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aus Heft 15/2014 Gesellschaft/Leben

Müde bin ich...

Kathrin Passig  Fotos: Ted Spagna

... aber finde ich Ruh? Andere Länder, andere Betten: Wie Decken und Matratzen die Menschheit prägen. Eine Kulturgeschichte des Schlafens.


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Die Geschichte des Betts ist gut erforscht, Betten sind die Dinosaurierknochen der Schlafforschung. Das Wissen über Schlafgewohnheiten aber überdauert das Vergehen der Zeit nicht viel besser als die Weichteile des Archaeopteryx. Zum Glück ist das Internet eine reiche Fundgrube für Informationen über Schlafzubehör, Schlafgewohnheiten und Wechselwirkungen zwischen beidem.

Eine große Rolle spielt dabei der Konflikt zwischen südeuropäisch-nordamerikanischem und nordeuropäischem Bettensystem. In einigen südeuropäischen Ländern, in Frankreich und in den USA wird über der bezogenen Matratze ein zweites, größeres Laken an drei Seiten festgesteckt. Darauf kommt eine dünne, unbezogene Decke, über die der Rand des Oberlakens zurückgeschlagen wird. In Deutschland, der Schweiz, Österreich, Skandinavien, Osteuropa und Japan verwendet man eine Decke, die in einem separaten Bezug steckt. Großbritannien, Irland und Australien bewegen sich seit den Siebzigerjahren allmählich vom Zwei-Laken-System weg. Die internationale Ausbreitung der bezogenen Bettdecke wird wahrscheinlich vor allem von Ikea vorangetrieben. Selbst in den USA, wo zwei Laken nach wie vor Standard sind, bietet Ikea Decken und Bezüge nach skandinavischem Modell an.

Über eine Zwischenform berichtet der Nutzer Gorgioff im Diskussionsforum der Übersetzerplattform dict.leo.org: »Als ich Kind war, in den Fünfzigerjahren, wurde ein Bett in der Deutschschweiz so hergerichtet: Auf die Matratze kam zunächst eine gummierte Matte, darüber eine dünne weiche Decke, Molton genannt. Dann wurde ein Unterleintuch genanntes Laken aufgezogen und an allen vier Ecken energisch festgesteckt. Es folgte das Oberleintuch, über das im Winter noch eine Wolldecke gelegt wurde; dieses wurde nur unten über die Matratzenecken geschlagen, oben aber so umgelegt, dass die häufig am oberen Ende angebrachten Zierstreifen oder Stickereien sichtbar waren. Nun folgten die dick gefüllte schwere Bettdecke und das Kissen, die natürlich wiederum in geeigneten Bezügen steckten. Der Schlafkomfort in einer solchen Installation ließ zu wünschen übrig, weil sich das häufig zu straff gespannte Oberleintuch nicht wirklich an den Körper anschmiegen wollte. Zerrte man es heraus, um es wärmer zu haben, wurde man mit Komplikationen beim morgendlichen Bettenmachen bestraft. Schlafen ohne Oberleintuch und Wolldecke, bloß mit Duvet, kam erst nach 1965 in Mode und wurde bei uns nordisch schlafen genannt.«

Dass etwas so Elementares und Selbstverständliches wie ein Bett in anderen Ländern anders ausfällt, gibt in Reiseforen oft Anlass zu Klagen: »Im ›City Hilton‹ in München fand ich die Bettwäsche sehr ungewöhnlich: Auf einer Doppelmatratze gab es zwei schmale Bett­decken, jede mit einem Überzug aus Bettlakenstoff. Andere Laken gab es überhaupt nicht! Nachts wurde es warm im Zimmer, und dann konnte man nur entweder unter der viel zu warmen Decke liegen oder ganz unbedeckt schlafen. Das Hotel war ansonsten sehr schön, aber das hat mich doch sehr gestört.«

Diese Proteste sind nicht neu: Kronprinzessin Victoria klagte 1861 in einem Brief an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, sie habe die Kinder mit deutschen Federbetten zugedeckt gefunden statt mit ihren »feinen, weichen, schönen englischen Wollenen Decken«, das sei »erschlaffend u. ungesund!« Auch Jules Verne war unzufrieden mit der deutschen Schlafkultur: »Erschöpft von den Anstrengungen des Tages, schlüpfte Schwartz in das kleine, so unbequeme Bett, wie es eben nur ein deutsches Bett sein kann.« (Die 500 Millionen der Begum, 1879)

Solche Verständnisprobleme entstehen nicht dadurch, dass die Barbaren in der jeweiligen Gegend einfach noch nicht verstanden haben, was zum bequemen Schlafen nötig ist. Den Schläfern fehlen die nötigen Körpertechniken. Der französische Ethnologe Marcel Mauss beschrieb 1934 in einem Essay, wie sich die Schwimmstile seit seiner Jugend verändert hatten und wie junge Französinnen aus dem Kino die amerikanische Gangart mitbrachten. Für diese unterschiedlichen Umgangsweisen mit dem Werkzeug des Körpers fand er den Begriff »Körpertechniken«. In den letzten Jahrzehnten konnte man eine Veränderung von Körpertechniken zum Beispiel im Wintersport beobachten: Der Skifahrstil des 20. Jahrhunderts begann mit dem Aufkommen des – seinerseits vom Surfen beeinflussten – Snowboardens eckig und altmodisch auszusehen. Im Zusammenspiel mit der Einführung der Carvingski sind die Bewegungen aus dem Snowboarden inzwischen ins Skifahren hinübergewandert.
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Kathrin Passig ist Sachbuchautorin und schläft in einem Wasserbett in Berlin. Sie leidet an Narkolepsie (im Volksmund: Schlafkrankheit), die dazu führt, dass sie auch sonst überall einschläft: auf harten Flughafenbänken, beim Fahrradfahren und in der Schlange an der Kinokasse. Ted Spagna (1943-1989) fotografierte seine Schläfer stets von oben. Seine Kamera war an einem Gerüst über dem Bett montiert. Er selbst nannte diesen Blick »God’s eye view«, die Gottesperspektive. Sein Werk gilt heute als Klassiker.