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aus Heft 06/2014 Gesellschaft/Leben

Die Polizei, dein Freund und Vater

Roland Schulz  Foto: Sigrid Reinichs

Zwei Mal hatte der Kriminalhauptmeister Carlos Benede mit Jungs zu tun, deren Mütter ermordet wurden - von den Vätern der Kinder. Zwei Mal fasste er sich ein Herz und adoptierte sie. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Beamten.



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Seinen jüngsten Sohn bekam Carlos Benede nach einem Anruf der Mordkommission. Es war ein Mittwoch, kurz vor Mitternacht; Benede war fast im Bett. Als er abhob, schalteten sie ihn zur Kripo auf. Stumm hörte er, was geschehen war. Eine Mutter. Ermordet vom Vater. Wenig später waren die Streifenwagen da, eine Kollegin trug den Kleinen herein. Er schlief. Benede bettete ihn in sein Schlafzimmer und schickte alle fort. Allein saß er an der Seite des Kindes und wachte.

Seine Freunde sagen, Carlos Benede sei ein Bauchmensch. Einer, der Entscheidungen nur aus dem Gefühl heraus treffe. Das stimmt nicht. Manche Entscheidungen muss Benede erkämpfen. Er sagt dann, da müsse er mal eine Nacht drüber schlafen. Er schläft nie in diesen Nächten.

Als der Morgen graute, fand Benedes ältester Sohn seinen Vater im Sessel, schlaflos. Sie sprachen nicht viel. Noch in der Nacht hatte Benede den Sohn geweckt und gesagt, du, da ist einer, dem ist dasselbe passiert wie dir. Mehr hatte er nicht sagen wollen, weil er Angst hatte, was seine Worte aufwühlen würden. Jetzt saßen sie da und warteten. Draußen ging die Sonne über Dachau auf. Dann wurde der Kleine wach.

Carlos Benede ist fünfzig Jahre alt, ein Mann von aufrechter Haltung und herzhafter Art. Auf flüchtigen Blick wirkt er wie ein Mensch aus der Fremde, Amerikaner vielleicht. Dann macht er den Mund auf und man hört München, wie es einmal war. Benede spricht ein Bairisch, so derb und sanft, wie es in der Stadt weitgehend ausgelöscht ist. Wenn die Jungen, die ihm die Ämter als schwer erziehbar schicken, Benede das erste Mal sehen, können sie kaum glauben, dass er ein Bulle ist.

Er war erst Ermittler, Rauschgift. Dann lange Kripo. Jetzt E3, die Abteilung Einsatz in der Ettstraße, Sitz des Münchner Polizeipräsidiums. Aber nur noch halbtags. Er ist alleinerziehender Vater. Er hat zwei Adoptivsöhne, ein gutes Dutzend Jugendliche mehr, um die er sich sorgt, und vor einem Jahr ein Haus eröffnet, das Kindern eine Heimat sein soll, die sonst keine haben. Er findet, das sei er seinem Leben schuldig.

Benede kam auf Umwegen zur Polizei. Er war weit über zwanzig, ein Stenz mit einer Gitarre. Er hatte Musikunterricht gegeben damals, in einem Jugendtreff. Ein Schüler war der Sohn eines Kriminaldirektors, der sich diesen Benede mal ansehen wollte, der Meuten junger Burschen mit Musikstunden zu bändigen wusste. Er überredete Benede, ein Altanwärter zu werden, so nennt die Polizei ihre Spätberufenen.

Monate zuvor war die Mauer gefallen, im Osten standen die Grenzen offen, die Polizei verzeichnete einen Boom im überörtlichen Handel mit Betäubungsmitteln. Benede sah nicht aus wie ein bayerischer Kriminalbeamter, das machte ihn kostbar. Sie setzten ihn als verdeckten Ermittler ein. Benede spricht nicht über diese Zeit, ist ihm verboten.

Nach sechs Jahren hatte er genug. Dauernd im Einsatz. Nicht drüber sprechen dürfen. Die Beziehung im Eimer. Er wechselte an die Ettstraße, zur Münchner Polizei. Nun suchte er Drogen nicht mehr im Ausland, sondern draußen in Riem, wo auf den Raves am alten Flughafen immer irgendeiner auf Pille Techno tanzte. Er nahm die Umstellung nicht leicht. Bislang hatte er nur die Brocken erledigt, organisiertes Verbrechen oder mal einen Deppen, der sich für schlau hielt. Jetzt hatte er Jugendliche, gerade volljährig, die zwar dealten, aber vor allem selbst drauf waren. Seine Vorgesetzten spürten seine Zweifel. Carlos, schärften sie ihm ein, Sie sind kein Sozialarbeiter. Sie sind Kripo-Mann. Benede war ein guter Polizist. Er tat seine Pflicht. Als er ankündigte, aus dem Polizeidienst ausscheiden zu wollen, sagte der Chef, er solle noch warten, es werde gerade ein neues Kommissariat aufgebaut, genau das richtige für einen wie ihn. So kam Benede zu K 314.

In jenen Jahren erlebte die Polizei einen Wandel. Einst war die Arbeit einfach gewesen: Im Zentrum stand der Täter und seine Tat. Die andere Seite eines Verbrechens, das Opfer, spielte kaum eine Rolle, und wenn, dann als Zeuge. Manchmal vernahmen Ermittler Menschen, die einen Mord beobachtet hatten, noch im Schock. In München beschloss man Ende der Neunzigerjahre, ein eigenes Kommissariat zu schaffen für Prävention und Opferschutz. Hartgesottene Einsatzkräfte taten die Idee als Traumtänzerei ab. Prävention, das war doch das Kasperltheater, mit dem die Verkehrserziehung durch die Grundschulen tingelte. Opferschutz? Sie verspotteten das neue Kommissariat als Kuschelpolizei. Benede war es egal.

Er genoss die Freiheit, die sich am Anfang auftat. Alles war neu, für Mitgefühl sah die Dienstvorschrift keine Muster vor. Benede handelte aus dem Bauch heraus. Er übernahm schwere Fälle. Übergriffe. Häusliche Gewalt. Sexuellen Missbrauch. Abgründe waren seine Arbeit. Er stellte fest, dass er eine Ader dafür hatte.

Wer Benede trifft, erlebt einen unsteten Mann. Alles an ihm ist aufrichtiges Lachen, aber er hat etwas Flüchtiges. Er hält selten inne. Er scheint stets auf dem Sprung. Wenn er sich aber einmal entschließt, einen Menschen anzuhören, ist Benede ganz und gar bei ihm. Im Grunde hört er mit den Augen zu. Bei K 314 war Benede bald eine Kraft. Menschen vertrauten ihm.

Er ging mit Opfern zu Gericht und beschützte sie, wenn sie sich aus dem Leben mit ihren Peinigern lösten. Er machte die Erfahrung, dass manche Menschen in Angst und Leid Ertrinkenden gleichen. Sie schlugen um sich, und wenn er sie weit draußen erreichte, musste er achtgeben, dass er nicht selbst absoff, wenn sie sich an ihn klammerten. Es gab Hilfe. Einmal im Monat sahen die Polizeipsychologen Supervision vor.

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So überschwänglich wie Carlos Benede würde auch Roland Schulz gern mal in einem Restaurant begrüßt werden: Wenn der Polizist seine Stammpizzeria betritt, bekommt er den besten Platz, sofort ein Weißbier serviert, und schon steht die Vorspeise da. Der Grund: Auch der Oberkellner war ein schwer erziehbarer Jugendlicher, den Benede einst betreut hat.

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