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aus Heft 49/2013 Gesundheit

Es werde Licht

Seite 3: »Um ein Kind aufzuziehen, brauchst du ein ganzes Dorf.«

Malte Herwig  Fotos: Matthias Ziegler


Die Mediziner auf der »Africa Mercy« behandeln nicht nur einheimische Patienten, sie geben ihr Wissen auch an die örtlichen Ärzte weiter. Im Loandjili-Krankenhaus wartet Dr. Bona Mabahou Kimbembe in seinem Büro. Als zur Begrüßung der Strom ausfällt, springen nach sieben Sekunden die Notaggregate an. Geduldig zählt der einheimische Chefchirurg die Vorzüge des kongolesischen Gesundheitssystems auf: Kaiserschnitte sind kostenlos. Malariakranke unter 15 Jahren werden kostenlos behandelt. Impfungen und Aids-Behandlungen – ebenfalls kostenlos. Ein Dreierpack Kondome kostet 20 Cent, und Firmen wie die örtliche Brauerei stecken ihren Mitarbeitern jeden Monat kostenlos welche in die Lohntüte.

Die meisten Kongolesen, sagt Dr. Kimbembe, glauben an einen christlichen Gott. »Aber sie sind auch anderen Dingen gegenüber aufgeschlossen«, gibt der Mediziner zu. Missbildungen werden oft als Resultat von Hexerei und Flüchen gedeutet. Es gebe zwei Arten von Medizinmännern: Die einen verschreiben Kräutermittel, die manchmal sogar wirken. Andere, und da legt der Doktor die Stirn in Falten, vollführen magische Rituale und versprechen, die Kranken durch Gesänge und Beschwörungen zu heilen.

Dies seien die schlechten Medizinmänner, sagt Dr. Kimbembe, und das passiere nicht nur in entlegenen Dörfern auf dem Land. »Sie kommen jetzt auch in die Stadt.« In dieser Welt von Geisterglauben und Armut haben es auch die Leute von Mercy Ships nicht leicht, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen.

In Madagaskar mussten die Ärzte eine Pressekonferenz abhalten, weil das Gerücht umging, dass sie den Kranken die Körperteile von Leichen einpflanzen. In Benin saß ein Schamane in einem Baum am Hafen und schleuderte Flüche auf jeden herunter, der sich dem Schiff näherte. Dort aber löste sich das Problem von selbst: Eines Tages fiel der Hexer von seinem Ast und trollte sich. »Die Armen hier sind nicht dumm«, sagt der Kieferchirurg Gary Parker, »sie haben nur nicht die gleichen Bildungschancen wie wir«.

Deshalb werden Missbildungen wie krumme Beine oder Klumpfüße in Afrika oft als böses Omen oder Fluch gedeutet und führen zur sozialen Ausgrenzung. Oft werden behinderte Kinder von ihren Eltern versteckt oder ganz aus der Gemeinschaft verstoßen. Dann leben die Opfer versteckt, sie leiden und sterben heimlich.

Die Ursachen können banal sein: fehlende Hygiene, Vitaminmangel, eine Infektion. Wenn dann keine medizinische Behandlung stattfindet, sind die Folgen oft drastisch: Blindheit, Verstümmelung, Tod.

Westafrika hat laut Weltgesundheitsorganisation die höchste Kindersterblichkeit der Welt. Jedes achte Kind stirbt hier vor seinem fünften Geburtstag. Eine der fürchterlichsten Krankheiten, unter der viele Kinder hier leiden, ist Noma, eine kaum erforschte Immunkrankheit, die langsam das Gesicht zerfrisst. Da die meisten Opfer sich verstecken und elend einsam zugrunde gehen, hat selbst die Weltgesundheitsorganisation keine genauen Daten über die Verbreitung der Krankheit.

Der sechsjährige Delamou gehört zu den wenigen Überlebenden. Als er an Noma erkrankte, wollte sein Vater ihn ertränken. Aber die Mutter bestand darauf, das Kind zum Schiff zu bringen. »Er war ein schüchterner Junge und weinte nachts immer«, erzählt die holländische Krankenschwester Mirjam, die in der Pflegestation auf Deck 5 Dienst hatte. »Sein Gesicht faulte, es war eklig und stank.« Aber sie überwand ihren Ekel und hielt nachts seine Hand. Heute ist Delamou geheilt und geht zur Schule.

»Deine Nase sagt dir: lass es. Aber das Herz sagt dir: tu es. Und dann hörst du auf dein Herz«, sagt Gary Parker. Der amerikanische Kieferchirurg hat fast die Hälfte seines Lebens an Bord verbracht. Seit 27 Jahren ist er mit Mercy Ships unterwegs, um die Ärmsten der Armen zu behandeln. Er hat dort seine Frau kennengelernt, gemeinsam haben sie zwei Kinder an Bord großgezogen.

»Wir folgen dem Beispiel von Jesus« steht auf einer Holztafel am Eingang des Schiffs. Parker nimmt man das sofort ab, dabei hat der 61-Jährige nichts von einem eifernden Prediger.

»Wir zeigen den Patienten schon vor der Operation, dass wir sie als Mitmenschen akzeptieren«, sagt Parker. »Man muss sie nur berühren. Das heilt am besten.« Dann erzählt er die Geschichte einer Frau, die in Guinea mit einem riesigen Tumor am Kopf an Bord kam. »Ich habe ihr die Hand auf die Schulter gelegt und ihr in die Augen geschaut.« Die Frau gestand ihm später, sie sei in ihrem Dorf seit zehn Jahren von niemandem mehr berührt worden.

An diesem Vormittag hat Parker schon drei Kinder mit Lippenspalte operiert und macht nun eine Pause im Bordcafé. Wie ist das, mit Frau und Kindern auf einem Schiff zu leben und von einem armen Land ins nächste zu fahren? Der Mediziner lächelt und zitiert ein afrikanisches Sprichwort: »Um ein Kind aufzuziehen, brauchst du ein ganzes Dorf.«

Sein Dorf ist das Schiff. Wenn sein Sohn Wesley, 15, sich daneben benimmt, erfahre er das ziemlich schnell, sagt der Doktor-Vater und lächelt. Dann ist da die Lebenserfahrung, die seine Kinder zu Weltbürgern mache. Wenn sie aus dem Bullauge auf die Hafenmole schauen, sehen sie zum Beispiel junge Männer, die für eineinhalb Dollar am Tag zwölf Stunden lang zentnerschwere Reissäcke schleppen. »Sie sehen, wie hart Menschen arbeiten.«

Armut, Krankheit, Ausbeutung – wen wundert es, dass die Menschen hier fatalistisch sind? »In Afrika ist die Zeit nicht linear wie bei uns im Westen, sie ist eine Art Wolke«, erklärt Parker. »Aber man kann das Leiden von Menschen nicht überwinden, wenn man keine lineare Vorstellung von Zeit hat.« Unter 2000 afrikanischen Sprachen hätten 700 kein Wort für Zukunft. Wer keine Vorstellung von Zukunft hat, kann sie nicht planen und ist dazu verdammt, ewig von der Hand in den Mund zu leben.

»Hoffnung muss greifbar sein«, sagt Gary Parker, der sanfte Prophet im Arztkittel, und viel spricht dafür, dass die Besatzung der »Afrika Mercy« mit ihrer Arbeit genau dafür sorgt.

Hoffnung ist eine starke Kraft, stärker sogar als der Glaube an Hexen und Zauberer. 7000 Kranke kamen am 28. August zur ersten Voruntersuchung auf dem alten Schulgelände, das die Besatzung der »Africa Mercy« gemietet hatte. Die ersten trafen um halb zwei morgens ein.

Aber die Ärmsten sehen sie erst Wochen oder sogar Monate später, berichtet Parker. »Wir halten Termine auf den OP-Plänen frei, weil wir wissen, dass die bedürftigsten Patienten zuerst oft nicht kommen.« Am Tage verstecken sie sich, »die Nacht ist ihr Freund«. Aber auch diese von Krankheit und Leiden Verstümmelten hören irgendwann von dem Schiff mit den weißen Ärzten und von anderen Patienten, die über ihre Heilung sprechen. Das schafft Vertrauen, und schließlich kommen sie nachts zum Schiff, oft von weither: Benin, Togo, Ghana, Mali, Tschad, Mauretanien, Niger, Kamerun. Manche gehen 1500 Kilometer zu Fuß oder fahren mit einem Kanu den Fluss hinab.

Parker weiß, dass er die Not der Menschen in Westafrika selbst mit einer ganzen Flotte schwimmender Lazarettschiffe nicht auf einen Schlag heilen könnte. Aber er hat eine erstaunlich einleuchtende Begründung, warum es auch ein einziger Patient wert ist: »Man kann nicht die ganze Welt verändern. Aber man kann die ganze Welt für einen Menschen verändern.«

Einer dieser Menschen ist der blinde Paul. Am nächsten Morgen sitzt er wieder auf der Hafenmole unter dem Zelt. Er hat sich fein angezogen, Jeans und ein Hemd, seine Mutter sitzt in banger Erwartung hinter ihm. Aber Paul, dieser junge Mann mit dem engelhaften Gesicht, ist ganz ruhig. Ein Pfleger bringt die Patienten mit einer Buschtrommel in Stimmung. Die Trommel ist die Orgel des afrikanischen Gottesdienstes. Sie singen und warten auf Erleuchtung. Für sie ist es nicht nur ein Wort aus der Bibel, sondern es soll Wirklichkeit werden in ihren Augen. Jetzt kommen die Schwestern und entfernen den Verband von Pauls Gesicht.

Das Erste, was er nach jahrzehntelanger Dämmerung sieht, ist – ausgerechnet ein weißer Mann in einem weißen Anzug. Da schreit der stille Paul plötzlich, springt mir
in die Arme und weint vor Glück und lässt nicht los.

Das soll kein Wunder sein?

Am Tag darauf geht Pauls Mutter noch einmal zum Schiff. Sie hat drei Orangen mitgebracht als Dank.

(Fotos: Matthias Ziegler / soothingshade.com)
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