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aus Heft 17/2014 Gesellschaft/Leben

Sonst noch was?

Seite 2: Ein bisschen mehr an Sicherheit ist immer ein bisschen weniger an Freiheit – und umgekehrt.

Tobias Haberl  Illustration: Ted Parker


Es ist eine Tatsache, dass den Frauen der Zugang in die Chefetagen und damit zu beruflicher Verwirklichung ermöglicht werden muss. Es ist aber auch eine Tatsache, dass sich jetzt auch noch die andere Hälfte der Menschheit in die Hände einer Effizienz- und Wachstumslogik begeben hat, die erstens Stress auslöst und zweitens Mütter und Väter immer mehr zu Konkurrenten werden lässt. Laut Statistischem Bundesamt halten 68 Prozent der Deutschen die Karriere der Frau für das größte Konfliktpotenzial in einer Beziehung. Warum? Weil sie sich ständig vergleichen: Wer verdient mehr? Wer arbeitet weniger? Wer kann sich besser verwirklichen? Wer muss sich stärker einschränken? Alle zusammen jagen wir der Utopie eines sich ständig steigernden Lebensgefühls hinterher und rennen immer wieder gegen die Wand, weil sich Glück nun mal nicht organisieren lässt, sondern immer nebenbei stattfindet.

Alle suchen Bestätigung im Beruf, Bestätigung durch den Partner, Bestätigung durch die Kinder, Bestätigung auf Facebook. Und wenn wir doch mal auf etwas verzichten, dann freiwillig, aus eigenem Antrieb, auf Kohlensäure im Wasser oder Zucker im Kaffee. Wir verzichten nicht, um zu entsagen, sondern, um davon zu profitieren, das ist ein Unterschied. Gut möglich, dass viele sich deshalb lieber im Netz als in der Wirklichkeit aufhalten. Weil wir dort alles zu jeder Zeit auf Knopfdruck bekommen. Wir füllen Warenkörbe, bestellen, schicken zurück, bestellen neu. Wir lernen Menschen kennen, verlieren das Interesse, klicken sie weg, lernen neue kennen, alles – scheinbar – ohne Konsequenzen. Die Logik des Netzes ist rein konsumistisch. Das Leben aber ist dialektisch organisiert: Legt man auf der einen Seite etwas in den Warenkorb hinein, fällt auf der anderen Seite etwas heraus. Ein bisschen mehr an Sicherheit ist immer ein bisschen weniger an Freiheit – und umgekehrt. Ein bisschen mehr an Gesundheit ist meistens ein bisschen weniger an Spaß – und umgekehrt. »Es gibt keinen Gewinn ohne Verlust und keinen Verlust ohne Gewinn«, sagt die ungarische Philosophin Ágnes Heller. Mit jeder Entscheidung für etwas entscheiden wir uns gleichzeitig gegen etwas anderes. Wir müssen immer einen Preis zahlen. Wir sind immer noch zur Freiheit verurteilt. Aber vor lauter technischer Machbarkeitshysterie und digitalem Möglichkeitswahn fällt es uns immer schwerer, Entscheidungen zu treffen und die dazugehörenden Konsequenzen zu tragen. Es scheint, als wäre uns das Wissen abhandengekommen, dass Entsagung nicht nur möglich ist, sondern auch Glück bedeuten kann.

Wir könnten doch wenigstens mal versuchen, unsere Vorstellung vom geglückten Leben zu überdenken und uns ernsthaft zu fragen: Worauf bin ich zu verzichten bereit, weil mir mein Kind, meine Gesundheit, meine immer älter werdenden Eltern oder meine Integrität wichtiger sind? Auf die nächste Stufe der Karriereleiter? Auf die um 15 Quadratmeter größere Wohnung? Auf das, was ich mir früher unter einem unabhängigen Leben vorgestellt habe? Ist es wirklich so undenkbar, zugunsten eines Kindes auf die nächste Mini-beförderung zu verzichten oder – warum nicht? – umgekehrt, weil sich jemand halt nur dann spürt, wenn er nicht zwei, sondern dreihundert Leuten sagen kann, was sie tun oder lassen sollen? Alle reden davon, dass wir nur noch teilen und nichts mehr besitzen wollen, dabei stecken wir bis zu den Kragen unserer Kaschmirpullover in einer narzisstischen Repräsentationskultur des Vergleichens und Angebens, in der wir Kinder als Bedrohung für unseren eigenen Status wahrnehmen.

Bis heute haben wir nie unsere Ansprüche modifiziert, sondern immer nur die Methode, mit der wir diese zu erfüllen gedenken: Also sind wir noch früher aufgestanden, haben noch mehr Yoga gemacht und noch mehr gedünstetes Gemüse gegessen. Haben noch strukturierter organisiert, noch präziser geplant, noch effizienter konferiert und noch flexibler gelebt. Irgendwann haben wir angefangen, Betriebskindergärten zu fordern, die natürlich eine feine Sache sind, aber halt auch der Beleg dafür, dass wir unsere Kinder jetzt auch noch in unser Arbeitsleben integrieren oder sagen wir: hineinzerren, dass also die Sphäre der Arbeit immer mehr in unser privates Leben hineinwuchert, damit wir den Anforderungen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems noch geschmeidiger entsprechen können. Am Ende schnellte die Burn-out-Quote innerhalb von zehn Jahren um 1400 Prozent noch oben.

Es klingt gespenstisch, aber wir sind längst eine Gesellschaft, die in einem erschöpfenden Tag im Büro mehr Bestätigung findet als in den Augen unserer Kinder. Die Geburtenrate in Deutschland ist mit 1,38 die niedrigste in der gesamten EU. Vor 50 Jahren war sie noch fast doppelt so hoch. Pro 1000 Einwohner werden in Deutschland nur 8,4 Kinder geboren. In den USA sind es 13,7, in Brasilien 15,2 und in Uganda 45,8. Ausgerechnet in dem Land, das weltweit die beste Infrastruktur bereitstellt, ein Kind zur Welt zu bringen und zu einem gesunden und glücklichen Menschen zu erziehen, werden fast keine mehr geboren, weil sie uns beim Leben und Arbeiten stören.

Alle schimpfen wir auf die gierigen Zocker, Banker und Hedgefondsmanager, auf ein System, das notwendigerweise auf Wachstum beruht und zu wenig Rücksicht auf Familien nimmt, dabei sind wir das Schmieröl dieses Systems, indem wir unser Leben exakt definierten Effizienzkriterien unterworfen haben. Denn Karriere machen wollen wir ja nicht, um überleben zu können, sondern weil wir finden, dass unser Lebensstandard ruhig mal wieder einen Tick nach oben geschraubt werden könnte. Genau wie die Banker, genau wie die Hedgefondsmanager. Früher war der unbedingte Wille zur Familie ein bürgerliches Bekenntnis. Heute ist er revolutionär, weil er sich in seiner Absolutheit gegen die Anforderungen eines Zeitgeistes richtet, der ständige Flexibilität und Selbstoptimierung verlangt.

»Das stabile Paar wird zur letzten Bastion gegen die Fliehkräfte eines total gewordenen Marktes«, schreibt der Publizist Wolfram Eilenberger. Die Soziologin Eva Illouz definiert das monogame Paar als »letzte soziale Einheit, dessen Funktionsprinzipien denen der kapitalistischen Kultur zuwiderlaufen«. Denn was tut man, wenn man sich für einen Menschen, eine Familie, ein Kind entscheidet: Man verzichtet freiwillig auf unendlich viele Optionen der Abwechslung und Selbstverwirklichung. Man legt sich fest. Schaffen wir es nicht, diesen Konflikt in uns aufzulösen, statt ihn an die Politik auszulagern und zu sozialisieren, werden wir bis ans Ende unserer Tage gestresst sein beim Versuch, mehrere Leben auf einmal zu führen, ein erfolgreiches, ein selbstloses, ein unabhängiges, ein aufopferndes und ganz wichtig: ein richtig intensives. Gewonnen haben dann die Typen, die gerahmte Bilder ihrer Frauen und Kinder auf dem Schreibtisch stehen haben, weil sie sie so selten zu Gesicht bekommen. Wir aber werden verloren haben. Wir werden erschöpft sein, eine halbe Stunde pro Woche zu Delfingesängen meditieren und Trost finden in Filmen und Büchern, geschrieben von Menschen, denen es genauso geht wie uns.

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Tobias Haberl empfiehlt zum Thema den Film Eltern mit Christiane Paul und Charly Hübner. Und allen, die arbeiten oder sich um die Kinder kümmern müssen, wenigstens die Szene, in der die komplette Familie samt Kleinkindern im Auto sitzt und laut ein Lied der Goldenen Zitronen singt: »Alles, was ich will, ist nur die Regierung stürzen«.