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aus Heft 46/2013 Kunst

Ein Bild von einem Mann

Kerstin Greiner  Fotos: Tanja Kernweiss

Die Geschichte geht um die Welt: In einer Münchner Wohnung hat die Polizei Kunstwerke im Wert von vielen hundert Millionen entdeckt. Darunter auch unbekannte Gemälde, zum Beispiel von Otto Dix. Jetzt erzählt seine Enkelin Nana, welche Bedeutung das unbekannte Selbstporträt hat - und was für ein Mensch ihr Großvater war.



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SZ-Magazin: Frau Dix, wie erging es Ihnen, als Sie erfuhren, dass zu den mehr als tausend Kunstwerken, die Cornelius Gurlitt in seiner Wohnung gehortet hat, auch ein bisher unbekanntes Selbstporträt Ihres Großvaters gehört?

Nana Dix: Ich habe mich einerseits gefreut, dass es dieses Bild gibt, dass es wieder in der Welt ist. Andererseits hat es mich erschreckt: Denn wer weiß, welches Schicksal den Besitzer ereilt hat?

Wussten Sie von dem Bild?
Nein. Ich habe auch meinen Vater gefragt, er hat das Bild ebenfalls noch nie gesehen. Keiner in der Familie kennt es.

Hat Ihnen denn der Name Gurlitt etwas gesagt?
Gar nichts. Auch danach habe ich meinen Vater gefragt, doch er hat den Namen noch nie gehört. Aber kurz nachdem das Bild entdeckt wurde, rief mich ein Bekannter an und sagte, er habe Gurlitt vor zwanzig Jahren auf der Frankfurter Buchmesse gesehen, er wäre ein bisschen zerzaust dahergekommen, Kaffeefleck auf dem Hemd, ein abgerissener Knopf. Ich kann das alles nicht bestätigen, ich habe ihn noch nie gesehen. Aber wenn ich mir vorstelle, wie dessen Leben wohl aussah, immer mit dieser Lüge im Hinterkopf, immer behaupten zu müssen, die Bilder seien verbrannt – der kann nicht sehr glücklich gewesen sein.

Wissen Sie, dass Sie nicht mal einen Kilometer Luftlinie von Cornelius Gurlitt entfernt wohnen?
Ja, jetzt weiß ich es. Ist das nicht verrückt? Ich gehe fast jeden Tag an diesem Haus vorbei, auf dem Weg zum Englischen Garten mit dem Hund. Genau gegenüber ist auch noch der Kieferorthopäde meiner Kinder. Das darf doch nicht wahr sein, habe ich gedacht, und mich natürlich sofort gefragt: Vielleicht habe ich diesen Gurlitt doch schon mal gesehen?

Wie stark sind Ihre Erinnerungen an Ihren Großvater Otto Dix?
Sehr stark. Wir haben ja als Kinder bei meinen Großeltern gelebt. Meine Eltern sind ein Jahr nach meiner Geburt von München zu ihnen an den Bodensee gezogen und haben sieben Kilometer weiter ein Bauernhaus gekauft. Aber solange das umgebaut wurde, haben wir alle unter dem Dach meiner Großeltern gewohnt.

Was sehen Sie, wenn Sie dieses jetzt aufgetauchte Selbstporträt betrachten?
Es ist seinen Werken Selbstbildnis mit Nelke von 1912 und Selbstbildnis mit Gladiolen von 1913 sehr ähnlich. Dann gibt es auch das Selbstbildnis als Raucher von 1913, auf dem er sich mit Zigarre porträtiert hat. Ich fand es erst seltsam, dass die von der Staatsanwaltschaft beauftragte Kunstexpertin Meike Hoffmann es auf 1919 datierte, weil er exakt die gleiche Frisur auf dem Bild trägt wie 1912 und 1913, auch der Blick auf dem aufgetauchten Bild ist ähnlich – aber der Untergrund ist anders, auch seine Art zu malen. Und er trägt diesen Schatten im Gesicht, was für seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg stehen könnte. Aber ich fühle etwas ganz anderes bei diesem Bild.

Was denn?
Den Zigarrenrauch. Zigarren hat er immer geraucht, so kleine, stinkende. Er saß am Kamin mit seinem Rotwein, ich auf seinem Schoß. Ich wollte als Kind nie etwas essen, aber wenn er mich auf seinen Schoß nahm, schon. Er fütterte mich mit Leberwurstbroten. Ein Schlückchen Rotwein gab es auch. Da war er stolz drauf: Niemand konnte mir was einverleiben, aber er schaffte es. Rotwein, Zigarre, Leberwurstbrote: Für mich bedeutet dieses Bild ein Stück Familiengeschichte. In meiner Erinnerung raucht er meistens.

Viele Werke Ihres Großvaters wurden von den Nationalsozialisten als entartete Kunst diffamiert, etwa 260 sind bis heute verschollen. Litt Ihr Großvater nach dem Krieg sehr darunter, dass diese Werke verschwunden waren?
Viel gesprochen wurde über den Krieg nicht. Aber das, was ihm widerfahren ist, muss ihn ziemlich umgeworfen haben. Er hat sich zurückgezogen an den Bodensee und angefangen, diese Landschaftsbilder zu malen, dramatische, mit Sonnenuntergängen oder Eis – es gibt darunter eines, Aufbrechendes Eis (mit Regenbogen über Steckborn), auf dem ist der Bodensee zugefroren und im Eis klafft ein riesiger Spalt, wie ein Riss durch die Seele. Mein Vater hat mir erzählt, dass er und sein Bruder Ursus als Kinder einmal Lutscher mit Hakenkreuz-Emblem nach Hause gebracht haben. Mein Großvater hat sie ins Gras geworfen, zertreten – und draufgepinkelt. Wie wütend er gewesen sein muss! Ich habe mir oft überlegt, wie sich das anfühlt: Du malst zum Beispiel drei Jahre an einem Werk wie dem Schützengraben, das 1923 in Köln ausgestellt wird. Es löst so einen Skandal aus, dass es man es dir zurückgibt. Damals war Adenauer Bürgermeister in Köln, vielleicht hatte mein Großvater deshalb zeitlebens eine Abneigung gegen ihn. Ausgerechnet in der ersten Schau über entartete Kunst in Dresden 1933 wird das Bild dann wieder gezeigt – verhöhnt und gebrandmarkt.

Hat er nach dem Krieg versucht, verschollenen Werke wiederzufinden?
Nein. Er hatte natürlich auch nicht von allen Fotografien gemacht. Viele Bilder hat er getauscht oder verschenkt. Er war eben großzügig. Einmal hat er sogar eine Zahnoperation mit einem Werk bezahlt. Von vielen Bildern gibt keine Fotos.

Heute werden seine Bilder für Millionen gehandelt. War Ihr Großvater zu seinen Lebzeiten jemals vermögend?
Eher nicht, meine Großmutter war wohlhabend. In den Sechziger-, Siebzigerjahren waren eher die abstrakten Maler in Mode, mein Großvater nannte sie »Tapetenmaler«. Auch seine Alla-prima-Malerei, diese expressivere, zu der er dann gefunden hatte, wurde nie richtig gewürdigt. Er hat Kirchenfenster gemacht und sich religiösen Themen zugewendet. Darstellungen von Huren oder Zündholzverkäufern wie in seinen frühen Bildern gab es nicht mehr. Er hat viele Preise bekommen, wie das Bundesverdienstkreuz 1959. Auf das gab er aber nicht viel, weil es ihn erboste, dass sich kaum einer in der Nachkriegszeit mit dem Dritten Reich kritisch auseinandersetzte. Besitzen Sie ein Bild Ihres Großvaters?Ja, eine Lithografie, die meine Schwester und mich zeigt. Die verkaufe ich niemals. Und seinen Reisekoffer habe ich noch.
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Kerstin Greiner empfiehlt, Otto Dix’ Geburtshaus in Gera zu besuchen, schon allein, um das Museum zu unterstützen. Erst kürzlich hat das Otto-Dix-Museum in Hemmenhofen am Bodensee eröffnet, das Haus, in dem auch Nana Dix eine Zeit lang lebte. Die beeindruckendste Sammlung von Dix’ Werken aber hängt im Kunstmuseum Stuttgart, darunter auch das Bildnis der Tänzerin Anita Berber.

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