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aus Heft 38/2014 Männer

Nein, danke

David Pfeifer  Illustration: Rami Niemi

»Was kann daran schwierig sein?, dache ich. Und es wurde eine harte Prüfung.« Unser Autor nahm sich vor, ein Jahr lang nichts zu kaufen. Ein wertvoller Verzicht.


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Meine Schränke waren voll, ich brauchte größere, so ging mein neues Leben los. Der Schreiner kam mit einem Maßband, einem Block und einer Menge Fragen, die ich nicht beantworten konnte: Wie viele Fächer braucht man für Sportschuhe, die zu durchgelaufen sind, um in ihnen zu joggen, die wegzuschmeißen man aber nicht übers Herz bringt? Wohin mit den Platztellern, die man nur einmal im Jahr benutzt? Wie groß muss das Regal sein, in das die Bücher passen, die ich schon beim ersten Mal nicht zu Ende gelesen habe? Ab und zu stehe ich in meinem Leben und habe das Gefühl, ich werde von mir selbst verarscht. Dies war so ein Moment. Sich Schränke machen lassen für Dinge, die offensichtlich überflüssig sind? Mehr Luxusproblem geht ja wohl nicht. Und wenn ich merke, dass ich verarscht werde, neige ich zu harten Reaktionen – da mache ich auch vor mir nicht halt.

Also sagte ich dem Schreiner ab – und bald auch Nein zu einem neuen Jackett, neuen Büchern, der Pfeffermühle mit Peugeot-Mahlwerk. Ich nahm mir vor, ein Jahr lang nichts zu kaufen und dann noch mal zu überlegen, wegen der Schränke. Das war im August 2013. Meine eigene Handlungsanweisung lautete: nichts kaufen, was Platz in der Wohnung finden muss. Keine Kleidung, DVDs, Möbel. Erlaubt waren Lebensmittel, aber auch Theaterkarten, Skipässe, Zugtickets, also Lebensnotwendiges und Erlebnisse. Ein Jahr lang nichts kaufen, dachte ich, was kann daran schwierig sein? Es wurde eine harte Prüfung.

Von Natur aus bin ich kein Minimalist, der seinen Alltag auf hundert Gegenstände reduzieren möchte. Da müsste ich ja schon 3900 meiner Schallplatten loswerden. Ich liebe mein nutzloses Nashorn aus Nymphenburg-Porzellan. Zu meinem Mercedes-Benz 280 SL von 1981, den ich kaum fahre, habe ich ein zumindest halbromantisches Verhältnis. Sogar über meine Bücherregale freue ich mich häufig, seit ich die von Ikea rausgeworfen und durch ordentliche ersetzt habe. Meine Freundin klagt vor jedem meiner Geburtstage, es sei so schwer, mir was zu schenken. Das stimmt, ich kaufe mir schnell was, habe von vielem zu viel und schätze schöne Dinge. Mit ihnen entschädige ich mich für die Arbeit, die ich leisten musste, um das Geld zu verdienen, mit denen ich sie anschaffe. Geld, das nie genügen wird, um ausgesorgt zu haben – das aber doch etwas übrig lässt, um mich hin und wieder selbst zu belohnen.

Zur ersten Prüfung wurde eine Reise nach Marrakesch. Eine Freundin feierte dort ihren 45. Geburtstag. Die Konsumtristesse in westeuropäischen Innenstädten lässt mich kalt, seit überall die gleichen Läden aufgemacht haben, H&M, Zara, der nächste Apple-Store, noch ein Manufaktum. Alles nichts für mich. Aber in der Altstadt von Marrakesch nichts zu kaufen ist wie Strandurlaub, in dem man nicht ins Wasser darf. Man sieht die Handwerker, wie sie Holzlocken aus der Schnitzerei treiben, der Geruch von geschweißtem Metall und nassem Leder wird von der Hitze zusammengekocht, den Polsterern klebt die Farbe der Stoffe an den Fingerspitzen. Am ersten Tag führte ich noch eine Liste im Kopf, auf der ich alle Lederhocker, Lampen und Sandalen vermerkte, für die ich ein Jahr später wiederkommen wollte. Am zweiten Tag betrat ich die Geschäfte einfach nicht mehr. Das funktionierte besser. Der erste Lerneffekt: In einem Laden nichts zu kaufen, was man sich leisten könnte, fühlt sich an wie ein Verlust. Gar nicht erst reinzugehen hat was von Stärke.

Da mir die Schaufenster nun nichts mehr zu zeigen hatten, richtete sich mein Blick auf andere Dinge. Nach oben, auf die Architektur der Häuser, auf die Leute, die aus den Fenstern lehnten und die Touristen beobachteten wie Labortiere. Am dritten Tag hatte ich noch Zeit bis zum Rückflug, besorgte aber kein Souvenir, sondern ging drei Stunden in den Hamam. Ich ließ mich schrubben, massieren und rasieren. Im Halbschlaf belauschte ich das Geplapper der Männer, die von ein paar Diebinnen erzählten, die sich auf dem Jemaa el Fna hinter ihren Hidschabs verbergen, um nicht von der Polizei geschnappt zu werden. Auf dem Rückflug dachte ich, dass ich zu Hause viel lieber von dieser Geschichte als von einem neuen Lederhocker erzähle.

Zurück in Deutschland ging ich weiter nicht mehr in Geschäfte, und wenn Freunde Geburtstag hatten, schenkte ich selbst gebrannte CDs. Meine Mutter besuchte ich in Wien und lud sie so lange ins Theater und zu Konzerten ein, bis sie froh war, dass ich wieder abreiste. Da ich meine neuen Gewohnheiten häufig erklären musste, fiel mir auf, wie stark die Menschen auf mein Experiment reagierten. Selten habe ich so häufig den Satz gehört: »Das will ich unbedingt auch mal machen!« Fast so, als hätte ich mich an Neujahr entschlossen, keinen Alkohol mehr zu trinken und täglich Sport zu treiben, und würde als Einziger durchhalten. Da entdeckt man nach einer Weile erfreulichen Muskelwuchs, und die anderen beschleicht Neid, weil sie wissen, dass es ihnen auch gut täte, sie aber die Energie nicht aufbringen. Kurzum: Man fühlt sich besser, wirkt aber nicht unbedingt sympathischer.

Das merkte ich vor allem an Weihnachten, wo ich mir selber die größte Freude machte. Ich hatte schon Monate vorher klargemacht, dass ich niemanden besuchen würde, der ein Geschenk für mich hatte, was im Umkehrschluss bedeutete, dass auch ich nichts kaufen musste. Am 18. Dezember traf ich mich in Vorweihnachtsstimmung mit meinem ältesten Schulfreund, seinem Vater und seiner jüngeren Schwester zum Abendessen. Der Vater stapelte vor der Heizung hüfthoch Einkaufstüten, bestellte zwei Drinks, von denen keiner für eines seiner Kinder sein sollte, und erzählte eine Stunde lang von seinem Einkaufshorror, bevor er fragen konnte, wie es mir in den vergangenen 25 Jahren so ergangen war. Er schilderte den ganz normalen Wahnsinn, die überheizten Läden, die genervten Verkäufer, das Gedränge überall. Nachdem ich ihm entspannt von meinem Selbstversuch berichtet hatte, begann er seiner Tochter vorzuwerfen, dass sie konsumsüchtig sei. Als ich Stunden später nach Hause ging, freute ich mich
über die weihnachtlich geschmückten Schaufenster und dachte: Ein Glück, dass ich da nicht rein muss.

Und Weihnachten selbst? Meine künftige Schwiegermutter schenkte mir eine jagdgrüne Flanellhose. Sie gefiel mir so gut, dass ich es einfach nicht schaffte, beleidigt zu sein. Man will seinen Mitmenschen mit der eigenen Marotte ja nicht zur Last fallen. Aus diesem Grund empfinde ich Veganer häufig als schlechte Gesellschaft. Meine Freundin, die ebenfalls ein Jahr lang nichts kaufte, hielt sich aufs Liebevollste an unsere Handlungsanweisungen und schenkte mir trotzdem etwas Tolles: einen Tanzkurs. Daran werde ich vermutlich länger Freude haben als an einer Krawatte oder der Playstation 4.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm schrieb bereits 1976 ein Buch über den bedenkenswerten Unterschied zwischen Haben und Sein. Das Sein manifestiere sich aus dem, was wir an Klugheit, Fähigkeit und Herzensbildung im Laufe unseres Lebens sammeln. Das Haben stehe für das Anhäufen von Besitz, oft nur zum Selbstzweck. »Mehr als alles andere«, schrieb Fromm, »befriedigt vielleicht der Besitz von Eigentum das Verlangen nach Unsterblichkeit.« In einer Gesellschaft, in der wirtschaftlicher Abstieg als Schmach und Sterben als finales Scheitern bei der Selbstoptimierung gewertet werden, bin ich umso mehr, je mehr ich habe. Wer sich da reinsteigert und das Geld dazu hat, baut Pyramiden oder Hochhäuser mit seinem Namenszug dran.

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Solche Gedanken schlichen sich bei mir ein, nachdem ich ein halbes Jahr lang nichts gekauft hatte. Ich gruselte mich ein wenig vor meinem früheren Konsumverhalten, so wie man nach Monaten gesunder Ernährung keinen Appetit mehr auf Schweinebraten und acht Bier hat. Es sind ja nicht nur die Lockangebote, die permanent aus dem Internet nach uns greifen, die einen daran erinnern, was man schon alles gekauft hat. Lumas, Filippa K, Amazon und sogar Lego, bei denen ich vor Jahren online eine Drachenburg für meinen Patensohn bestellt habe, schicken mir fast täglich Werbeangebote. Natürlich habe ich aufgehört, sie anzuklicken. Nicht nur weil Amazon mittlerweile die Sympathiewerte eines Ölkonzerns erreicht hat, sondern weil es dieselbe Falle ist wie beim Schlussverkauf im Laden. Vier DVDs für zwanzig Euro, heute noch versandkostenfrei bestellen – was kann man da falsch machen? Ganz einfach: Vier DVDs kaufen, die man nach einmal Anschauen nicht mehr haben will. Aber erst wer nichts mehr kauft, merkt, wie sehr man ständig dazu genötigt wird. Ist man darauf sensibilisiert, kann sich diese Erkenntnis schnell zu einer Weltverschwörungstheorie auswachsen.

Im Februar flog ich nach London. Bei der Rückreise fiel mir am Flughafen in Heathrow auf, dass das Gate für den Abflug erst angezeigt wurde, als es schon mit dem Einsteigen losging. Und zwar bei jedem Flug, nicht nur bei meinem. Warum ich das bemerkte? Weil ich mich hinsetzen und lesen wollte, in die kleinen Elektromärkte oder zu Harrods konnte ich ja nicht, um mir die Zeit zu vertreiben. Aber ruhig hinsetzen durfte ich mich auch nicht. Ich sollte, genau wie alle anderen, immer wieder aufspringen, um nach den winzig klein angeschriebenen Abfluggates zu sehen, und mich dann vielleicht doch in einen der Läden verirren. Mittlerweile erreicht man die Flugzeuge auf vielen Flughäfen überhaupt nur noch durch den Einkaufsbereich. So etwas nennt man Verkaufspsychologie, deswegen räumen sie in Supermärkten den 180-Euro-Cognac in die absperrbaren Glasschränke: Damit uns der für 35 Euro günstig vorkommt.

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David Pfeifer hat sich inzwischen eine neue Selbstbeschränkung ausgedacht. Ab sofort will er nur noch ersetzen, was wirklich kaputt ist - und wartet sehnsüchtig darauf, dass das Smartphone mit dem gesprungenen Display endlich den Geist aufgibt.

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