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aus Heft 11/2014 Männer

Willem Dafoe

Seite 2: »Erst wenn man seine gelernten Verhaltensweisen verlässt, kann man jemand anders werden.«

Marc Baumann (Interview) 

Kann dieser junge Mann zum Monster werden? Auf dem Foto: undenkbar. Auf der Leinwand: ja.

Sie waren in den späten Sechzigerjahren jung, in einer sehr politischen Zeit in Amerika. Ist das bis zu Ihnen nach Appleton durchgedrungen?
Oh ja! Wenn meine älteren Geschwister, die schon studiert haben, in den Semesterferien nach Hause kamen, haben wir gemerkt, wie sie die Universität radikalisiert hat in ihrem Denken. Sie waren alle auf der Universität Wisconsin, da passierte viel, es gab sogar einen Bombenanschlag. Durch meine Geschwister bekam ich das alles mit.

Und doch haben Sie sich für das Theater, für eine Fantasiewelt entschieden. Warum?
Theater, wie wir es gespielt haben, ist politisch, es kann Menschen verändern. Sogar der Hollywoodfilm Spider-Man, in dem ich gespielt habe, hatte eine politische Botschaft. Ich bin politisch engagiert, nur auf eine andere Art als Menschen, die protestieren.

Erinnern Sie sich noch an Klaus Daimler?
Oh, ja. Ein toller Name, nicht?

Das war Ihre Rolle in dem Wes Anderson Film Die Tiefseetaucher. Sie haben Klaus mit großer Ernsthaftigkeit gespielt, aber zugleich mit diesem lustigen deutschen Akzent gesprochen. Eine fremde Sprache ist die Eingangstür in eine Rolle, haben Sie mal gesagt. Nun gilt Deutsch im Ausland als Befehlstonsprache. Was für einen Raum betreten Sie mit dem Deutschen?
Mich so reden zu hören schafft eine Distanz zu dem Willem, den ich kenne. Erst wenn man seine gelernten Verhaltensweisen verlässt, kann man jemand anders werden. Ganz einfache Dinge können der Auslöser sein, ein Kostüm, bayerische Lederhosen.

Sie leben einen Teil des Jahres mit Ihrer italienischen Frau in Rom. Dort spricht man lebendiger, gestenreicher, schauspielerischer. Ist Deutsch verglichen dazu wie ein Korsett?
Nein, so habe ich es nicht empfunden. Was ich an Klaus Daimler mochte, war, dass er so klischeehaft deutsch war, so diszipliniert und fleißig. Wissen Sie, ich kenne genug Deutsche privat, um zu wissen, dass das absolut gar nicht stimmt.

Also sind wir Deutsche doch nicht so überkorrekt?
Klaus Daimler tat, als ob er alles unter Kontrolle hatte, aber eigentlich war er so sensibel und hatte gar nichts im Griff. Das mochte ich an Klaus, sein Scheitern war in seiner Lächerlichkeit so menschlich. Diese Maske der Effizienz, hinter der er unsicher und ineffizient war, wie wir alle.

Sie müssen ein sehr effizienter Schauspieler sein, die Liste Ihrer Filme und Theaterstücke ist beachtlich lang. Gab es Entscheidungen für oder gegen Rollen, die Sie bereuen?
In Hollywood reden die Leute oft darüber, wie anders Filme geworden wären, wenn etwa nicht Vivien Leigh in Vom Winde verweht gespielt hätte, sondern Ingrid Bergman. Ich bereue nichts, aber die Vorstellung ist interessant, was passiert wäre, wenn ich andere Rollen angenommen hätte.

Sie haben Madonnas Liebhaber gespielt und einen Fisch in Findet Nemo gesprochen. Sie hatten die Hauptrollen in Die letzte Versuchung Christi und Antichrist. Kann es sein, dass Sie schon jede denkbare Rolle gespielt haben?
Ich denke nicht so in Rollen, ich denke an die Personen, mit denen ich arbeiten möchte. Ich mag es, nützlich zu sein am Set, ein Werkzeug eines Regisseurs zu sein, das erfüllt mich.

Warum sind Sie nicht in einer der viel gelobten neuen TV-Serien wie Homeland zu sehen?
Ich sehe wirklich nie fern. Das Fernsehen spielt eine viel zu große Rolle in unserem Leben, gesellschaftlich, kulturell. Und beim Fernsehen nimmt man noch viel mehr Rücksicht auf den Publikumserfolg. Zumindest die Kinoregisseure, die ich mag, sehen in Filmen weniger ein Kalkül als TV-Regisseure. Ich bin da altmodisch – ich mag Filme, deren Produktion ein Abenteuer ist.

Auf Twitter schreiben Besucher noch im Kinosaal, ob sie den Film gut oder schlecht fanden. Achten Sie auf so etwas?
Nein. Aber neulich habe ich unter einem Artikel über mich den Kommentar gelesen: »Ich werde so weinen, wenn Willem Dafoe stirbt!« Ich lache, aber das hat mich wirklich bewegt.

Wird Willem Dafoe vor der Kamera alt werden?
Die Kraft alter Schauspieler, die seit sehr langer Zeit vor der Kamera stehen, ist etwas sehr Schönes. Die Weisheit, mit der sie sich vor der Kamera bewegen. Ich hoffe, dass ich das eines Tages erreiche.

(Foto aktuell: reuters; Foto alt: hgm-press)
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Marc Baumann war überrascht, als Willem Dafoe ihm beim Interview den Arm auf die Schulter legte, um gemeinsam eine Filmszene nachzuspielen. Dafoe war grandios, Baumann noch verschreckter als beim Krippenspiel 1983 in der Grundschule.

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