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aus Heft 38/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man beim Online-Dating über die komischen Typen herziehen, mit denen man sich schon getroffen hat?

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»Im fortgeschrittenen Alter von fast fünfzig habe ich mich bei einem Online-Dating-Portal angemeldet. Nun hatte ich bereits ein paar Dates, einige davon waren amüsant bis erschreckend. Ist es erlaubt, beim nächsten Date ohne Namensnenneung über vorhergehende Missgeschicke zu sprechen bzw. sich ein wenig lustig zu machen, oder sollte man dies in jedem Fall unterlassen?« Ulla H., Köln



Eigenartig: In Beziehungsdingen und bei Dates gehören »Vorgänger« doch eigentlich zu den Themen, die man eher nicht hören will und deshalb vermeidet. Warum wollen Sie dennoch diese Geschichten erzählen? Mir fallen drei Gründe ein: Erstens, Sie wollen Ihrem Gegenüber schmeicheln, dass er offensichtlich kein solches Missgeschick ist. Zweitens, Sie wollen in der etwas schwierigen Situation eines ersten Dates das Eis brechen, indem Sie lustige Anekdoten erzählen aus einem Bereich, den Sie vermutlich beide kennen. Drittens, Sie wollen mit den Geschichten belegen, dass Sie nicht so sind wie die anderen Menschen, die versuchen, über ein Dating-Portal jemanden kennenzulernen.

In allen Fällen benutzen Sie die Menschen, über die Sie sich lustig machen, auch wenn es ohne Namen geschieht und diejenigen nichts davon erfahren. Bei den ersten beiden Motiven, Ihrem aktuellen Date schmeicheln oder das Eis brechen zu wollen, sehe ich es noch als vertretbar an. Im Krieg und in der Liebe sind schließlich, dem Sprichwort zufolge, alle Tricks erlaubt. Und in beiden Fällen ist die Zielrichtung des Erzählens primär Ihr Gegenüber und nicht Ihr Ego.

Beim dritten Grund, sich von der Masse abheben zu wollen, sieht das jedoch anders aus. Es geht in die Richtung dessen, was man in der Psychologie »downward comparison« nennt, einen abwärts gerichteten Vergleich. Im Vergleich zu den erschreckenden anderen Online-Datern stehen Sie besser da – für Ihr Selbstbild, aber auch vor Ihrem momentanen Date. Und wenn Sie sich über die »Missgeschicke« lustig machen, werten Sie diese auch noch aktiv ab, um daneben umso strahlender zu erscheinen. Mich als Ihr Gegenüber würde das an Ihrem Charakter zweifeln lassen und eher abschrecken. Deshalb hielte ich es nicht nur für falsch, sondern auch für eine schlechte Strategie.


Literatur:

Wills, Thomas A., Downward comparison principles in social psychology. Psychological Bulletin, Band 90 (1981), S. 245-271

Corcoran, K., Crusius, J., & Mussweiler, T. (2011). Social comparison: Motives, standards, and mechanisms. In D. Chadee (Ed.), Theories in social psychology (pp. 119-139). Oxford, UK: Wiley-Blackwell.

Gregory M. Walton and Geoffrey L. Cohen, Stereotype Lift, Journal of Experimental Social Psychology Band 39 (2003) 456-467

Judith B. White, Ellen J. Langer, Leeat Yariv, and John C. Welch IV, Frequent Social Comparisons and Destructive Emotions and Behaviors: The Dark Side of Social Comparisons, Journal of Adult Development, Vol. 13 (2006), S. 36-44

Leon Festinger: A Theory of Social Comparison Processes, Human Relations (1954), 7, S. 117-140



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