute ein gutes Motto, findet sie.

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