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aus Heft 30/2014 Gesellschaft/Leben

»Man kommt nie wieder wirklich zurück«

Seite 2: »Dieses knappe, karge Leben, das irgendwie behauptet und auch verteidigt werden musste, kennen wir beide.«

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Robert Brembeck



Streiten Sie sich auch manchmal, wenn Sie unterwegs sind?
Messner:
Zwischen uns gibt es keine Konkurrenz oder Eifersüchteleien. Streitigkeiten gibt es in der Wildnis nicht. Sie sind erst hinterher – in der Zivilisation – möglich und oft nicht zu lösen. Ich habe mich in meinem Leben draußen niemals wirklich gestritten. Sonst wäre ich nirgends hingekommen.

Sie beide eint die Grenzerfahrung als Lebensthema. Wann haben Sie diese Lust zum ersten Mal gespürt?
Ransmayr:
Für mich war die Wildnis immer das Gegenstück, die Ergänzung zum bürgerlichen Leben. Aber sie lag oft nicht jenseits von sieben Meeren, sondern vor der Haustür. Ich war tatsächlich lange überzeugt, in der Wildnis aufgewachsen zu sein, in den Flussauen der Traun in Oberösterreich, und sah dort kaum Unterschiede zum Mississippi oder dem Amazonas.
Messner: Ich war schon als Kind Abenteurer. Bei uns in Villnöß in Südtirol gab es keine Möglichkeit zu schwimmen oder Fußball zu spielen, also blieben uns nur die Berge und Wälder. Da haben wir uns ausprobiert.
Ransmayr: Reinhold ist in einem Dorf groß geworden, in dem sein Vater Dorfschullehrer war. Das war mein Vater in unserem Dorf auch. Dieses knappe, karge Leben, das irgendwie behauptet und auch verteidigt werden musste, kennen wir beide.
Messner: Das ist eine wichtige Basis, dass man sich nicht erklären muss.

Hat Ihr späteres Nomadenleben seinen Ursprung in der Enge Ihrer Kindheit?
Messner:
Vielleicht. Frei fühlte ich mich nur, wenn ich bergsteigen konnte. Mit fünf, sechs Jahren war ich auf einer Alm, wo ich Freiraum atmete. Dort zählten die Regeln des Dorfs nicht. Da stellte ich mir zum ersten Mal die Frage: Was ist hinter dieser Kante, jenseits dieser Wand? Wenn ich aber keinen Regeln unterworfen bin, trage ich plötzlich alle Verantwortung selbst. Das war prägend.
Ransmayr: Ich war zunächst ein süchtiges Lesekind, das oft schwer an Heimweh litt. Schon wenn ich die Dorfgrenze überschreiten musste, fühlte ich mich ausgesetzt. Aber die Lektüre hat auch Sehnsüchte geweckt. Ich konnte bereits im Vorschulalter lesen und habe das immer als Brücke empfunden: So war es plötzlich möglich, mich nach Amazonien zu versetzen, in die großen Berge, auf die Meere und Inseln, ohne meine Geborgenheit zu verlassen.

Und doch sind Sie irgendwann aufgebrochen.
Ransmayr:
Mit der Lektüre tauchte die Frage auf, ob die beschriebene Welt dort draußen tatsächlich so oder so ähnlich existiert. Ob es etwa diesen Höhenzug mit seinem Schattenwurf wirklich gibt. Oder diesen Küstenstrich. Darüber wurde das Heimweh allmählich zum Fernweh.

Sind die Sehnsuchtsorte, die Sie besucht haben, auch mal unter Ihren Erwartungen geblieben?
Ransmayr:
Nie. Ich war zunächst stets überwältigt von der Realität. Am Ende aber wuchsen meine eigenen, aus der Erfahrung formulierten Bilder wieder über die bloße Tatsache hinaus. Es ist ein geradezu triumphales Gefühl, für das, was einen bewegt oder erschüttert, einen sprachlichen Ausdruck zu finden, der zwischen Dokument und Poesie zu schweben beginnt.
Messner: In der Antarktis, dort, wo Frank Wild 1915 mit seinen Leuten einen ganzen Winter ausgehalten hat, auf Elephant Island, durfte ich 2006 mit einem kleinen Boot anlanden. Das war so berührend, da zu stehen und die Emotionen auf mich wirken zu lassen, die diese 22 Männer damals gehabt haben müssen.

Sie schreiben beide Bücher. Ziehen Sie einander beim Schreiben zu Rate?
Messner:
Ja, Christoph schickt mir ab und zu mal ein Kapitel.
Ransmayr: Es gibt ja trotz aller Reisen viele Dinge, die ich nie erlebt habe – und auch nicht erleben möchte. Beim Fliegenden Berg etwa gab es die höchsten Höhen betreffenden Stellen, an denen ich von Reinhold wissen wollte, ob er Einwände hat: das Bild von einem Schwarm toter Schmetterlinge beispielsweise, die bereift aus einem blauschwarzen Himmel herabschneien.
Messner: Davon habe ich ihm erzählt. Es gibt ein Tal am Manaslu, da wurden Schmetterlinge vom Aufwind so hoch getragen, dass sie erfroren und hinabfielen. Ich habe diese Beobachtung selbst auch zu Papier gebracht, aber eben nicht in der Intensität wie Christoph.
Ransmayr: Wenn ich so etwas verwende, frage ich natürlich vorher. Sollte Reinhold sagen: Nein, das ist mir zu persönlich, halte ich mich daran.

Im Fliegenden Berg klingt auch die Geschichte an, die Ihr Leben, Herr Messner, wie keine zweite geprägt hat: das Drama auf dem Nanga Parbat, bei dem Ihr Bruder ums Leben kam. War Ihnen das nicht zu persönlich?
Messner:
Nein, es sind ja andere Brüder in Christophs Buch. Außerdem vertraue ich ihm völlig. Vieles in diesem Buch ist auf einer gemeinsamen Reise entstanden. Es stimmt: Christoph wollte meine Nanga-Parbat-Geschichte aufschreiben, aber er hat’s dann nicht getan, sondern ist bei einer völlig anderen Geschichte gelandet. Er ist ja Romanautor.

Ist Reisen manchmal auch eine Flucht?
Ransmayr:
Manchmal, ja. Ich weiche Dingen und ihren Schatten gelegentlich aus. Aber nicht weil sie genug Macht über mein Leben hätten, um mich in die Flucht zu schlagen, sondern weil ich denke: Wenn ich schon über das Privileg der Mobilität verfüge, macht es keinen Sinn, mich hier in einer Auseinandersetzung zu verlieren, die offensichtlich jetzt nicht lösbar ist. Dann wechsle ich den Ort, selbst wenn ich, wie das früher der Fall war, zuvor monatelang in einer Fabrik oder sonstwo dafür arbeiten muss. Vielleicht mache ich unter dem Horizont Erfahrungen, die mich und mein Problem, das mich ja begleitet, verändern können.
Messner: Am Ende muss jeder in sein eigenes Leben zurück, hat Christoph mal geschrieben. Bei mir war Reisen immer Herausforderung, zumindest in meiner aktiven Zeit. Das hatte etwas Obsessives, das gebe ich zu. Jetzt fahre ich einfach weg und schaue mir die Welt an, am liebsten mit meiner Frau und meinen Kindern. Oder mit Christoph.

Als Tourist?
Messner:
Als neugieriger Mensch. Und zwar nicht da, wo alle sind, sondern an den Rändern. Da treffen sich Christophs und meine Interessen.
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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler kamen zeitgleich mit ihren Gesprächspartnern am Parkplatz vor Schloss Juval an. Messner lud gerade einen pinkfarbenen Dyson-Staubsauger und eine Tibetika-Figur aus seinem silberfarbenen Mercedes. »Das sind so die Sachen, die man auf dem Berg braucht«, sagte Ransmayr trocken.

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