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aus Heft 38/2014 Männer

»Mir selbst konnte ich nicht entkommen«

Patrick Bauer  Fotos: Tanja Kernweiss

Ein Taxifahrer wird umgebracht. Vom Täter fehlt jede Spur. Fünfzehn Jahre später behauptet ein Mann: Ich war's. Die Geschichte einer langen Reue.

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Anton F. an seinem Wohnort im Rheinland, 2014. Er möchte nicht erkannt werden.



Als Anton F. beschließt, dass er wieder leben will, ist es 15 Jahre her, dass er einem Menschen das Leben genommen hat. Er bittet seinen Chef morgens nach Schichtende um einen Vorschuss, damit er sich Zigaretten kaufen kann. Die Hälfte der Schachtel raucht er zu Hause auf dem Sofa. Er hat das Gefühl, sein Kopf würde gleich platzen.

Am 20. Oktober 2010 wird der Kriminalkommissar Gregor Teuber in das Erdgeschoss der Polizeiwache Euskirchen gebeten. Teuber ist seit vierzig Jahren Polizist. Die Kollegen sagen, sie hätten hier einen komplizierten Fall. Der Mann da draußen, sie zeigen auf eine schmale Gestalt, die den Aschenbecher vor dem Eingang umkreist, sei vor Stunden aufgetaucht und habe mit leiser, gehetzter Stimme und in brüchigem Deutsch behauptet, er habe mal jemanden getötet. Der Mann habe von einem Feuer gesprochen. Von Brandenburg. Von einem Taxi. Von einem Juri. Er habe einen stark verwirrten Eindruck gemacht. Sie hätten ihm geraten, sich psychologische Hilfe zu suchen, und ihn nach Hause geschickt. Aber er sei wiedergekommen.

Gregor Teuber beobachtet den Mann einige Minuten. Der Mann hat die Statur eines Zwanzigjährigen und das Gesicht eines Vierzigjährigen. Immer wieder hält er sich den Kopf. Ich hör mir das mal an, sagt Teuber.

Der Vater fragt ihn am Telefon, ob er mit nach Deutschland will. Aber es ist eigentlich schon entschieden, denn auch für Anton F. hat der Vater die Papiere beantragt. Der Vater will endlich die Freiheit kennenlernen, er wurde in einem sibirischen Gulag geboren, er wuchs dort auf bis 1953, und so richtig frei war er auch danach nie. Die Familie des Vaters stammt aus Friesland, viele Verwandte sind jetzt, Anfang 1994, schon als Spätaussiedler nach Deutschland zurückgekehrt. In ein Land, mit dem sie nichts verbindet als eine ferne Vergangenheit.

Anton F. würde ja gern in Moskau bleiben. Er hat dort Freunde und Arbeit. In einer Obst- und Gemüsefabrik füllt er Sauerkraut ab. Anton F., 19 Jahre alt, geboren am 19.12.1975 in Pawlodar, Kasachstan, hat zum ersten Mal das Gefühl, ein Zuhause zu haben, nicht mehr hin- und hergezerrt zu werden. Als er ein Jahr alt war, zog die Familie nach Moskau, als er gerade zehn geworden war, zogen sie zurück nach Kasachstan. Die Eltern trennten sich, als Anton F. nach der achten Klasse die Schule verließ. Der Vater war als Kraftfahrer selten da, und wenn er da war, trank und schrie er. Die Mutter zog mit der älteren Schwester nach Moskau. Anton F. blieb beim Vater, der nach wie vor selten da war und nun noch mehr schrie, wenn er da war.

Es war nie Ruhe. Es waren immer die anderen, die über sein Leben bestimmt hatten. Deshalb war er zur Mutter gegangen. Er hatte es so gewollt. Aber dann der Anruf.

Der Vater hat sich längst krank gesoffen, er kann ihn nicht allein gehen lassen. Außerdem: Deutschland! Er wäre blöd, die Chance nicht zu ergreifen, alle sagen das. Anton F. hört nicht auf sein Herz. Der Kopf ist klar.

Im September 1994 schaut Anton F. aus dem Busfenster, auf der Autobahn kurz vor Rastatt, und denkt: Der russische Wald ist schöner. Sie bleiben nur einen Monat in dem Übergangsheim in Baden-Württemberg, dem Vater geht es immer schlechter; Herz, Niere und Lunge kapitulieren. Es heißt, in Brandenburg an der Havel gebe es die beste Klinik für ihn. Sie ziehen dort in ein neues Übergangsheim, Magdeburger Straße, ein Zimmer mit Stockbett, der Vater unten, Anton F. oben. Der Vater trinkt und schnarcht. Allein im ersten halben Jahr in Deutschland hat er vier Herzinfarkte. Aber nach wenigen Tagen ist er stets zurück aus dem Krankenhaus, einmal läuft er den ganzen Weg.

Anton F. fühlt sich dem Vater so nah wie nie, nicht nur, weil sie sich acht Quadratmeter teilen. Im Heim leben nur Familien aus der ehemaligen Sowjetunion. Anton F. traut niemandem. Die Jungs in seinem Alter nehmen Drogen. Nur mit Juri verbringt Anton F. gerne Zeit. Gemeinsam laufen sie manchmal durch die Stadt. Meistens trägt Anton F. ein Küchenmesser bei sich, man weiß nie. Brandenburg an der Havel hat genug Probleme. Im Zentrum sind die Fassaden der Häuser bunt gestrichen, aber die Rückseiten verfallen. Arbeit gibt es für Anton F. nicht. Er spricht kaum ein Wort Deutsch. Die Tage vergehen.

Es geht uns doch gut, sagt der Vater. Durch den Verkauf des Hauses in der Heimat hat er Rücklagen. Ab Januar 1995 bekommt Anton F. außerdem monatlich 900 Mark Sozialhilfe. Juri und er lachen darüber. So viel Geld für das Nichtstun! Ein Paradies, aber ein ödes.

Abends stehen sie an der Tankstelle rum. Anton F. trinkt jetzt. Trink nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig, sagt der Vater. Der Alkohol macht die Nächte länger, die Tage kürzer.

Anton F. vermisst seine Mutter. Die Schwester hat geheiratet und ist ausgezogen. Die Familie, so denkt er, wird immer weiter auseinandergerissen.

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Der 13. Februar 1995 ist ein Montag. Abends trifft Anton F. an der Tankstelle Juri. Sie trinken Bier aus Dosen. Als es sehr kalt wird, gehen sie in den »Goldenen Anker«, den die Brandenburger »Piephahn« nennen. Sie trinken mehr Bier. Es ist fast zwei Uhr nachts, als Anton F. vorschlägt, nach Genthin zu fahren. Dort sind ein paar Bekannte, andere Russlanddeutsche. Vielleicht passiert endlich etwas. Juri hat keine Lust, ruft aber noch aus dem »Piephahn« einen Bekannten an, der bereit ist, Anton F. an der Tankstelle im nahe gelegenen Plaue abzuholen und mit dem Auto nach Genthin zu fahren.

In der Nacht auf den 14. Februar 1995 fährt Kurt H., sechzig Jahre alt, Ehemann, Vater, eine Spätschicht. Um 1.15 Uhr bekommt er von der Funkleitzentrale den Auftrag, einen Kunden von der Neustädtischen Heidestraße 57 zum »Goldenen Anker« zu fahren.

Um 1.30 Uhr setzt H. den Fahrgast ab. Per Funk meldet er, seine letzte Fahrt beendet zu haben und sich auf den Rückweg nach Plaue zu machen. Aber spätestens um zwei Uhr steigen zwei junge Männer in das Taxi von Kurt H, einen Mercedes 190 D.

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