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aus Heft 05/2014 Religion

Im Anfang war das Wort

Malte Herwig (Interview) 

Vor hundert Jahren hat Papst Pius X. den Gläubigen verordnet, einmal in der Woche zu beichten. Der britische Historiker John Cornwell glaubt, dass viele Probleme der heutigen katholischen Kirche erst dadurch entstanden sind.


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Foto: goldhafen - istockphoto.com


SZ-Magazin: Herr Cornwell, wann haben Sie das letzte Mal gebeichtet?

John Cornwell: Warten Sie, da muss ich erst mal überlegen. In einem Beichtstuhl war ich zuletzt 1962. Seitdem habe ich es nicht für nötig gehalten, zur Beichte im traditionellen Sinn zu gehen.

Nicht nur Sie. In vielen Kirchen stehen die Beichtstühle leer.
Oder sie werden als Abstellkammer für Besen und Staubsauger genutzt. Heute spricht die Kirche lieber vom »Sakrament der Versöhnung«, das auch auf einer Kirchenbank oder im Gemeinderaum vollzogen werden kann. Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. haben versucht, die Beichte wieder attraktiver zu machen. Trotzdem sind ihnen die Gläubigen davongelaufen. In Amerika gehen nach kirchlichen Schätzungen nur noch zwei Prozent der Katholiken regelmäßig zur Beichte. In Europa erhebt die Kirche nicht einmal mehr Statistiken.

Wie erklären Sie sich den Beichtfrust?
Es gibt drei Arten von Katholiken: diejenigen, die sich strikt an die Regeln halten. Dann die große Mehrzahl, die dem eigenen Gewissen folgt und bei kirchlichen Vorschriften wie dem Verhütungsverbot ein Auge zudrückt. Und schließlich gibt es Katholiken, die sich an die Vorschriften halten wollen, aber sich dazu nicht imstande sehen und deshalb aus der Kirche austreten. Die machen mir am meisten Sorgen, denn ich glaube, dass jedes Jahr sehr viele Gläubige aus diesem Grund der katholischen Kirche den Rücken kehren.  

Gebeichtet wird seit 2000 Jahren. Aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts verordnete Papst Pius X., dass jeder Katholik jede Woche zur Beichte gehen solle, nicht ein- oder zweimal pro Jahr wie zuvor. Warum wurde das geändert?
In der frühen Kirche war die Taufe das wichtigste Instrument des Sündenerlasses. Wer gegen die Regeln der frühchristlichen Gemeinschaft verstoßen hatte, der konnte durch öffentliche Versöhnungsriten wieder in die Gemeinde aufgenommen werden. Die Sündenvergebung erfolgte durch die Gemeinschaft. In den Klöstern in Irland, Schottland und Wales entwickelte sich ab dem 5. Jahrhundert dann die Praxis der Privatbeichte unter Anleitung eines Abtes oder Kirchenältesten. Durch reisende Mönche verbreitete sich dieser Ritus unter der Laienbevölkerung in Mitteleuropa. Die Kirche entwickelte ausgeklügelte Bußtarife für alle möglichen schweren und lässlichen Sünden: Fasten, Schlafentzug, Pilgerreisen. Erst im 13. Jahrhundert verpflichtete Papst Innozenz III. alle Gläubigen, mindestens einmal im Jahr bei einem Priester zu beichten. Sonst drohte Exkommunikation und ewige Verdammnis, und man verlor das Recht, in heiligem Boden begraben zu werden.

Sie selbst waren sieben Jahre lang Priesterschüler und haben jede Woche gebeichtet. Mit zwanzig verließen Sie das Priesterseminar, um in Oxford Literatur zu studieren. Warum?
Ich wusste in meinem tiefsten Inneren - und in meinen Genitalien - dass ich nicht für ein zölibatäres Leben geeignet war. Mir behagte das klerikale Ethos des Priestertums nicht, in dem wir damals aufgezogen wurden. Wir Priesterschüler waren ziemlich unschuldige Burschen, mussten aber moral- und pastoraltheologische Wälzer studieren, in denen auf Lateinisch alle möglichen Arten sexueller Empfindung abgehandelt wurden: Orgasmen von Eunuchen, Orgasmen bei der Fahrt mit dem Fahrrad oder dem Reiten auf einem Pferd, Orgasmen beim Tanzen. All das wurde in unseren Lehrbüchern fein säuberlich klassifiziert und als Todsünde verurteilt, selbst eine Samenspende beim Arzt.

Ganz zu schweigen von der Masturbation, die Sie in Ihrem Buch als »die größte Einzelobsession der katholischen Moraltheologie« bezeichnen. Welche Strafen standen denn darauf?
Schon die irischen Bußkataloge des 8. Jahrhunderts befassten sich ausführlich mit allen Spielarten der Selbstbefriedigung, auch der unter Priestern. Geistliche, die durch sündige Gedanken einen Samenerguss bekamen, sollten eine Woche fasten - drei Wochen, wenn sie selbst Hand angelegt hatten. Für jede Spielart der Selbstbefriedigung hatten sich die kirchlichen Verfasser spezielle Bußtarife ausgedacht: »Derjenige, der seinen Samen ergießt, während er in der Kirche schläft, der tue drei Tage lang Buße. Wenn er sich selbst stimuliert, so tue er für die erstmalige Sünde zwanzig und für das zweite Mal vierzig Tage Buße.«

Es klingt, als wäre den Beichtvätern nichts Weltliches fremd?

Mit der Zeit entwickelte die Sache eine Eigendynamik. Im Mittelalter sollten Priester die Beichtenden regelrecht ins Kreuzverhör nehmen, wenn sie den Verdacht hatten, dass ein Fall von Ehebruch oder Inzest vorliegen könnte. Es entstanden immer mehr Handbücher, in denen Sündenregister bis ins kleinste Detail kategorisiert wurden. Da gab es alles, von der flüchtigen Berührung und einem Kuss bis hin zur Vergewaltigung von Nonnen. Das Erstaunlichste ist die Bedeutung der Selbstbefriedigung in diesen Bußkatalogen. Masturbation galt als größere Sünde als die Entführung und Vergewaltigung einer Jungfrau. Das war noch 500 Jahre später so, als ich im Priesterseminar studierte. Eines unserer Lehrbücher enthielt allein fünf Seiten über Masturbation, aber nur eine Drittelseite über Vergewaltigung. Von Kindesmissbrauch war in dem ganzen vierbändigen Werk überhaupt nicht die Rede, obwohl eine Passage über »Anstiftung« im Beichtstuhl zeigt, dass Missbrauch in der Beichte als Problem erkannt wurde.

Woher kommt diese Obsession?
Ich denke, sie kommt aus einer tiefen Verunsicherung innerhalb des Klerus. Ein Kind hat ja erst mal keine Angst davor, sich selbst zu berühren. Es ist der Pfarrer, der darin eine Sünde sieht. Aber wenn man einem Kind schon im Alter von sechs Jahren immer wieder eintrichtert, was für eine monströse Sünde das sei, führt das natürlich zu Angstzuständen und einem großen inneren Druck. Das ist nicht nur in katholischen Kreisen so. Denken Sie an den lutherischen Pfarrer in Michael Hanekes Film Das weiße Band, der seinen Sohn nachts fesselt, damit der sich nicht selbst befriedigt.

Sünden gibt es viele. Warum aber kommt man beim Sprechen über die Beichte immer wieder auf das Thema Sexualität?
In der frühchristlichen Kirche glaubte man, dass die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorsteht; um dann in den Himmel zu kommen, musste man die Reinheit eines Engels haben. Die christliche Kirche hat diese frühe Verteufelung der Sexualität nie ganz überwunden, zusammen mit der Vorstellung, dass Frauen irgendwie unrein sind. Seit dem Mittelalter dann verstieg sich die katholische Moraltheologie immer mehr in die Differenzierung zwischen lässlichen Sünden und Todsünden, um die es in der Beichte ging. Als Papst Johannes Paul II. 1983 die Generalabsolution wieder abschaffte, bestand er darauf, dass Todsünden nur durch Privatbeichte durch einen Priester absolviert werden durften. Wenn Sie als gläubiger Katholik, wie seit Pius X. üblich, jede Woche zur Beichte gehen, müssen Sie sich schon etwas einfallen lassen, um überhaupt beichten zu können. Und zu den sogenannten »Todsünden« zählten für Johannes Paul II. ja nicht nur Mord oder Ehebruch, sondern auch der Gebrauch von Kondomen, außerehelicher Sex oder die Hingabe an »unreine Gedanken«.
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