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aus Heft 47/2013 Sex

Schamlos

Seite 2: »Mit Haaren assoziiert man Tierisches: Schmutz, Geruch, Unreinheit.«

Paul-Philipp Hanske  Illustration: Emiliano Ponzi


Meine Bekannte Clara, 32, Fotografin aus Hamburg, berichtet von einem One-Night-Stand, den sie vor ein paar Jahren mit einem Mann von Anfang zwanzig hatte. Alles sei bestens gelaufen, sie fanden sich nett, attraktiv, wollten miteinander ins Bett. Dort blieben sie aber nicht lange: »Als er mich anfasste, fragte er, offensichtlich verdutzt: Wieso hast du denn da Haare? Es war nicht böse gemeint – trotzdem war ich so empört, dass ich ging.«

Die geplatzte Affäre erinnert an eine unglückliche Episode aus dem Leben John Ruskins, einer der wichtigsten Künstler und Kunsthistoriker des Viktorianismus. Der war vernarrt in die glatten Statuen des klassischen Griechenlands. Als er dann in der Hochzeitsnacht entdeckte, dass seine Braut nicht aus Marmor, sondern Fleisch und noch dazu behaart war, erschrak er so, dass er die Ehe nicht vollziehen konnte. Über John Ruskins Impotenz lachte die gebildete Herrenwelt des 19. Jahrhunderts. Vielleicht war er aber einfach nur seiner Zeit voraus. In Internetforen finden sich heute Sätze wie dieser: »Schamhaare sind einfach eklig. Schaut euch mal einen alten Porno an, dann wisst ihr, was ich meine.« Was bedeutet das Begehren nach der neuen, nackten Scham?

Eine Deutung ist offensichtlich – aber so anstößig, dass sie nur selten ausgesprochen wird. Eine komplett enthaarte weibliche Scham ist dem Augenschein nach ein Kindergenital. Sind also all die jungen John Ruskins verkappte Kinderschänder? Natürlich ist das Quatsch. Aglaja Stirn aber gibt zu bedenken: »Frauen, die sich enthaaren, entfernen gewissermaßen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale. Sie verwandeln sich rein optisch in präpubertäre Körper. Damit signalisieren sie vor allem eines: Reinheit und Ungefährlichkeit. Das hat heute eine große Anziehungskraft.«

So paradox es scheint: Zum einen verweist der Trend auf so »schmutzige« Dinge wie Pornografie, auf Oralsex und ein aktives Sexualleben. Und doch kann er, so Stirn, als »Sexualabwehr« interpretiert werden: »Die Sexualität soll vom Triebhaften gereinigt werden. Mit Haaren assoziiert man Tierisches: Schmutz, Geruch, Unreinheit.«

Es geht um die Frage der Bilder – und auf dieser Ebene findet gerade ein Wandel statt: Das alte Bild der triebhaften, schmuddeligen und tendenziell exzessiven Sexualität, die aus diesem Grund aus der öffentlichen Sphäre verbannt war, weicht einem neuen Bild des sauberen Sexes, der sich am Ideal des Sports orientiert – fitte, glatte Körper, die allenfalls von einer leichten Schweißschicht überzogen sind. »Zum einen wird Sport immer stärker sexualisiert«, sagt Aglaja Stirn, »die Outfits werden immer knapper, es gibt so etwas wie Table-Dance-Work-outs. Auf der anderen Seite wird Sexualität versportlicht.« Und damit entsexualisiert, könnte man sagen. Dieses Bild der sauberen, sportlichen Sexualität ist nicht mehr verbannt ins Boudoir, sondern darf in der Gesellschaft offen gezeigt werden. Auf diese Weise löst sich auch
der vermeintliche Widerspruch: Das Ideal des reinen Körpers ist kein Gegensatz zur allgegenwärtigen Sichtbarkeit der neuen Mainstream-Pornografie (dass es daneben unzählige kleine Porno-Genres gibt, in denen die Rückkehr des Verdrängten – Haare, Falten, Schmutz – gefeiert wird, versteht sich von selbst). Es gehört nicht viel Fantasie dazu, Pornos als Work-out-Anleitungen zu betrachten. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch hat für diesen Kulturwandel der Sexualität eine sehr griffige Formel gefunden: »Wohllust statt Wollust«.

Das passt sehr gut zu den Thesen des österreichischen Kulturphilosophen Robert Pfaller. Der wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass unsere Kultur gerade einem drastischen Reinigungsprozess unterzogen wird, dass alte Genusstechniken wie Rauchen und Alkoholtrinken unter Generalverdacht gestellt werden und einem neuen Puritanismus weichen, dessen Ideale Fitness, Sport und Gesundheit sind. Als Symbol dieses neuen Regimes sieht Pfaller entgiftete Lebensmittel wie Butter ohne Fett, Bier ohne Alkohol und Kaffee ohne Koffein. Sie suggerieren, dass so etwas wie Genuss ohne Reue möglich wäre. In dieses Paradigma fügt sich auch der neue »Sex ohne Körper« – oder genauer: der Sex, dessen Ideal der unschuldige Körper ist. Was abhanden komme, so Pfaller, sei die Fähigkeit zur »Sublimierung«: Darunter versteht er, dass Objekte oder Handlungen, die normalerweise ekelerregend sind – etwa der Rausch mit seiner Tendenz zur Entgrenzung, das Tabakrauchen, von dem wir alle wissen, wie schädlich es ist, oder aber das tierische, unter ständigem Geruchsverdacht stehende Schamhaar – in gewissen Situationen nicht nur ihren Schrecken verlieren, sondern selbst Quelle der Lust werden können.

All das muss denen, die sich ihre Schamhaare entfernen, gar nicht bewusst sein. Und trotzdem – oder besser: genau deswegen – wirkt die neue Doktrin. Clara etwa erzählt, dass sie nach jener gescheiterten Nacht mit dem jungen Mann nun auch gelegentlich zum Waxing gehe. Nicht wegen des Blödmanns. Sondern weil sie sich dann »irgendwie sauberer« vorkommt. Während unseres Gesprächs kommt sie jedoch ins Zweifeln: »Aber eigentlich duscht man sich ja sowieso täglich …« Auch erinnert sie sich an eine unerfreuliche Episode, die sie mit ihrem nunmehr zeitgemäßen Genital einmal hatte: Sie war im gemeinsamen Ski-Urlaub mit ihrem Vater in der Hotelsauna. »Auf einmal war es mir total unangenehm, dass er mich da enthaart sieht. Es war so, als ob ich ein Ausrufezeichen zwischen den Beinen hätte.«

Genau das aber, dieses Ausrufezeichen, das die Modifikation der eigenen Intimgegend immer bedeutet, kann auch positiv gesehen werden. Paula Villa ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte: Körpermodifikationen. Auf der einen Seite interpretiert auch sie den Trend zur Intimenthaarung als »Leibvergessenheit«: »Der Körper muss heute von allen biografischen Spuren gereinigt sein. Alles, was andeuten könnte, man hätte den Körper nicht im Griff, löst Ekel aus.« Im Hintergrund stehe das für die Gegenwart wichtige Modell des »unternehmerischen Selbst«: »Man muss ständig an sich arbeiten, sich optimieren. Man ist ganz allein für sich verantwortlich.« In diesem Sinne werde der Körper als »Rohstoff des eigenen Selbst« betrachtet, der sauber und leistungsbereit zu sein habe.

Doch nun kommt das große Aber: »Man darf nicht vergessen, dass damit auch eine neue Freiheit einhergeht: Der Körper ist eben nicht mehr Schicksal. Man kann Modifikationen auch als Ausgang aus der Natur hin zu einem selbstbestimmten Körper interpretieren.« Als Beleg für diese These führt sie an, dass Moden wie Piercing und Enthaarung zunächst in lesbischen und schwulen Kreisen praktiziert wurden: als ästhetische Rebellion gegen ein »natürliches« Verständnis von Sexualität, das immer mit Fortpflanzung zu tun hatte – und in dem jede Form anderer Sexualität nur als pervers gelten konnte.

Als mein schwuler Freund Nils mir damals erzählte, dass alle Berliner Schwulen rasiert seien, fragte ich ihn nicht, wieso. Das mache ich nun. Er denkt lange nach. Geht es um den kindlichen Körper? Ja, vielleicht. Natürlich finde er auch die Idee eines jungen, glatten Körpers gut. »Aber eigentlich ist es etwas anderes: Ein rasiertes Geschlecht ist ein Fetisch«, sagt er.

Hier stößt man an eine Geschlechterdifferenz, die nicht wegzudiskutieren ist – weil sie eine anatomische ist. Enthaaren sich Frauen, verwandeln sie sich in Kinder. Das wird durch die als nächstes anstehende Intimmodifikation, die Schamlippenkorrektur, nur noch deutlicher. Paula Villa erzählt, dass Schönheitschirurgen, die diese durchführen, unverhohlen mit einem präpubertären Ideal werben, im Fachjargon wird vom »Brötchen-Look« gesprochen (geschlossene Form mit Schlitz in der Mitte). Enthaaren sich Männer, geht es um das genaue Gegenteil. Es ist klar, dass sie nicht einen Kinderkörper nachahmen wollen: Kleine Jungs haben einen winzigen Pimmel. Als Grund für die Rasur wird oft ganz offen angegeben, dass ein Penis, der sich dann nicht in Schamhaaren versteckt, länger wirkt. Vor allem aber, so meint Nils: Ein haarloser Penis wirkt präsenter, offensiver. In seiner künstlichen Glätte ist er gewissermaßen ein vom Körper abgelöstes Objekt – eben ein Fetisch. Ein und dieselbe Praxis kann auf symbolischer Ebene ganz konträre Bedeutung haben – je nachdem, ob es Männer oder Frauen machen.

Zwei Tage nach unserem Gespräch mailt mir Clara noch einmal. Betreff: Haare. »Ich habe noch mal lange über die Schamhaare nachgedacht. Ich glaube, ich lasse das mit dem Waxing ab jetzt bleiben.« Vielleicht gehen wir in Zukunft gemeinsam in die Sauna. Dann fühlt man sich nicht so allein, unter all den Nackten.
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Paul-Philipp Hanske fiel bei seinen zahlreichen Saunabesuchen auf, dass einige der Männer, die unten herum nackt waren, im Gesicht umso mehr Haare hatten. Zumindest bei diesem Trend ist er gern auch dabei.

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