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aus Heft 45/2013 Bayern

Es stinkt zum Himmel

Lara Fritzsche  Fotos: Julia Rotter

Seit drei Jahren leiden die Menschen im oberbayerischen Piding: Ein übler Geruch hängt im ganzen Ort - und keiner weiß, woher er kommt.



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Am Anfang war es noch lustig. Immer wieder hatte jemand eine neue Idee gehabt, wie man den Gestank am besten charakterisieren könne. Sie hatten oben im Ortskern neben der Kirche im »Altwirt« gesessen und sich in ihren schauerlichen Beschreibungen überboten. Erst hatte einfach jemand »Odel« gesagt. Aber Jauche war es ja gerade nicht. Dann waren sie zu »Menschenkot« und, nach ein paar Maß Bier, zu »Menschenscheiße« übergegangen. Doch – und da waren sie sich schnell einig geworden – ein einzelner Begriff konnte den Geruch nicht ausreichend beschreiben. Es roch zwar eklig und durchaus fäkal, aber da war noch mehr in der Luft. Frau Braun, die unten in der Haindlstraße wohnt und deren Balkon genau in der Einstinkschneise liegt, ist sich sicher, auch ein gewisses Verwesungsaroma wahrzunehmen. Genau: »So wie Tierkadaver riecht, wenn schon Maden dran sind.« Und Frau Eberhardt, eine Nachbarin von Frau Braun, ihre Abendspaziergangspartnerin seit Jahren und inzwischen auch eine Freundin, die meint, der Gestank habe auch eine modrige Komponente, so als sei er in Kanälen oder Katakomben entstanden.

Herr Grundner, auch ein Anwohner, hat das alles zu dieser Beschreibung zusammengefügt: Es rieche, sagt er, wie in einem Rohr, durch das vorher jahrelang Kot, Urin, Haare, Fingernägel und Nasensekret geflossen seien. Weil die meisten Leute nicht wissen, wie es in einem Abflussrohr so riecht, erklärt er es immer so: »Wer schon mal einen Siphon aufgeschraubt hat, und sei es nur vom Waschbecken, der kennt zumindest die Note.« Diese Erläuterung hat sich weitgehend durchgesetzt im Ort. Auch der Bürgermeister hat sie übernommen. Nur Frau Höglauer sagt immer noch, es stinke nach Scheiße. So sei es halt, das könne man nicht schönreden. Aber so heiter und reibungslos wie die Suche nach einer geeigneten Beschreibung für den Gestank läuft die Suche nach seiner Ursache leider nicht. Inzwischen stinkt es seit drei Jahren. Und keiner weiß, warum.

Und was ihnen am Anfang noch wie ein glücklicher Umstand vorkam, ist inzwischen die größte Hürde: In Piding stinkt es nicht permanent und nicht überall gleich stark. Der Gestank kommt und geht. Er hängt nicht über dem Dorf wie eine Wolke, sondern er weht darüber hinweg. Und genau das ist das Problem. Wie Wind einfangen? Wie Geruch zurückverfolgen? Wie die Ursache lokalisieren? Wie den Störfaktor ausschalten, wenn man ihn nicht finden kann, weil er nicht dauerhaft nervt wie eine laute Baustelle, eine dreckige Fabrik oder eine stinkende Rattenplage? Da hilft nur eins: mühsam alle Indizien zusammentragen. Alle Bürger sind aufgerufen, sich an der Landkarte des Gestanks zu beteiligen. Jeder Hinweis wird im Bürgermeisteramt archiviert. Der Gestank ist seit Sommer 2013 Chefsache.

Hannes Holzner ist der Bürgermeister des 5000-Einwohner-Dorfes im Berchtesgadener Land. Eigentlich ein traumhafter Fleck Erde; umgeben von steinigen Bergen und grünen Wiesen. In seiner Amtsstube wird das Problem sichtbar. Im Aktenkarussell in der Ecke seiner Amtsstube reihen sich die Ordner aneinander. Acht oder neun sind es inzwischen. »Geruchsproblematik« steht auf ihren Rücken. Auch die »Beschwerden« füllen schon mehrere Hefter. Holzner schubst das Karussell an und schaut den vielen Akten beim Rotieren zu – ganz so als sei er stolz auf jedes einzelne Papier, das er hier abgeheftet hat.
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Sogar seine Handynummer hat der Bürgermeister schon an seine Mitmenschen rausgegeben. Jederzeit dürften die ihn anrufen, wenn es wieder unerträglich stinke, sagt er. Er eile dann herbei. Das sei auch schon vorgekommen. Gerade neulich. Er habe schon im Bett gelegen, seine Verlobte auch, beide am Lesen, als sein Amtshandy ging. Halb elf. Aber er: keine Sekunde gezögert, rein in die Schuhe, den Astra gestartet und losgedüst. Bloß: Als er ankam, war es schon zu spät. Der Gestank hatte sich verzogen. Holzners Auftritt im Pidinger Rathaus steht unter dem Motto: »Ich hab alles im Griff!« Wo er schon nichts am Gestank ändern kann, will er ihn wenigstens ordentlich verwalten.

Ein paar Erkenntnisse gibt es schon: Meistens stinkt es morgens zwischen fünf und sieben. Außerdem fast immer abends ab 19 Uhr. Immer kurz vor einem Regenschauer und kurz danach. Und: Je besser das Wetter, desto eher stinkt’s. Für einen Luftkurort ist das ein echtes Problem.

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Lara Fritzsche möchte sich herzlich bei der Fotografin Julia Rotter bedanken, die sie nach Piding begleitet hat. Ohne deren Bairischkenntnisse und Simultanübersetzungstalent wäre die Autorin aufgeschmissen gewesen.