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aus Heft 30/2014 Gesellschaft/Leben

»Man kommt nie wieder wirklich zurück«

Seite 3: »Ich brauche ein Nest, das ich selbst gestalten und aus dem mich niemand vertreiben kann.«

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Robert Brembeck



Herr Ransmayr hat mal gesagt: Reisen ist auch die Sehnsucht nach Rückkehr. Rückkehr wohin?
Ransmayr:
Aufbruch heißt ja nicht: ständiges Losgehen und Anlanden, immer weiter, sondern dass die Bewegung auch wieder an einen Punkt zurückführt. Die Kostbarkeit, auch die Schwierigkeit des Lebens, das man zurückgelassen hat, erscheint ja oft klarer, je leerer, je fordernder die Plätze werden, zu denen man sich aufmacht. Insofern ist die Reise an äußere Grenzen immer ein Verwandlungsprozess. Man kommt ja nie wieder wirklich zurück! Jedenfalls nicht an den Ort, den man verlassen hat, und nicht als der, der man vor dem Aufbruch war.

Was bedeutet viel gereisten Menschen wie Ihnen beiden das Wort »Heimat«?
Ransmayr: Heimat ist keine Spielzeugkiste, in der Idyllen, Weidevieh, Almhütten, Kirchtürme, flatternde Fahnen und anderer nationaler Plunder aufbewahrt werden. Heimat ist das Wissen, woher man kommt und in welchen Verhältnissen man groß geworden ist – denn alles, was ich über die Welt weiß oder zu wissen glaube, bleibt an Orte gebunden, vor allem an Menschen, die mir geholfen haben zu überleben. Auch geistig und spirituell. Dieses Wissen kann zum Schlüssel für das Verständnis der eigenen Existenz werden, lässt sich auch überall hin mitnehmen und erlaubt mir, mich überall zu Hause zu fühlen, selbst wenn es in meinem Dorf nur noch die Gräber meiner Eltern gibt.
Messner: Unsere Mutter hat uns als kleine Kinder einmal mitgenommen zu einem Bauernhof, der mit der steilste im Tal war. Der Bauer dort musste mit Steigeisen mähen. Aber die Lage des Gehöfts war unverwechselbar. Sie erzählte uns, wie dieser Bauer den Nazis, die ihn wie viele andere abwerben wollten, um ihn in die Krim oder in die Karpaten umzusiedeln, gesagt hatte: Ich gehe nur weg, wenn ich die gleichen steilen Wiesen mit den gleichen Bergen im Hintergrund bekomme. Das fällt mir immer ein, wenn ich an Heimat denke.
Ransmayr: Ich komme nicht von einem Hof, aber selbst wenn ich am Meer bin, höre ich in der Brandung manchmal den Traunsee plätschern, an dem ich zur Schule gegangen bin. Und denke ich an Berge, sehe ich immer noch manchmal die Ketten des Toten Gebirges und des Höllengebirges, so, wie ich sie aus den Fenstern meines Elternhauses in der Ferne gesehen habe.

Ihr Verhältnis zu Südtirol gilt als sehr ambivalent, Herr Messner. Viele sehen Sie als Nestbeschmutzer. Fühlen Sie sich dennoch heimisch?
Messner:
Ich bin ein Südtiroler, und Südtirol ist zum Glück keine Nation. Ich bin auch Europäer. Und weil ich mich mit dem Menschenschlag hier viel gerieben habe, bin ich in Südtirol verwurzelt. Ich habe ja mehrere Landwirtschaften und Museen hier aufgebaut. Außerdem hat Südtirol Anteil an den schönsten Landschaften weltweit. Ich wohne in einer Burg, bin Selbstversorger. Das ist meine Basis. Ich brauche ein Nest, das ich selbst gestalten und aus dem mich niemand vertreiben kann.

Manche halten Sie für einen Egoisten, Sie selbst haben sich sogar als Autisten bezeichnet.
Messner:
Ach, diese Egoistengeschichte, diese Heuchelei! Darüber rege ich mich gar nicht mehr auf. Es gibt keinen Menschen, der nicht auch Egoist wäre!
Ransmayr: Es geht ja nicht um den Egoismus als Ignorantentum, der nur die eigenen Ziele im Blick hat. In Reinholds Spur beispielsweise durch den Tiefschnee zu gehen, bedeutete immer auch, sicher zu sein, ohne den anderen dabei ständig in Rufweite zu haben. Reinhold hat nicht nur mit seinen Museen gezeigt, wie sehr ihm das Leben und die Kultur anderer Menschen am Herzen liegen, sondern er hat sich, etwa im Karakorum, auch mit einer Schule und einer Krankenstation für die Hilfe bedankt, die ihm die Dorfbewohner in den Tagen seiner eigenen Not am Fuß des Nanga Parbat geleistet haben.
Messner: Menschen sind hilfreich und gut, aber sie sind eben auch Egoisten. Warum darf man das nicht sein?

Wer entscheidet, wohin es geht, wenn Sie beide gemeinsam verreisen?
Ransmayr:
Wir reden ja oft über Menschen und ihre Orte. Und wenn einer von uns sagt, dort waren wir noch nie, machen wir uns unter Umständen mit der spielerischen Leichtigkeit von Reisenden auf den Weg, die ihrem Interesse und ihrer Neugier am Leben der anderen folgen dürfen, aber nicht müssen.
Messner: Einer überlegt sich was und fragt den anderen: Kommst du mit?
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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler kamen zeitgleich mit ihren Gesprächspartnern am Parkplatz vor Schloss Juval an. Messner lud gerade einen pinkfarbenen Dyson-Staubsauger und eine Tibetika-Figur aus seinem silberfarbenen Mercedes. »Das sind so die Sachen, die man auf dem Berg braucht«, sagte Ransmayr trocken.

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