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aus Heft 45/2013 Gesellschaft/Leben

Voll Gas voraus

Max Fellmann 

Rio, Istanbul, Stuttgart: Wo immer Menschen für ihre Überzeugungen auf die Straße gehen, reagiert der Staat hart - und bringt die Demonstranten zum Heulen. Über den tränenreichen Siegeszug des Pfeffersprays.

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Juni 2013: In San Salvador demonstrieren Veteranen, die Polizei hält mit Fontänen von Pfefferspray dagegen.


Brutal wird es, wenn Polizisten das Zeug nicht nur versprühen, sondern in Plastikkapseln auf Menschen schießen. Dann bleibt es nicht bei der vorübergehenden Blindheit, der Atemnot, dem Schmerz, der Orientierungslosigkeit. Dann kommen Prellungen dazu, die spürt man wochenlang, wie eine ständige Erinnerung an die Übermacht der anderen Seite. Und wer mit einer Prellung davonkommt, hat noch Glück gehabt.

Selim Polat, 25, Student und Parteimitglied der türkischen Sozialdemokratischen Partei, wollte am 31. Mai dieses Jahres nur zeigen, dass er mit der Politik der Regierung Erdogan nicht zufrieden ist, genau wie viele Tausend andere auch. An diesem Tag hatten in Istanbul die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei schon um fünf Uhr morgens begonnen. Polat stand in einem Pulk von Menschen, als er sah, wie ein Polizist ein Spezialgewehr hob und seine Patronen in die Menge feuerte, eine nach der anderen, in aller Ruhe. Der Abstand: nicht mal zehn Meter. Polat glaubt, dass es eine Spraykapsel war, die ihn direkt ins linke Auge traf. Aber als der Schuss ihn erwischte, konnte er längst nichts mehr sehen, die Luft war voll von Pfefferspray, es brannte in den Augen, es verschlug den Menschen den Atem, sie husteten, weinten, spürten das Brennen am ganzen Körper. Polat, der selbst kein Englisch spricht, lässt über eine Freundin ausrichten, der Polizist sei nach den Schüssen sofort in der Menschenmenge verschwunden, es gab keine Chance, ihn zu stellen. Freunde brachten den Demonstranten in ein Krankenhaus, das Auge konnte nicht mehr gerettet werden, es ist jetzt blind.

All diese Bilder: John Pike, im Internet verschrien als »Pepper Spray Cop«, der auf dem Campus im US-Städtchen Davis den sitzenden Demonstranten im Vorbeigehen in die Augen sprüht, als gieße er die Blumen in seinem Garten. Die behelmten Polizisten, die in Rio de Janeiro einer Frau im Sommerkleid aus einem Meter Abstand direkt ins Gesicht sprühen. Weinende Kinder, die bei den Bahnhofsprotesten in Stuttgart den
Nebel abkriegen. Demonstrationen in Spanien und Israel, in Brasilien und Chile, in Griechenland und Ägypten, seit zwei, drei Jahren ist der Nebel überall. Wir leben im Zeitalter des Pfeffersprays.

Claudia Roths Bild ging durch Deutschland: eine Frau mit tränenden Augen und schmerzverzerrtem Gesicht. Die damalige Bundesvorsitzende der Grünen war vom 15. bis 17. Juni in Istanbul, um mit den Protestlern zu sprechen – und wurde bei einer friedlichen Veranstaltung Opfer der türkischen Polizei.

SZ-Magazin: Frau Roth, wie sind Sie da reingeraten?

Claudia Roth: Eigentlich war es ein friedlicher Sommerabend im Gezi-Park, mit Musik, wie ein großes Festival, als die Polizei mit massiver Gewalt und ohne Ankündigung gegen alle vorging, die zufällig dort waren. Ich habe dann auch eine Ladung Pfefferspray abbekommen, im Vergleich zu vielen anderen bin ich aber noch glimpflich davongekommen.

Können Sie beschreiben, wie sich so eine Attacke anfühlt?

Nach dem Angriff konnte ich meine Augen nicht mehr aufmachen und nur noch sehr schlecht atmen. Das Tränengas bewirkt, dass man in Panik gerät. Es nimmt einem schlicht die Luft. Ich wurde dann von freiwilligen Ärzten versorgt. Auch am Tag danach hatte ich noch Hustenanfälle.

Was halten Sie prinzipiell vom Einsatz von Pfefferspray gegen Demonstranten?

Pfefferspray kann zu erheblichen Verletzungen führen, auch bei gesunden Menschen. Richtig gefährlich wird es aber für Menschen mit Asthma oder bestimmten Allergien sowie in Wechselwirkung mit Medikamenten oder manchen Drogen. Dann drohen sogar akute Atemnot und Ersticken, Organschäden und im schlimmsten Fall der Tod. Deswegen bin ich strikt gegen den Einsatz von Pfefferspray bei Demonstrationen. Vor allem, weil bei großen Menschenmengen die Gefahr steigt, dass es jemanden mit Allergien oder Asthma trifft. Das Risiko schlimmer Auswirkungen wird damit völlig unkalkulierbar.

Wie scharf ist Pfefferspray überhaupt? Bewertet wird das mit der sogenannten Scoville-Skala. Peperoni schaffen auf der ein paar Hundert Punkte. Als schärfste Schote der Welt gilt eine Chili-Züchtung mit zwei Millionen Scoville-Punkten. Richtig konzentriertes Pfefferspray ist mehr als doppelt so scharf: 5,3 Millionen Scoville-Punkte. Mit Pfeffer hat das Spray übrigens nichts zu tun, der Name hat sich wegen eines Übersetzungsfehlers eingebürgert. Der entscheidende Wirkstoff heißt Oleoresin Capsicum und wird aus dem Fruchtfleisch der Chili-Pflanze gewonnen, das darin enthaltende Capsaicin wird synthetisch verarbeitet und dann mit Wasser und Ethanol vermischt.

Wie genau sich die handelsüblichen Pfeffersprays zusammensetzen, will kein Hersteller verraten. Die Rezepturen werden gehütet wie die von Coca-Cola. Und wie viel damit zu verdienen ist, verraten die Hersteller auch nicht gern. Die amerikanische Firma Sabre, die sich damit brüstet, Weltmarktführer zu sein (Slogan: »Wir bringen erwachsene Männer zum Heulen«) sagt nur: Man sei sehr zufrieden mit dem Absatz, die Firma verkaufe ihre Produkte in 50 Länder auf der ganzen Welt. Der deutsche Marktführer Hoernecke, der unter anderem die deutsche Polizei beliefert, setzt 2,5 Millionen Euro im Jahr mit Pfefferspray um.

In Deutschland sind die Sprays eigentlich nur durch einen Trick zugelassen: Damit das Oleoresin Capsicum gesetzlich freigegeben werden könnte, müsste es zuvor in Tierversuchen getestet werden – die aber sind verboten. Theoretisch müssten die Sprays dem Waffengesetz unterliegen. Frei verkäuflich sind sie nur als Tierabwehrspray, das steht groß auf jeder Dose. Die deutsche Polizei darf die Sprays trotzdem einsetzen: Ausnahmegenehmigungen der zuständigen Ministerien.

Die Bundeswehr dagegen darf bei Auslandseinsätzen kein Pfefferspray anwenden, das verbietet das Genfer Protokoll (genauer: Protokoll über das Verbot der Verwendung von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen sowie von bakteriologischen Mitteln im Kriege). So sieht’s aus: deutsche Soldaten gegen andere Soldaten – nicht erlaubt. Deutsche Polizisten gegen deutsche Demonstranten – erlaubt.

Auf jeden Fall geht schnell etwas schief, sobald Pfefferspray im Spiel ist. Manchmal sogar innerhalb der Polizei. Nach Mai-Demonstrationen in Berlin haben zwei Zivilpolizisten ihre Kollegen von der Einsatztruppe angezeigt, weil die ihnen grundlos Pfefferspray direkt ins Gesicht gesprüht haben sollen. Und die Berliner Jusos würden der deutschen Polizei das Spray gern grundsätzlich verbieten lassen. Von einem solchen Verbot wiederum halten deutsche Polizisten gar nichts – und so kam es zu einer bizarren Verkettung: Im Frühjahr protestierte die Polizeigewerkschaft gegen die Verbotsidee mit einer Demonstration am Rande des SPD-Parteitages. Darauf reagierten wiederum Gegendemonstranten – und weil die eigentlichen Demonstranten nun mal Polizisten waren, wollten die sofort die Personalien der Gegendemonstranten aufnehmen, es kam zu Tumulten, einer Frau soll gezielt ins Gesicht geschlagen worden sein, die Berliner Polizei sagt, es seien Beamte verletzt worden. Jeder gegen jeden.

Umstritten ist, wie oft Pfefferspray tatsächlich tödliche Konsequenzen hat. Nachgewiesen sind Fälle wie der des 32 Jahre alten Slieman H. aus Schöneberg: Der hatte vor drei Jahren, nach viel Alkohol und Kokain, eine Auseinandersetzung mit der Polizei. Beamte setzen Pfefferspray ein, er wird ohnmächtig, kurz darauf stirbt er. Die Staatsanwaltschaft stellt lapidar fest, der Mann habe unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln mit einem allergischen Schock auf das Spray reagiert. Die Ermittlungen gegen die Polizei werden eingestellt – das Argument: Mit der Schockreaktion habe niemand rechnen können, das Verhalten der Beamten sei einwandfrei gewesen.

Laut Recherchen der Taz kam es in Deutschland allein im Jahr 2009 dreimal zu Todesfällen, nachdem die Polizei Pfefferspray eingesetzt hatte. Die amerikanische Bürgerrechtsorganisation ACLU ermittelte für die Jahre 1993 bis 1995 26 derartige Fälle in Kalifornien. Und vor zehn Jahren gab das amerikanische Justizministerium die Ergebnisse einer Studie bekannt, die bei insgesamt 63 Todesfällen einen Zusammenhang mit Pfefferspray nachwies.
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Kurz vor Redaktionsschluss erfuhr Max Fellmann noch Neues vom »Pepper Spray Cop«: John Pike, der ein Jahr nach seinem Einsatz auf dem Campus in Davis gefeuert wurde, erhielt Drohbriefe - und klagte daraufhin gegen die Universität. Sein Argument: Die Briefe hätten bei ihm zu Depressionen und Todesangst geführt. Am 16. Oktober gab ein Richter dem Mann recht und sprach ihm 38 000 Dollar Entschädigung zu.

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