Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 23°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 49/2013 Musik

»Der Disput mit Thomas Mann? Das ist wirklich eine scheußliche Geschichte«

Seite 2: »Am Ende fast all seiner Werke steht die Hoffnung auf eine bessere Welt.«

Susanne Schneider (Interview)  Fotos: Julian Baumann

Luigi Nono, 1924-1990, geboren und gestorben in Venedig. Er gehört mit Stockhausen, Boulez, Berio, Ligeti und Kagel zu der Handvoll Komponisten, die einen bis heute beispiellosen Erdrutsch in der Musik der Fünfziger- und Sechzigerjahre provozierten - ja, viele halten Nonos Prometeo für eine der besten Kompositionen des letzten Jahrhunderts. Mit Claudio Abbado und Maurizio Pollini verband ihn eine innige Freundschaft. Nono, Kommunist, träumte von einer neuen Welt und der Verbindung von Avantgarde und Arbeiterklasse.
Bildergalerie: 1 2 weiter


Jetzt, fast 70 Jahre nach Erscheinen von Doktor Faustus, denken Sie, es sind Ihrem Vater Nachteile dadurch entstanden?
Oh ja. Immer noch sagen Leute zu mir: Ich weiß alles über Ihren Vater, ich habe Doktor Faustus gelesen. Genau das hat er befürchtet und es hat ihn so gekränkt.

Wissen Sie, warum Ihr Vater die Zwölftonmusik erfunden hat? Dieses System war ja gar nicht dringend notwendig, oder doch?
Mein Vater nannte es nie System, sondern Methode, und er hat nie gedacht, dass diese Methode auch für andere in Frage käme. Wie alle großen Komponisten hat er die Regeln erweitert, er hat Stücke geschrieben ohne Tonalitäten, völlig frei, dann hat er die Notwendigkeit gesehen, diese Methode zu organisieren. Aber er hat auch tonale Musik komponiert, wenn er etwas so besser ausdrücken konnte. Er wollte ein Zwölftonkomponist sein mit Betonung auf Komponist, nicht auf Zwölfton.

Wie kommt es, dass Sie 1932 in Barcelona geboren wurden, wo Ihr Vater doch zu der Zeit die Meisterklasse für Komposition an der Akademie der Künste in Berlin geleitet hat?

Die damals die wichtigste Lehreinrichtung für Komposition der Welt war. In Berlin verdiente er endlich die Anerkennung, die ihm in Wien immer fehlte. Sein Vertrag sah vor, dass er sechs Monate Unterricht geben musste und sechs Monate frei war, um zu komponieren. Da er starkes Asthma hatte, verbrachten meine Eltern die kalten Winter an der französischen Riviera oder eben in Barcelona.

Ist Nuria ein katalanischer Vorname?
Diesen Vornamen gibt es dort praktisch in jeder Familie. Und darum heiße ich auch mit Nachnamen Schoenberg mit »oe«, weil man in Spanien kein Ö kennt.

Sie sprechen perfekt Englisch, Italienisch und Deutsch. In welcher Sprache träumen Sie?
In allen dreien. Und es hängt stark davon ab, welche Sprache ich tagsüber gesprochen habe.

Sind Sie gläubig?
Nein, gar nicht.

Ihr Vater war Jude, dann Protestant, dann kehrte er wieder zum Judentum zurück. Und Ihre Mutter?
Die war katholisch. Meine beiden Brüder und ich sind in Los Angeles als Katholiken aufgewachsen, solange ich ein Kind war, habe ich an Gott geglaubt, später nicht mehr.

Sie haben Luigi Nono 1954 in Hamburg bei der konzertanten Uraufführung von Moses und Aron kennengelernt, einer unvollendeten Oper Ihres Vaters. Nono war Kommunist. War das für eine Amerikanerin wie Sie eher attraktiv oder abschreckend?
Es war komisch. Vor allem, weil er sehr viel mehr über Amerika wusste als ich. In der Unitá las er alles darüber. Ein Jahr lang hat er mir nach Amerika Briefe und Postkarten geschrieben, oft mit roter Tinte. Und Leute, die das sahen, riefen entsetzt: Oh, das ist ja ein Kommunist! Nur deswegen!

Für Sie war das kein Problem?
Nein, zum einen haben wir auf der Giudecca gewohnt, der Insel vor Venedig, auf der es zu 90 Prozent Sozialisten und Kommunisten gab. Zum anderen hatten meine Eltern im Gegensatz zu vielen Amerikanern keine hysterische Abneigung gegen den Kommunismus. Sie glaubten einfach nicht daran. Und was meinen Mann betrifft: Seine Fähigkeit menschliches Leiden intensiv zu spüren und es in seinen Werken zum Ausdruck zu bringen, spielte eine viel größere Rolle als der Umstand, dass er Kommunist war. Immerhin, am Ende fast all seiner Werke steht die Hoffnung auf eine bessere Welt.

Viele Münchner erinnern sich noch gut an Luigi Nono, weil er für die Münchner Philharmoniker ein Werk zur Eröffnung des Konzertsaals im Gasteig komponierte, das Sergiu Celibidache bei ihm in Auftrag gegeben hat. Es wurde ja speziell für diesen Raum geschrieben. Ist diese Musik überhaupt anderswo aufführbar?

Ja, aber sie muss für jeden Raum neu angepasst werden, denn jeder Raum spielt und schwingt mit. Für meinen Mann war Musik im Raum immer sehr wichtig. Als Kind ging er in Venedig in die Basilica di San Marco zur Messe, es wurde mehrstimmige venezianische Musik aus dem 16. Jahrhundert gesungen, die Musik kam von allen Seiten. Das hat ihn geprägt. Sein Prometeo zum Beispiel ist ein Werk, das in einem Raum von allen Seiten und von oben und unten klingt. Für die Uraufführung 1984 in Venedig hat der berühmte Architekt Renzo Piano eine fünf Meter hohe hölzerne Bühnenkonstruktion geschaffen, die »Arche«, die nur auf die Kirche San Lorenzo zugeschnitten war. Trotzdem wurde der Prometeo ohne die »Arche« in vielen Konzertsälen und Opernhäusern der Welt aufgeführt. Es ist also durchaus möglich.

2011 hat der Dirigent Ingo Metzmacher diesen Prometeo bei den Salzburger Festspielen mit ungeheurem Erfolg aufgeführt, die Kritiker jubelten, das Publikum auch, alle Aufführungen waren ausverkauft, obwohl das Werk verkürzt gesagt als »furchterregend komplex« beschrieben wird.
Ingo Metzmacher war zuvor zwei Wochen hier im Archiv und hat alle Manuskripte, Interviews und Unterlagen studiert, die mein Mann dazu angefertigt hat. Wissen Sie, warum es für mich eine ganz besondere Freude ist, wenn ein Werk Nonos gut aufgeführt wird?

Nein.
Wenn ein Mozart schlecht aufgeführt wird, gibt man dem Dirigenten die Schuld – denn alle kennen das Stück und wissen, wie es eigentlich klingen müsste. Wenn aber ein Nono schlecht aufgeführt wird, halten die meisten den Komponisten für schlecht.

Luigi Nono verstand auch seine Musik politisch. In den Sechzigerjahren, aber nicht nur da, schrieb er Stücke über Intoleranz und Gewalt gegenüber Flüchtlingen oder die Folgen eines Atomkrieges in Hiroshima.
Alles war nach dem Krieg in Italien politisch und das hieß meistens links. Und links war auch die Kunst. Es gab eine große Freiheit für Musiker, Regisseure, Schriftsteller.

Obwohl er Kommunist war, wurde er mehr in Westdeutschland als in der DDR gespielt. Warum?
Weil man in Westdeutschland seine Musik besser verstand. Interessanterweise war er sowohl Mitglied der Akademie der Künste in Westdeutschland als auch in der DDR. Doch das Verhältnis mit Ostberlin blieb nicht ungetrübt: Einmal nur schrieb mein Mann ein Werk im Auftrag der DDR zur Eröffnung eines Musiksaals. Dafür hat er einen Text verwendet, der nicht sehr moskaufreundlich war. Als das die Verantwortlichen merkten, wollten sie das nicht mehr aufführen, und nannten offiziell als Begründung, dass Nono in Dollar bezahlt werden wollte. Das war unverschämt. Andererseits haben wir wunderbare Freunde dort gehabt, wir waren ja oft in der DDR, Paul Dessau, der Komponist, war einer von ihnen, Heiner Müller oder die Theaterfrauen Helene Weigel und Ruth Berghaus.

Sowohl die Musik Ihres Vaters als auch die Ihres Mannes klingt bis heute ungeheuer modern, dabei sind die Kompositionen oft über hundert beziehungsweise über sechzig Jahre alt. Früher gab es vor allem Anfeindungen, heute vor allem Jubel. Macht Sie das stolz?
Manchmal, wenn ich ein besonders schönes Konzert meines Vaters oder meines Mannes höre, und die Leute sind begeistert und klatschen, würde ich gern zu beiden sagen: Ihr hattet recht, als ihr prophezeit habt, dass die Leute eure Musik eines Tages lieben werden.

(Fotos: Imagno/ÖNB, dpa)
Anzeige


Seite 1 2

Der Wahrheit eine Gasse: Erst als Susanne Schneider im Netz auf eine Seite gestoßen ist, die Kindern die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs erklärt, hat sie sie endlich begriffen. Und konnte einigermaßen beruhigt zu Schönbergs Tochter nach Venedig fahren. Zum Nachlesen: www.br-online.de/kinder/fragen-verstehen/musiklexikon/ 2010/02873/

  • Musik

    Persönliche Noten

    In Bayreuth, Salzburg und anderswo beginnen wieder die Festspiele. Wer im Publikum sitzt, muss verrückt sein. Unser Autor weiß das aus eigener Erfahrung.

    Von Florian Zinnecker
  • Anzeige
    Musik

    »Niemand möchte ernsthaft Bratsche spielen«

    Nach Anfangsjahren in der klassischen Musik gründete John Cale zusammen mit Lou Reed The Velvet Underground. Im Interview verrät er, wie ihn seine Kindheit in einem walisischen Bergarbeiterhaushalt bis heute prägt.

    Von Gabriela Herpell
  • Musik

    »Ihr könnt uns mal, wir feiern hier«

    Das Festival »Rock am Ring« wurde wegen Terrorgefahr unterbrochen. Jetzt geht es weiter. Aber wie fühlt sich das für die Besucher an? Unser Kollege ist vor Ort und weiß jetzt: gegen Angst singt man am besten.

    Von Michalis Pantelouris