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aus Heft 51/2013 Natur

Väterchen Forst

Gabriela Herpell (Interview)  Illustration: Anton van Hertbruggen

Warum sind Rehe auf der Lichtung kein gutes Zeichen? Und wie lang lebt die Ulme noch? Kurz: Wie gehts unseren Wäldern? Ein Interview mit dem Botanik-Professor Ernst-Detlef Schulze.


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SZ-Magazin: Herr Schulze, Sie sind, als Forstwirt und Botaniker, ein Kenner des Waldes und seiner Probleme. Wie geht es dem Wald in Deutschland heute?

Ernst-Detlef Schulze: Es geht ihm, verglichen mit den Zeiten des Waldsterbens in den Achtzigern, ausgezeichnet. Die Schwefelablagerungen, die ihm so geschadet haben, sind auf einem Stand wie vor 200 Jahren. Was den Bäumen im Augenblick zugutekommt, sind Stickstoffablagerungen, die sie schneller wachsen lassen. Die Waldschäden waren bedingt durch eine Versäuerung der Böden. Dies hat sich wieder verbessert.

Dank der verminderten Abgase durch den Einbau von Katalysatoren?
Das hat geholfen, ja. Aber die meisten Bäume haben sich den derzeitigen Bedingungen auch weitgehend angepasst.

Woher kommen die Stickstoffablagerungen?
Aus der Luft, von Verkehr und Landwirtschaft. Sie wirken sich positiv auf das Wachstum der Bäume aus, allerdings auch auf das von Brennnessel, Brombeere und Himbeere.

Beim Spaziergang würde man sich über die Beeren freuen. Was spricht gegen sie?
Wir nennen sie Stickstoffzeigerpflanzen. Und sie machen den Bäumen Konkurrenz. Der Wald erfüllt ja zwei einander widersprechende Bedürfnisse: einmal das der Menschen nach Natur – Spaziergänge, klare Bäche, alte Buchen und Eichen, wilde Beeren. Gleichzeitig ist der Wald für die Forstwirtschaft da – Holz zum Bauen, zum Verbrennen, für Papier. Der Wald ist wie ein Acker, auf dem Holz angebaut wird. Und da versucht man natürlich, rasch ein verkäufliches Produkt zu erzeugen, auch wenn dies Jahrzehnte dauert. Es sind wirtschaftliche Gründe, die zu den vielen Fichtenmonokulturen bei uns führten.

Fichten dienen der Gewinnmaximierung?
Die Fichte wächst schneller als Laubbäume und ist besser zu verarbeiten, daher profitabler. Doch dann stellte sich heraus, dass sie sehr flach wurzelt und beim ersten Sturm abknickt. Jetzt wünscht die Öffentlichkeit sich wieder mehr Laubwälder.

Wobei sowohl die Ulme als auch die Esche Probleme haben, oder?
Ja, und die beobachten wir mit Sorge. Es gibt einige Pflanzenkrankheiten, die sich schnell ausgebreitet haben. Bei der Ulme ist es eine alte Krankheit, die ursprünglich aus Europa kommt: Der Ulmensplintkäfer trägt einen Pilz mit sich, der die wasserleitenden Bahnen der Ulme verstopft. Der Käfer wurde nach Nordamerika verschleppt und dort immer aggressiver. Nun, zurück in Europa, verursacht er hier das Ulmensterben. Die Esche wiederum stirbt an einem Pilz, der von Baumschulen aus Osteuropa eingeschleppt wurde und eigentlich aus Japan kommt. Ihm gefallen die Bedingungen hier wohl sehr gut. Auch er verstopft die wasserleitenden Bahnen, besonders allerdings der jungen Triebe, und schwächt die Esche so sehr, dass sie letztlich abstirbt.

Sind das Folgen der Globalisierung?
Ja, aber die Ausbreitung und Aggressivität dieser neuen Krankheiten könnten auch mit der Erwärmung zusammenhängen. Vielleicht sorgen feuchtere Sommer für eine schnellere Ausbreitung von Pilzen. Die Kastanie steht ja auch am Abgrund, wenn man so will, mit ihrer Miniermotte.

Warum ist Artenreichtum in Wäldern überhaupt so wichtig – abgesehen davon, dass ein bunter Wald schön aussieht?
Es gibt trockene und kalte Jahre, dann wieder feuchte und heiße. Der eine Baum kann besser im trockenen, der andere besser im warmen Jahr wachsen. Die Esche wurzelt tief, und im trockenen Jahr 2003 ging es der Esche prächtig, sie gewann an Höhe gegenüber allen Konkurrenten. Die Vielfalt der Baumarten schützt uns vor den Unsicherheiten der Klimadynamik. Wenn eine Baumart ausfällt, ist nicht der ganze Wald kaputt. Denken Sie nur an die Fichte, der die Schwefelablagerungen nicht bekamen – die Bergkuppen der Mittelgebirge wurden kahl. Hätten wir damals Vogelbeeren plus Fichte plus Bergahorn gehabt, wäre das nicht so dramatisch gewesen, die Öffentlichkeit hätte es vielleicht gar nicht registriert wie jetzt das Eschen- oder Ulmensterben. Der Wald ist nach wie vor grün und wächst. Wenn am Weg ein toter Baum steht, sieht das schön aus und keiner kommt ins Grübeln. Was noch für viele Baumarten im Wald spricht: Jede hat so ihre ganz eigenen Bewohner.

Welche denn?
Der Mittelspecht hat einen sehr zarten Schnabel. Er hackt in die Rinde der Bäume, um deren Saft zu trinken, aber er braucht weiche Borke, zum Beispiel die der Linde. Anderes Beispiel: Die Weide ist ein wichtiger Pollen- und Nektargeber für Schmetterlinge. Für sie ist daher ein weidenreicher Wald ideal. Jede Baumart ist Wirt eines speziellen Schwarms von Organismen: Vögel, Pilze, Flechten, Asseln, Spinnen, Insekten. Wenn wir nur noch alte Buchenwälder schützen, werden wir mit einem Bruchteil dessen enden, was in einen Wald an Flora und Fauna hineingehört.

Was meinen Sie damit: Wenn wir nur noch alte Buchenwälder schützen?
Es ist absurd, dass der Naturschutz schwerpunktmäßig alte Buchenwälder schützen möchte. Aber das wird getan. Ich sehe kommen, dass wir in fünfzig Jahren nur noch Buchen im Wald haben.

Das müssen Sie erklären!
Wenn Rehe im Wald sind, und zwar zu viele Rehe, überlebt nur die Buche. Die Knospen aller anderen Baumarten werden verbissen. Diese Erkenntnisse habe ich übrigens erst gewonnen, seit ich selbst Wald bewirtschafte – obwohl ich mich als Forscher seit Jahrzehnten mit dem Wald befasse. In Deutschland haben wir viel zu viele Rehe und Rotwild in den Wäldern. Wenn Sie auf einem Spaziergang welche am Waldrand sehen, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass der Wald von Rehen überbevölkert ist.

Werden Rehe nicht ständig geschossen?

Die Jäger möchten, sobald sie auf die Jagd gehen, Wild vor der Flinte haben. Dafür wird viel getan. Die privaten Waldbesitzer, denen etwa die Hälfte des Waldes gehört, sind zum erheblichen Teil leidenschaftliche Jäger. Sie füttern die Rehe und möchten auch ihre einzigen Feinde sein. In Rumänien oder Sibirien, wo es Wölfe und Bären gibt, sieht man nie Rehe auf dem Spaziergang. Dort wachsen junge Eschen nach, Spitzahorn, Feldahorn, die Ulme, Wildapfel, alles.

Wäre ein Wald ohne Rehe die Lösung?
Ich könnte das ertragen. Man kann ja auch was anderes essen. Oder was anderes schießen. In Deutschland ist vor langer Zeit ja zusätzlich das Damwild eingeführt worden. Und Muffelwild, das gar nicht in den deutschen Wald gehört, es ist ein wildes Schaf aus Korsika. Auch die bedrohen die Verjüngung unseres Waldes.

Was ist mit den Wildschweinen? Fressen die nicht auch die Bäume ab und beschädigen die Rinde der Stämme?
Wildschweine machen wenig kaputt, dafür graben sie alles um, sodass der Mineralboden an die Oberfläche kommt und die Etablierung von Baumarten fördert. Wildschweine finde ich prima im Wald. Aber ohne Zäune nützt das alles nicht.

Was bringen Zäune?
Ich besitze ein paar Hektar Wald in Thüringen, und ich bewirtschafte ihn. Ich habe mir so eine Art Vorführwald dort angelegt, der zeigen soll: Wie verjünge ich einen artenreichen Wald? Also – wie kriege ich möglichst viele junge Bäume verschiedener Sorten zum Wachsen?

Und wie?
Durchforsten und Zaun drum. Durchforsten?Man lässt die vielversprechenden Bäume stehen und fällt die schwachen. Mein Wald ist in zwei Teile geteilt, ein Teil ist gezäunt, der andere nicht. In dem umzäunten Teil befindet sich kein einziges Reh. Da hab ich jetzt auf tausend Quadratmetern 15 Baumarten. Sogar welche, die nicht in den Laubwald gehören, eine Fichte, eine Lärche, eine Kiefer. Es gibt Wildapfel und Wildbirne. Die Versuchsanstalt kommt, um sich Saatgut vom Wildapfel zu holen. Und überall wächst Ahorn nach, so viel, dass ein Ahornwald entstehen würde, kein Buchenwald. Und die Ulme wächst, doppelt so schnell wie die Buche.

Aber die Ulme wird sterben.
Sie kann vierzig Jahre alt werden. Ich brauche ja auch Bäume, die absterben. Ich lasse einige davon da, im stehenden Totholz leben Fledermäuse, der Specht nistet in den Höhlen.
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Gabriela Herpell geht seit dem Gespräch mit Ernst-Detlef Schulze aufmerksamer durch den Wald. Endlich erkennt sie eine Ulme, vielleicht sogar einen Wildapfel - und freut sich nur noch ein bisschen, wenn ein Reh ihren Weg kreuzt.

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