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aus Heft 51/2013 Internet

Gefällt mir nicht mehr

Seite 2: Ein Konto tatsächlich zu löschen erfordert einiges mehr an Arbeit.

Meike Büttner  Illustration: Leonhard Rothmoser

Psychologisch versiert: Bei der Abmeldung schickt Facebook automatisch Fotos von Freunden, dazu den Satz: »Sie werden dich vermissen.«

In der Zwischenzeit pingt und pongt mein Facebook wie verrückt. Ich hatte in einem Status offenbart, dass ich mich aus dem System verabschieden wollte. Jetzt hatte ich nicht nur die Technik gegen mich, sondern auch meine Kontakte. Ich erhielt so viele Mails und Kommentare wie nie zuvor in meiner doch recht kommunikativen Facebook-Karriere. Die Finanzkrise hatte die Menschen weit weniger geschockt als mein Ausstieg – so schien es mir zumindest. Meine Facebook-Freunde bedauerten meinen Abgang, warnten, baten, redeten mir zu, einige waren ernsthaft fassungslos. Gibt es ein Leben nach Facebook?, begann ich mich zu fragen. Ich hatte nun schon seit Jahren keinen Geburtstag eines geliebten Menschen in einen Kalender eingetragen. Facebook hatte das für mich erledigt. Oder was war mit den Arbeitsaufträgen, die mich bisher über Facebook erreicht hatten? Ich spürte eine gewisse Wehmut, während ich googelte, wie man sein Facebook-Konto löschen kann, weil ich es in den Einstellungen einfach nicht fand. Ich erfuhr, dass es verschiedene Varianten gibt, Facebook zu »beenden«. Leicht zu finden in den Einstellungen war die Möglichkeit, mein Konto zu deaktivieren. Ein deaktiviertes Profil bleibt bestehen, ist aber unsichtbar, bis die Person es durch erneutes Einloggen wieder aktiviert. Ein Konto tatsächlich zu löschen erfordert einiges mehr an Arbeit. Facebook versteckt diese Möglichkeit sehr geschickt, um nicht zu sagen perfekt. Erst außerhalb von Facebook, auf Seiten von Bloggern, finde ich eine Anleitung, um überhaupt erst mal zum Menüpunkt »Facebook endgültig löschen« zu gelangen.

Aber das soziale Netzwerk ist nicht nur technisch versiert, sondern auch psychologisch. Es wird plötzlich rührselig und zeigt mir Fotos meiner Facebook-Freunde.

Marion wird dich vermissen, behauptet es, und zeigt mir ein Foto von mir und Marion. Marion wohnt im selben Bezirk, ihr Sohn besucht dieselbe Schule wie meine Tochter und wir gehen oft gemeinsam joggen. Für Freitag sind wir wieder verabredet für einen gemeinsamen Lauf. Sie braucht mich nicht zu vermissen. Auch andere User werden mir gezeigt, denen ich nun das Herz brechen würde. »Möchtest du dich nicht lieber verabschieden?«, fragt Facebook scheinheilig. Verabschieden bei Freunden, die Facebook mir vorgeschlagen hat, die ich gar nicht wirklich kenne, mit denen ich mich nur online verknüpft habe? Diese Fremden sollen nun auf einmal eine persönliche Verabschiedung verdient haben? Facebook gibt mir Nachhilfe in Sachen Freundschaftsetikette? Ich werde sauer. Kurz.

In der Emo-Slideshow taucht plötzlich ein Foto von Ricardo auf, dem Regisseur aus Portugal. Ricardo saß irgendwann in einem Kreuzberger Café an einem Tisch in meiner Nähe und fragte mich, was ich mir notieren würde. So kamen wir ins Gespräch über Literatur und Kunst. Ricardo und ich wurden Freunde, er erklärte mich kurzerhand zur Hauptfigur seines nächsten Videoprojekts. Einen Monat lang drehten wir einen Film, von dem ich nie herausfand, worum es eigentlich ging. Er reiste wieder ab. Erst über ein Jahr später schickte Ricardo mir via Facebook das Ergebnis. Ich war zu Tränen gerührt. Noch heute, wenn ich irgendwo an einem der Drehorte vorbeikomme, dem Friedhof auf der Hermannstraße, dem Café in der Graefestraße oder in der Hasenheide, muss ich an diese seltsame Zeit der Vertrautheit ohne Worte denken. Tatsächlich würde ich es vermissen, seine Bilder zu sehen. Er postet oft Bilder von seinen Skulpturen oder eigene Videos, was für mich immer unseren wortlosen Dialog verlängert hat. Hin und wieder erfahre ich so, was er so macht und dass es ihm gut geht. Für eine aufwendigere Art von Freundschaft wäre in meinem Alltag keine Zeit. Ich hole mir ein Glas Rotwein, gehe alle Erinnerungen an ihn durch und versichere mich, dass ich sie im Kopf habe und nicht nur im Netzwerk.

Also weiter. Facebook fragt noch mal, ob ich mir sicher sei. Es ist das vierte Mal inzwischen. Anschließend muss ich meinen Ausstieg noch begründen. Die Möglichkeit, diese Frage einfach offen zu lassen, besteht nicht. Aber Facebook gibt Antwortmöglichkeiten vor, über zehn. An einer bleibe ich hängen: »Ich habe das Gefühl, dass ich gar nicht mehr weiß, wer welche Inhalte von mir sehen kann.« Stimmt. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich völlig ohne Kontrolle poste. Ich setze ein Häkchen in das Kästchen vor dieser Abmeldungs-Begründung. Enter. Aber Facebook will mich einfach nicht gehen lassen. Statt ein »Danke, Ihr Profil wurde gelöscht« zu sehen, werde ich auf die Hilfeseite des sozialen Netzwerks weitergeleitet. Hier wird mir lang und breit erklärt, wie ich meine Privatsphäre richtig regulieren kann und wie ich überprüfen kann, wer wann was sieht. Ich fühle mich verarscht. Auch alle anderen Antworten, die Facebook bei der Abmeldung als möglichen Grund angibt, führen auf Hilfeseiten. Nur ein Weg führt zum Ausstieg: Ich muss den Grund selbst eintippen. Ich schreibe: »Gefällt mir nicht«, und das ist in dem Moment so wahr wie nie zuvor. Dann darf ich endlich löschen. Noch einmal das Passwort, noch ein Captcha-Code und Enter. Geschafft.

Von wegen. Facebook teilt mir mit, dass man große Entscheidungen im Leben nicht überstürzen sollte. Ich erhalte den Hinweis, dass Facebook jetzt erst mal testet, ob ich es auch wirklich ernst meine. Nach der Löschung besteht mein Profil noch für weitere zwei Wochen. Würde ich mich in dieser Zeit erneut einloggen, wäre es unmittelbar wieder freigeschaltet. Um das zu verhindern, klebe ich mir ein Post-it an den Laptop. »Nicht zu Facebook«, steht da drauf. Einfach für den Fall, dass ich etwa morgens halb wach mal vergesse, dass ich mich abgemeldet habe, und ferngesteuert – wie über Jahre trainiert – meine Daten oben rechts in die Masken eintippe. Das habe ich aber nicht getan. Und jetzt ist es offiziell. Mein Facebook-Account ist gelöscht. Gefällt mir.
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Meike Büttner musste nach ihrem Facebook-Austritt einige analoge Hilfsmittel wieder hervorkramen: ihr Adressbuch, den Geburtstagskalender, die vielen Fotoalben. Und den Neunzigerjahre-Vorläufer von Facebook hat sie auch wiedergefunden: Ihr altes »Meine Freunde«-Buch. Damals in der Grundschule hatte sich ihre ganze Klasse dort eingetragen, mit Namen, Geburtsdatum, Adresse, Hobbys und sogar ein Foto eingeklebt. Das erste Profil.

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