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aus Heft 04/2014 Literatur

»Der Sinn des Lebens ist zu leben«

Seite 2: »Frauen müssen besser sein.«

Tobias Haberl (Interview)  Fotos: Daniel Gebhart de Koekkoek

Hellers Wohnung ist nicht ordentlich, gibt aber den Blick frei auf die schöne Seele ihrer Bewohnerin.

Nach dem Volksaufstand von 1956 wurden Sie aus der Partei ausgeschlossen, verloren Ihre Stelle an der Universität und mussten an einem Mädchengymnasium unterrichten. Heute kritisieren Sie bei jeder Gelegenheit die ungarische Regierung unter Viktor Orbán. Im Grunde waren Sie Ihr Leben lang eine Außenseiterin.
Das stimmt.

Fühlen Sie sich deswegen eher besonders oder hilflos?
Ich ziehe Energie und Glück daraus. Es ist mein Charakter, meine Natur. Und solange ich im Einklang mit meinem Charakter handle, fühlt es sich richtig an. Wer anfängt, sich selbst zu belügen, wird notwendigerweise unglücklich. Man muss seinem Charakter entsprechend handeln, auch wenn am Ende eine Niederlage steht, weil die Alternative eine größere Niederlage wäre.

In der Schule hat mal ein Junge zu Ihnen gesagt: »Wie gescheit du doch bist, obwohl du ein Mädchen bist.«
Ich weiß auch noch, was ich ihm geantwortet habe: »Das ist so, als würdest du sagen: Wie gut du doch Fahrrad fahren kannst, obwohl du ein Affe bist.« Aber diese Haltung war ganz normal. Auch später konnte ich bei jeder Konferenz sicher sein, dass ich als Letzte aufgerufen wurde, obwohl ich mich als Erste gemeldet hatte. Wissen Sie, meine Großmutter war die erste Frau, die an der Universität von Wien studiert hat: Geschichte und deutsche Sprache. Sie musste ganz hinten und ganz außen sitzen, damit sich die Jungen nicht von ihr gestört fühlten. Am Ende der Vorlesung zogen sie ihr den Rock hoch und lachten sie aus. Aber in der Abschlussprüfung war sie die Beste. Danach hat sie keiner mehr ausgelacht. Das ist bis heute so. Frauen müssen besser sein.

Sind Sie eine Feministin?
Nein. Der Feminismus ist ein Ismus, und Sie können sich vorstellen, warum ich nie wieder Teil eines Ismus sein möchte. Solange ich lebe, habe ich gegen Unterdrückung protestiert, egal ob sie von einem Mann, einer Frau oder einer Partei ausging. Meine erste Ehe ist an dieser Haltung gescheitert.

Inwiefern?
Mein Mann wollte sich dem kommunistischen Regime anpassen, ich wollte dagegen kämpfen. Er hat mir vorgeworfen, dass ich sein Leben zugrunde richte, dabei wollte ich nur mein eigenes philosophisches Leben retten. Als Arzt oder Physiker kann man sich einem totalitären System anpassen, ohne sich selbst zu belügen, als Philosoph geht das nicht, die eigene Biografie fließt zu stark in das Denken und die Arbeit ein. Ich fühlte mich unter Zwang und habe mich davon befreit – ich ließ mich scheiden.

Ist die Frauenbewegung auf einem guten Weg?
Die Frage stellt sich nicht. Die Frauenbewegung ist die bisher größte Revolution der Menschheit, und im Gegensatz zu allen anderen Revolutionen wird sie eines Tages vollendet sein. Nun kann man darüber streiten, ob das gut oder schlecht ist, aber wie gesagt, im Leben ist immer alles Gewinn und Verlust. Das Einzige, was wir tun können, ist, die Gewinne zu maximieren und die Verluste zu minimieren.

Sie werden in wenigen Wochen 85 Jahre alt, schreiben an einem neuen Buch, betreuen Doktorarbeiten, reisen durch die Welt und halten einen Vortrag nach dem anderen. Woher nehmen Sie eigentlich die Kraft?
Was soll ich sagen? Leben ohne Schreiben, das geht nicht. Es ist nicht vorstellbar, weil Schreiben für mich eine erotische Angelegenheit ist. Gerade bin ich aus Mexiko zurückgekommen, wo ich einen Vortrag über Marx gehalten habe, morgen fahre ich weiter nach Wien. Schreiben, Nachdenken, Sprechen, das ist mein Leben.

Worüber denken Sie gerade nach?
In meinen letzten Vorträgen ging es um Vorurteile, Empathie, das Wesen von Revolu-tionen und die Frauenbewegung. Wenn man immer nur über die gleichen Sachen nachdenkt, wird es langweilig, dann wird man auch selbst langweilig.

Wie sieht ein typischer Tag von Agnes Heller aus?
Ich stehe gegen sieben Uhr auf und gehe runter zum Schwimmen.

Runter?
Ja. Deswegen wohne ich ja in so einem modernen Apartmentblock, weil es im Keller ein Schwimmbad gibt. Natürlich wäre ein Altbau charmanter, aber ich liebe es, am Morgen in den Bademantel zu schlüpfen und gleich loslegen zu können. Beim Schwimmen kann ich wunderbar und präzise nachdenken. Teilweise formuliere ich im Kopf ganze Passagen meiner Essays. Mein zweiter Mann, auch ein Philosoph, hat immer gesagt: »Agnes, kauf bloß keine Geschirrspülmaschine. Beim Abwaschen kommen mir die besten Ideen.« Wenn der Körper etwas Mechanisches macht, funktioniert der Geist am besten.

Wie geht es nach dem Schwimmen weiter?
Ich beantworte meine Mails, danach schreibe ich bis drei oder vier Uhr nachmittags. Am Abend lese ich einen Kriminalroman oder lege eine Schallplatte auf, Beethoven, Bach, Tschaikowsky, Wagner. Ich höre eigentlich nur Klassik, Jazz kann ich anerkennen, alles andere empfinde ich als Lärm.

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie: »Die schönen Männer haben mich nie interessiert, ich habe mich immer in die hässlichen verliebt.« Warum?
Weil sie charmanter waren. Hässlich darf ein Mann sein, aber kein Streber, Parvenü oder Mitläufer. Ich habe mich ausnahmslos in unattraktive, aber kluge Männer verliebt, eigentlich nur in Philosophen. Ich liebe Menschen mit Intellekt. Intellekt ist der Ausdruck der Persönlichkeit, ebenso wie das Gesicht Ausdruck der Persönlichkeit ist. Für mich waren diese Männer nicht hässlich, sie waren schön.

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Als Agnes Heller davon sprach, dass es auch in einer Demokratie totalitäre Elemente gebe, war Tobias Haberl wieder mal froh darüber, dass er weder Mitglied bei den Grünen noch bei Facebook ist.

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