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aus Heft 37/2014 Musik

»Musik kommt aus der Stille und führt in die Stille«

Malte Herwig  Fotos: Spencer Murphy

Der berühmte Pianist Alfred Brendel hat nun sechs Jahrzehnte auf der Bühne erlebt. Hier erzählt er, wer besser Klavier spielte als er, welche Pflaster auf die Finger gehören - und was ihm gegen den Lärm seiner Tochter hilft.




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SZ-Magazin: Herr Brendel, vor zwei Jahren hatten Sie einen Hörsturz. Was hören Sie heute, wenn Sie Musik hören?
Alfred Brendel: Ich kann die Geige noch sehr klar hören, aber das ist auch alles. Dabei hatte ich gehofft, dass ich in meinen letzten Jahren Haydn und Händel noch viel besser kennenlernen kann. Doch sie klingen zu verzerrt. Wenn die Musik sehr leise ist, ist es schwierig, weil sie zu leise ist. Wenn sie lauter wird, ist es schwierig, weil sie zu laut wird. Es ist kein Vergnügen mehr. Nun arbeite ich im Kopf an meinen Stücken weiter.

An welchen Stücken?
An denen, die ich in sechs Jahrzehnten gespielt habe. Ein ziemlich großes Repertoire. Bei dem einen oder anderen Stück denke ich: Du hast die Sache noch nicht gelöst, das kannst du besser machen. Dann spiele ich es im Kopf noch einmal neu ein.

Beethoven war 32, als er schrieb: »Es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.« Damals verschlechterte sich sein Gehör rapide.
Ja, das kann man sicher wörtlich nehmen. Ich war glücklich dran, weil die Erkrankung bei mir so spät kam. Ich kenne Kollegen, die sie viel früher bekommen haben. Ich habe mich so weit wie möglich damit abgefunden, denn das Klavierspielen war nie der einzige Lebensinhalt für mich. Ich bin ja auch Schriftsteller, und zwar nicht bloß nebenbei. Und ich kann immer noch Vorträge halten und Lesungen geben, hier und da Streichquartette anhören.

War es für Sie eine Erlösung oder eine Qual, nach sechs Jahrzehnten mit dem Konzertieren aufzuhören?
Eine Erleichterung. Ich wollte nicht spielen, wenn ich nicht gut genug spielen konnte. Das hätte aber bedeutet: Ich hätte noch viel üben müssen. Im Übrigen habe ich das Konzertieren nie wie eine Droge betrieben. Es gibt ja Kollegen, die müssen das haben wie Süchtige ihr Morphium. Ich habe freiwillig gespielt, deswegen konnte ich auch freiwillig aufhören. Es freut mich, rechtzeitig vom Podium abgetreten zu sein.

Sie sind ein schicksalsergebener Mensch?
Überhaupt nicht. Ich bin sogar äußerst aggressiv, was das Schicksal betrifft. Wenn ich daran denke, dass Schubert mit 31 Jahren sterben musste, dass Keats und Büchner so früh sterben mussten – ich bin nicht bereit, das zu verzeihen!

Auf Schuberts Wiener Grab steht der Spruch von Franz Grillparzer: »Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.«
Dabei kannte man bei seinem Tod nur die Lieder und zwei, drei Symphonien. Erst viel später hat sich herausgestellt, was da schon für ein großartiges Werk vorhanden war. Es gab sehr riskante Dinge, die er im letzten Jahr komponierte, da wäre sicher noch was herausgekommen. Ich finde, dass Schuberts Werk vielleicht unter allen Komponisten der erstaunlichste Fall ist mit fast tausend Werken in 31 Jahren, unter denen viele bedeutende sind. Nicht nur die Lieder, sondern vor allem auch die Instrumentalwerke der letzten acht Jahre.

In den Sechzigerjahren haben Sie sich nach Konzertabenden mit dem Sänger Hermann Prey in Fotoautomaten gesetzt und Grimassen zu Versen aus Schubert-Liedern geschnitten. Auch auf der Bühne haben Sie mit Ihrem Mienenspiel nie gegeizt.
Es gibt Pianisten, die haben ein ganz unbewegliches Gesicht. Es gibt andere, die zeigen mit ihrem Gesicht, was in der Musik vorgeht. Und dann gibt es solche, die unwillkürlich Gesichter schneiden. Dazu gehörte ich. Als ich jung war, hatte ich keine Ahnung, dass ich das tat. Die Leute haben immer gesagt, du musst aufpassen, du siehst so komisch aus. Und ich dachte, die reden jetzt über völlig unwichtiges Zeug, während ich versuche zu musizieren. Schließlich habe ich mich im Fernsehen gesehen und einen Schock bekommen. Besonders bei langsamen Passagen verzog ich mein Gesicht, dass es unerträglich war. Ich habe versucht, mir das mit Hilfe eines Spiegels abzugewöhnen, in den ich nicht direkt schaute, aber irgendwie einen Eindruck hatte. So wurde es besser, und auch das Publikum hat sich dran gewöhnt. Das Fernsehen durfte mich bei langsamen Passagen fortan nur noch von hinten filmen.

Sind Sie beim Spielen jemals ohnmächtig geworden?
Soviel ich weiß, nicht. Es wäre ja sehr eindrucksvoll gewesen.

Was hilft gegen Lampenfieber?
Ich rate jungen Pianisten, wenn sie auf die Bühne kommen, nicht ewig auf dem Stuhl zu sitzen und daran herumzuschrauben und die Hände zu strecken und vielleicht auf das Klavier zu legen und dann wieder wegzunehmen und schließlich anzufangen. Man muss gleich wissen, wie der Grundcharakter des Stückes ist, und diesen mitteilen. Ich würde auch nicht empfehlen, am Ende des Stückes noch minutenlang dazusitzen, um es besonders feierlich zu machen, bis die Leute klatschen dürfen. Es gibt Stücke, wo das notwendig ist. Aber als Regel finde ich das ein wenig lächerlich.

Was macht man mit Leuten, die nach dem ersten Satz applaudieren?
Gar nichts. Warten, bis sie aufhören. Zu Haydns Zeiten war das noch gang und gäbe.

Ist die feierlich-steife Atmosphäre übertrieben, die heute bei Klassikkonzerten herrscht? Wenn Liszt im 19. Jahrhundert spielte, glichen seine Auftritte heutigen Popkonzerten mit schreienden Fans.
Ja, Liszt unterhielt sich dabei sogar zwischendurch mit dem Publikum. Er war sicher der großartigste Pianist, den es je gab. Mir ist trotzdem die Stille lieber.

In den Fünfzigern zogen Sie in Wien die Blicke auf sich, als Sie mit einer Baby-Schildkröte durch den Musikverein spazierten.

Die Atmosphäre war dort ja immer feierlich. Also führte ich eines Tages die Schildkröte an einem seidenen Faden durchs Publikum, und die Leute tuschelten: Kann man so einen ernst nehmen? Leider lebte das Tier nicht sehr lang.

Ist Klavierspielen mehr athletisch oder intellektuell?
Beides natürlich. Athletisch ist es, wenn man ein bestimmtes Repertoire spielt, das sehr viel Kraft erfordert. Für das B-Dur-Konzert oder das D-Moll-Konzert von Brahms muss man schon eine gewisse athletische Fähigkeit haben. Seit ich vor mehr als 20 Jahren meinen linken Arm überanstrengt hatte, habe ich bestimmte, sehr athletische Stücke aus dem Repertoire genommen und die weniger athletischen gespielt. Auf Rachmaninow konnte ich leicht verzichten. Es gab immer genug anderes. Die Klavierliteratur ist so groß und so großartig.

Welchen Finger könnte ein Pianist am ehesten entbehren?

In der alten Klaviermusik wohl den Daumen. Da hat man eine Zeitlang nur mit den anderen Fingern gespielt.

In einem Ihrer Gedichte hat ein Pianist einen dritten Zeigefinger. Haben Sie sich das manchmal gewünscht?
Ach nein, zehn Finger reichen völlig. Ich habe eine Frau gekannt mit sechs Fingern an jeder Hand. Die hatte eine kleine Schallplattenfirma und betrieb ein Lokal in Paris. Sie hatte an jeder Hand noch einen kleinen Daumen neben dem anderen. Aber beim Klavierspielen hätte ihr das kaum geholfen – im Gegenteil, die Extradaumen wären im Weg gewesen.

Können Sie eine gute Fingerversicherung empfehlen?
Nein. Ich habe mich nie darum gekümmert.

Ihre Hände waren nie versichert?
Ich kann es nicht einmal sagen. Ich glaube nicht.

Dabei haben Sie sich mitunter die Finger wund gespielt. Auf alten Aufnahmen ist zu sehen, dass Sie beim Spielen Pflaster tragen.

Es waren bloß die Fingernägel. In den Fünfzigern sollte ich eine Reihe virtuoser Stücke für das Label Vox einspielen, darunter Strawinskys Petruschka. Irgendwann bemerkte ich, dass meine Fingernägel beinahe in Fransen herunterhingen, weil ich große Hände und lange Finger habe, wo manchmal der Griff bei einem Akkord oder bei einer Oktave auf die Fingernägel kommt. Und wenn man sehr perkussiv spielen muss wie bei Petruschka, muss man sich etwas einfallen lassen, um das zu verhindern. Seitdem trug ich immer Pflaster auf zwei oder drei Fingern. Das behindert einen nicht, solange man die richtigen Pflaster verwendet, Leukoplast und Hansaplast, dann gewöhnt man sich nach zwei, drei Tagen daran. Und es nimmt nichts von der Sensibilität weg.

Der schlechteste Flügel, auf dem Sie je spielen mussten?
Das war in Ballarat, einem der kältesten Orte Australiens. Ich war dort unvorsichtigerweise bei meinem ersten Besuch im Winter. Da saßen die Leute in Decken gehüllt, und ich sagte dem Publikum hinterher, ich hätte jetzt gern eine Axt, um den Flügel zu zertrümmern.

Besitzen Sie immer noch vier Flügel?
Ja, zwei Steinway und zwei Bösendorfer.

Ist Ihnen egal, wer darauf spielt, wenn Sie mal nicht mehr leben?
Ich werde natürlich versuchen, mit Hilfe einer Klavierstiftung die Flügel an Leute zu vergeben, die sie wirklich brauchen oder ihrer würdig sind. Also entweder sehr begabte junge Leute oder Institutionen, die einen besseren Flügel brauchen.

Also dürfte auch ein Schüler des von Ihnen wenig bewunderten Glenn Gould ran?
Hatte der überhaupt welche? Ich kenne keine Glenn-Gould-Schüler. Es gibt sicherlich Leute, die ihn nachahmen.
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Das altersschwache Piano seines Urgroßvaters, auf dem Malte Herwig Klavierspielen gelernt hatte, nahm ein trauriges Ende: Da niemand es haben wollte, haute ein Mitarbeiter eines Entrümpelungsunternehmens es in Stücke (Video: bit.ly/klavier-killer). Herwig behielt nur die Elfenbeintasten - und ließ eine von Alfred Brendel signieren. Auf Nachfrage schärfte der Pianist ihm ein, welche Kollegen auf keinen Fall die Tasten neben seiner bekommen sollten.

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