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aus Heft 46/2013 Kunst

»Ich kann mich in kein System einfügen«

Seite 2: »Der einzige Weg für mich, mit diesem Wissen fertigzuwerden, war, es zu malen.«

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Ingo Pertramer

Kindermotive: Helnwein hat vier Kinder, erzog sie ohne Zwang. Sie durften, sagt er, sogar in seine Bilder hineinmalen.

Trotz Ihrer Antihaltung wurden Sie fast über Nacht zum bekanntesten Maler Ihres Landes.
Ich habe überlegt, welche Todsünde ich begehen müsste, um in der Kunstszene für ewig stigmatisiert zu sein. Die Antwort war eindeutig: Peter Alexander für das Titelblatt der Kronen-Zeitung malen. Nach dieser Selbstverbrennung hätte ich meinen Frieden. Ich habe dann auch noch Hans Krankl gemalt, den österreichischen Helden, der Deutschland in Córdoba aus der Weltmeisterschaft geschossen hat. Die Kunstszene ist ausgerastet. Es war wunderbar befreiend, alle Brücken hinter sich verbrannt zu wissen und vogelfrei zu sein. Ich konnte endlich wieder durchatmen.

Die Leser der Kronen-Zeitung waren begeistert von Ihnen.
Wenn ich durch Wien ging, hörte ich die Leute sagen: »Schau, da geht der Krankl-Maler.« Ich war berühmt als Krankl-Maler. Ich fand die Vorstellung aufregend, dass irgendjemand morgens verschlafen in die Trafik schlurft, um sich Zigaretten und die Kronen-Zeitung zu kaufen, und dann unvorbereitet auf meine Bilder trifft. Diese kleinen engen Galerien, in denen bei der Vernissage irgendwelche Verlierer mit Sektflöten herumstehen, das war es einfach nicht.

1988 haben Sie ein Jahrhundertfoto gemacht: Der Bildhauer Arno Breker, Hitlers Lieblingskünstler, hält sich in seinem Düsseldorfer Atelier ein Gemälde von Ihnen vor die Brust, das Joseph Beuys zeigt.
Als ich Breker bat, für die Aufnahme das Bild von Beuys hochzuhalten, murmelte er: »Das hätte sich der Beuys aber nicht träumen lassen.« Anschließend erzählte er mir, wie er Anfang der Dreißiger vom russischen Ministerpräsidenten Molotow kontaktiert wurde, der ihn im Auftrag Stalins nach Moskau einlud, um dort den neuen sozialistischen Realismus zu begründen. Als Breker schon seine Koffer gepackt hatte, war Goebbels am Telefon: »Breker, der Führer möchte, dass Sie bleiben. Das Deutsche Reich braucht Sie!« Dann hat er wieder ausgepackt. Er hätte genauso gut Held der Sowjetunion werden können.

Wie sah es in Brekers Atelier aus?
Mir fiel die heroisierende Büste eines beleibten Schwarzen auf, auf dessen Militäruniform Fantasieorden prangten. Breker sagte, das sei der frühere Präsident der Elfenbeinküste. In den Sechzigern sei der Mann in seinem Atelier aufgetaucht und habe ihm den Arm um die Schulter gelegt: »Kommen Sie in mein Land, Breker, ich werde Ihr zweiter Hitler sein! Gestalten Sie mir die neue Hauptstadt. In der Mitte entwerfen Sie mir ein Monument, Thema: befreites Afrika.« Breker zeigte mir sein Gipsmodell der Hauptstadt. Im Zentrum war ein gigantischer Versammlungsplatz vorgesehen, in der Mitte eine kolossale Statue: ein Schwarzer mit gesprengten Ketten und zerrissenem Hemd, der mit geballter Faust aufgewühlt gen Himmel blickt. Als ich Breker fragte, was aus seinem Utopia geworden sei, sagte er resigniert: »Der Präsident ist leider kurz darauf gestürzt worden.«

Haben Sie Breker gefragt, wie er zur sogenannten entarteten Kunst stand?
Ich habe es mehrfach versucht, aber jedes Mal hieß es: »Warten Sie einen Moment, ich verstehe Sie gerade nicht. Ich habe Probleme mit meinem Hörgerät.«

Auch wer noch nie von Ihnen gehört hat, kennt ein mit fotografischem Realismus gemaltes Gemälde von Ihnen. Boulevard of Broken Dreams zeigt James Dean mit Zigarette im Mund auf dem regennassen Times Square. Das Bild wurde zu einem der meistverkauften Poster der Welt.
Es ist ein eher untypisches Bild in meinem Werk. Es entstand 1981 zum fünfzigsten Geburtstag von James Dean. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Plötzlich war es überall.

Die Poster-Tantiemen müssen Sie zum Multimillionär gemacht haben.
Das war nicht so wild, weil es weltweit so viele Raubdrucke gab. Ich habe dann alle Poster aufgekauft und die weitere Herstellung untersagt. Durch das Internet kann man sofort sehen, wenn sich jemand nicht daran hält.

Das Leitmotiv Ihrer Malerei ist der Schmerz von Kindern, die mit Rohren und chirurgischen Werkzeugen misshandelt werden. Wie sind Gewalt und Folter Ihre Lebensthemen geworden?
Ich war besessen von der Idee, alles über den Holocaust herauszufinden und die Ursachen zu verstehen. Bei meinen Recherchen bin ich auf gerichtsmedizinische Fotos von Kindern gestoßen, die zu Tode gefoltert worden waren, häufig von ihren Verwandten. Wie kann ein Mensch ein dreijähriges Mädchen vergewaltigen? Warum presst jemand ein Kleinkind auf eine glühende Herdplatte? Es waren Bilder, die ich nicht vergessen konnte. Der einzige Weg für mich, mit diesem Wissen fertigzuwerden, war, es zu malen.

Die Kunstkritik feiert Sie heute als Seher. Dreißig Jahre bevor der zigtausendfache Missbrauch von Kindern in Heimen und Kircheneinrichtungen publik wurde, hätten Sie ihn bereits gemalt.

Ich wusste von den konkreten Ereignissen nichts, aber ich spürte die Misshandlungen genau zu der Zeit, als sie stattfanden, und stellte wie besessen immer wieder das verwundete und missbrauchte Kind dar. Die Leute haben meine Bilder als Schock empfunden. Es gab Tumulte, und Ausstellungen wurden abgebrochen. Ich war selber nicht sicher, ob ich normal bin. Heute kann man sehen, dass ich nicht so falsch lag.

Ihre Bilder wurden von der Polizei beschlagnahmt, von Unbekannten mit Messern zerschlitzt oder mit Stickern beklebt, auf denen »Entartete Kunst« stand.

Bei Ausstellungen schrien die Leute: »Das muss ein Geisteskranker gemalt haben!« Wenn mich Leute erkennen, kommt immer wieder die Frage: »Sind Sie als Kind missbraucht worden?« Man spürt die Hoffnung, dass ich Ja sage, weil sie dann eine rettende Erklärung hätten, die das Bild neutralisieren und erledigen würde. Das eigentliche Problem ist nicht das, was auf der Leinwand zu sehen ist, sondern es sind die Bilder in ihren eigenen Köpfen.

In Wien wurden Sie gerade mit einer großen Retrospektive geehrt. Am Eingang der Albertina hieß es auf einer Warntafel: »Wir empfehlen den Besuch auf Grund von expliziten Gewaltdarstellungen im Werk des Künstlers erst ab einem Alter von 16 Jahren.«

Es spricht für die Kunst, wenn man sie für gefährlich hält. Wenn man aber bedenkt, mit wie viel Gewalt und Horror Kinder und Jugendliche täglich durch die Massenmedien konfrontiert werden, ist es seltsam, dass man denkt, sie ausgerechnet vor der Kunst im Museum schützen zu müssen. Ich war gerade im Prado und habe mir die Besucher vor den Gemälden von Hieronymus Bosch angeschaut. Auf den Bildern sieht man Menschen, die von Monstern zerstückelt, aufgespießt und gefressen werden. Aber keiner der Betrachter reagiert darauf bedrückt. Im Gegenteil, die Menschen fühlen sich inspiriert und emporgehoben. Viele haben ein Lächeln im Gesicht. Kunst transzendiert den Schrecken. Durch sie verliert der Tod seine Macht.

1970 malten Sie ein Mädchen mit Maschinenpistole. Was dachten Sie, als Jahrzehnte später jugendliche Amokläufer an Schulen Massaker verübten?

Dass Kinder Massenmorde an Kindern begehen und anschließend selbst sterben wollen, hat es in der gesamten Geschichte der Menschheit noch niemals gegeben. Das ist ein sicheres Anzeichen für das Sterben einer Zivilisation. Von Amerika geht eine Kultur des Todes und des Tötens aus. In den Kriegen, die dieses Land seit 1945 geführt hat, starben knapp dreißig Millionen Menschen. Der Friedensnobelpreisträger im Weißen Haus führt eine Todesliste. Weit weg von Amerika werden Leben durch Drohnen ausgelöscht, tagtäglich, wie am Fließband. Tausende sind auf diese Weise getötet worden, darunter viele Kinder. Keiner kennt ihre Namen, und niemand weiß, was ihnen überhaupt vorgeworfen wird.

Wenn man Ihnen gegenübersitzt, wirken Sie mit Ihrer leisen, freundlichen Art wie ein Denkmal der Friedfertigkeit. Gibt es die Gewalt, die Sie malen, in Ihrem Kopf?
Nein. Vielleicht ist es ein Defekt, aber ich habe schon immer einen fast pathologischen Gerechtigkeitswahn in mir gehabt. All meine »evil intentions« richten sich gegen Leute, die anderen Schmerz zufügen.

Sie haben vier Kinder. Manche Eltern geben zu, dass sie bei eskalierenden Konflikten mit ihrem Nachwuchs für Bruchteile von Sekunden von Totschlagimpulsen durchzuckt werden.
Ich habe nie andere Gefühle als Bewunderung, Liebe und Respekt für meine Kinder empfunden. Ich bestaune Kinder als großes Wunder. Sie tragen mit ihrer Reinheit und Entrücktheit die Möglichkeit zu einem besseren Menschsein in sich. Es ist nur wichtig, sie vor den Indoktrinierungsmethoden der korrupten Erwachsenenwelt zu schützen.

Ihre Kinder sind zwischen 26 und 36 Jahre alt. Wie waren Sie als Erzieher?
Erziehung ist schon der falsche Ausdruck. Ich wollte niemanden irgendwo hinziehen. Zwang gab es bei mir nicht, weil ich mit den schwachsinnigen Regeln und Verboten der Erwachsenenwelt im Kriegszustand bin. Meine Kinder sind im Atelier aufgewachsen. Sie konnten abends aufbleiben, so lange sie wollten, und es war ihnen freigestellt, ob sie zur Schule gehen oder nicht. Sie durften auch in meine Bilder hineinmalen. Ich habe den Kindern einen Freiraum gegeben und gesagt: »Schaut euch um, findet heraus, wer ihr seid und was ihr wollt. Ich bin auf eurer Seite und gebe euch jede Unterstützung, aber vertraut nur eurer eigenen Wahrnehmung.« Die Kinder waren meine Rache an den repressiven Regeln der Gesellschaft.

Sie leben seit 1997 in einem traumschönen Fünfzig-Zimmer-Schloss aus dem 19. Jahrhundert in der irischen Grafschaft Tipperary. Zuvor wohnten Sie zwölf Jahre lang in einem zweitausend Quadratmeter großen Barockschloss in Burgbrohl in der Eifel. Wie erklären Sie Ihren Immobiliengeschmack?
Wenn man viele Kinder und Freunde hat und auch noch ein Atelier unterbringen muss, sind Schlösser äußerst praktisch. Es war immer meine Vision, in einer süditalienischen Großfamilie zu leben. Es ist wunderbar, wenn man einen Haufen Kinder um sich hat, noch dazu, wenn sie alle Künstler sind.

Ihr Sohn Ali Elvis Donald Dagobert Lancelot ist Musiker und hat als Komponist einen Emmy gewonnen. Ihre Tochter Mercedes ist Schriftstellerin, Filmemacherin und erfolgreiche Malerin. Was machen Ihre anderen Kinder?
Cyril ist Fotograf und mein Assistent. Amadeus ist Schriftsteller. Meine vier Enkelkinder sind auch alle Künstler.

Cyril hat eine Irokesenfrisur und ist am ganzen Körper tätowiert. Hat es Aufstände gegen den berühmten Vater gegeben?

Es gab niemals irgendeinen Streit oder Konflikt mit meinen Kindern. Rebellion ist ein notwendiger Akt gegen Repression. Aber wenn Eltern Verbündete sind und Förderer für alles, was man vorhat und wovon man träumt, gibt es keinen Grund zum Aufstand.

Der Preis für Ihre Bilder geht in die Millionen. Wie viele Helnweins gehören Ihnen?

Nicht viele. Ich habe immer versucht, meine eigene Sammlung zu haben, aber wenn irgendein Sammler insistiert, verkaufe ich doch. Der einzig sichere Weg, ein Bild zu behalten, ist, es meiner Frau zu schenken.

Wie viele Helnweins besitzt Ihre Frau?
Ich weiß es nicht genau, aber viele Sammler haben mehr.

Bilder von Ihnen gekauft haben Arnold Schwarzenegger, Sean Penn, Nicolas Cage, Ben Kingsley, Andrew Lloyd Webber, Lisa Marie Presley, Elton John und Michael Jackson.
Gut für sie. Ich finde das nicht relevant.

Stimmt es, dass viele Käufer Sie in Ihrem Schloss besuchen wollen?

Ja. Ich empfehle aber, Künstler nicht kennenlernen zu wollen. H.C. Artmann wurde in Österreich als Dichterfürst verehrt. Die Leute erwarteten daher ständig poetische Bonmots zum Mitschreiben und waren dann enttäuscht, wenn er darüber sprach, wo es die besten Schnitzel gibt.

Der Schriftsteller Arthur Koestler meinte: »Künstler zu mögen und ihnen dann zu begegnen ist wie Gänseleberpastete zu mögen und dann die Gans zu treffen.«

Das kann ich nicht nachvollziehen. Meine Gänse und meine Enten sind mir heilig. Ich würde lieber die Gänseleberpastete nicht kennenlernen wollen.


Gottfried Helnwein
Der Sohn einer Hausfrau und eines Wiener Postbeamten machte zunächst als Aktionskünstler von sich reden. 1966 zerschnitt er sich Gesicht und Hände mit Rasierklingen und Holzstichwerkzeugen. Zwei Jahre später ging er mit seinem Freund Manfred Deix zu Fuß von Venedig nach Wien, ohne zu essen und zu schlafen. Mit seinen hyperrealistischen Bildern von verwundeten Kindern wurde er zu einem der wichtigsten Maler seines Landes. 1982 erschien sein Selbstporträt auf dem Album »Blackout« der Scorpions. Der 65-jährige Vater von vier Kindern lebt die eine Hälfte des Jahres in seinem Schloss in Irland, die andere Hälfte in Los Angeles, laut Helnwein »die Versuchsstation für den Weltuntergang«.

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Beim Abschied wollte Sven Michaelsen noch wissen, ob Helnwein - gerade 65 Jahre alt geworden - überlegt, seinen Look aus langen Haaren, Stirnband, Sonnenbrille und Totenkopfringen zu ändern. »Nein«, bekam er zur Antwort, »was Mode betrifft, bin ich in meiner Phase als jugendlicher Terrorist stecken geblieben.«

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