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aus Heft 38/2014 Männer

»Es geht nicht um Einsamkeit, es geht um Distanz«

Tobias Haberl (Interview)  Fotos: Oliver Helbig

Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach fühlt sich, als gehöre er nicht dazu. Meistens will er das auch gar nicht.

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Der Anwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach bei seiner Lieblingsbeschäftigung: rauchend dem Leben zusehen.



SZ-Magazin: Sie haben mal gesagt, dass auf Ihrem Grabstein ein Zitat aus Schuberts Winterreise stehen soll: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.« Ist es so schlimm?
Ferdinand von Schirach: Überhaupt nicht, Grabsteine spielen in meinem Leben nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Können Sie das Gefühl der Fremdheit genauer definieren?
In Bayern heißt das »fremdeln«, also eine Distanziertheit, das Bewusstsein, nie ganz dazuzugehören. Wenn ich zum Beispiel zu einer offiziellen Einladung muss, ist mir alles daran unangenehm: die Fotografen, das Händeschütteln, der Smalltalk, die Herrenwitze, die getrüffelten Spaghetti vom Flying Buffet. Alles ist zu laut, zu bunt, zu stark parfümiert. Männer umarmen sich heute gerne und hauen sich dabei auf die Schultern. Ich mag keinen Körperkontakt mit Fremden. In dem Gedicht Was schlimm ist schreibt Gottfried Benn: Sehr schlimm: eingeladen sein, / wenn zu Hause die Räume stiller, / der Café besser / und keine Unterhaltung nötig ist. Das genau ist das Gefühl der Fremdheit.

Vielleicht umgeben Sie sich mit den falschen Menschen?
Ach nein, aber es sind doch nur eine Handvoll Menschen, mit denen ich wirklich befreundet bin. Heute duzen sich ja alle sofort und völlig fremde Menschen schreiben »Lieber Herr…« Das ist mir zu nah. Eigentlich war das schon immer so – in der Schule war ich kein Außenseiter, aber eben auch nie Teil einer Gruppe. Ich bin in einem Jesuiteninternat groß geworden. Damals war es üblich, an den Wochenenden zu den Eltern eines Klassenkameraden zu fahren, die in der Nähe lebten. Für mich waren diese Besuche anstrengend. Die fremde Bettdecke, das fremde Besteck, der Geruch des fremden Hauses, das alles hat mich irritiert.

Klingt ein bisschen neurotisch.
Vermutlich haben Sie recht. Ich sage heute jedenfalls fast alle Einladungen ab, kaum jemand hat meine E-Mail-Adresse, und telefonisch bin ich nicht zu erreichen. Ich trete auch keinen Vereinen, Clubs oder Parteien bei. Ich bin ganz gern für mich. Und vielleicht ist dieses Gefühl der Fremdheit der Ursprung von Kunst.

Fühlen Sie sich denn als Künstler?
Ich bin doch ein ganz bürgerlicher Mensch und neige nicht dazu, mir auf
einer Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn aufzuschneiden oder das Hemd runterzureißen, wenn Sie das meinen. Ich bin auch kein Teil des Literaturbetriebs und bekomme nur selten Schriftstellerpreise, jedenfalls in Deutschland. Aber ich glaube, alle Kunst entsteht, weil sich der Künstler der Welt unsicher ist. Diese Welt passt nicht zu ihm, und er passt nicht in sie, er glaubt, er gehöre nicht dazu. Und deshalb versucht er, sie zu verstehen und für sich zu ordnen. Hemingway schrieb an Scott Fitzgerald: »Wir sind alle von Anfang an verflucht, und Du musst erst furchtbar verletzt werden, bevor Du ernsthaft schreiben kannst.« Wer in sich ruht, schreibt kein Buch und malt kein Bild.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie von diesem Gefühl der Fremdheit erlösen kann?
Es gibt kein Bedürfnis nach Erlösung – es geht ja nicht um Einsamkeit, sondern um Distanz. Ich sitze gerne in einem Café, ohne mit den Menschen um mich herum etwas zu tun zu haben. Trotzdem wäre es mir in einem Wald oder auf einer Insel langweilig. Ich brauche die Stadt, das Leben, aber ich will nicht so ganz daran teilnehmen. Danebenstehen, zuschauen, das reicht mir.

Hilft Musik?
Es ist kompliziert. Schubert zum Beispiel kommt zu nah, Mozart ist zu schön. Bei Korrekturarbeiten geht manchmal Bach. Wagner kann ich überhaupt nicht mehr hören.

Warum?
Kennen Sie den Film Manhattan Murder Mystery? Darin sagt Woody Allen: »Immer wenn ich zehn Minuten Wagner höre, überkommt mich das Bedürfnis, Polen zu überfallen.« Ganz so schlimm ist es nicht. Aber nach fünf Stunden Tristan werde ich die Musik, die Stimmung eine ganze Woche lang nicht los. Es ist eine Frage des Filters. Normalerweise nehmen wir Geräusche, Farben und Töne nicht so wahr, wie sie tatsächlich sind. Unser Gehirn filtert das Überflüssige heraus, Wahrgenommenes wird gedämpft. Dieser Filter funktioniert bei mir offenbar nicht richtig. Wenn ich müde bin, höre ich die Stimmen gleichzeitig und viel zu laut. Aus irgendeinem Grund wurde mir im Bayerischen Hof in München mal ein Zimmer zugewiesen, das Thomas Gottschalk eingerichtet hatte, es war freundlich gemeint. Aber das Zimmer sah genauso aus, wie Gottschalk sich anzieht, und ich konnte mich dort nicht aufhalten. Ich bin Synästhetiker, das heißt, zwei Sinneswahrnehmungen sind in meinem Kopf falsch gekoppelt. Ich sehe Buchstaben, Gerüche und Musik als Farben.

Sie erinnern an Hanno aus Thomas Manns Buddenbrooks, menschenscheu und verletzlich. Kann es sein, dass Sie Ihre Feinnervigkeit als Auszeichnung begreifen?
Nein. Die Idee des Hanno war doch die Unvereinbarkeit von Künstler und Bürger. Es war das Lebensthema von Thomas Mann, aber das galt nur zu seiner Zeit. Heute spielt das keine Rolle mehr. Diese, wie Sie es nennen, Feinnervigkeit ist eine Belastung und keine Auszeichnung. Ärzte schätzen, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Menschen solche falsch eingestellten Filter haben. Es gibt keine Medikamente dagegen. Oft ist es mühsam.

Zum Beispiel?
Vor ein paar Monaten musste ich auf das Münchner Filmfest. Als ich aus dem Taxi stieg, sah ich den roten Teppich und die Menschen, die von Sicherheitskräften abgehalten werden mussten, weil sie darüber gehen wollten. Das ist interessant, dieser ständige Kampf ums Dabeisein, das Ringen um das winzigste Privileg, das geht ja bis zum Türsteher vom »P1«. Mir sind solche Aufgeregtheiten zu viel. Ich ging über einen Hintereingang ins Kino. Ich kann nicht Teil dieser Logik sein.

In Talkshows gehen Sie sehr wohl.
Meine amerikanische Verlegerin sagte mir, in den USA würden mittlerweile nur noch die strahlend blauen Augen von Paul Auster verkauft – und ganz nebenbei noch sein neuer Roman. So schlimm ist es bei uns noch nicht, aber es geht in die Richtung. Trotzdem fühle ich mich bei Markus Lanz gar nicht so unwohl, weil sich von vornherein alle darin einig sind, dass es sich um ein Konstrukt handelt. Es wird ja nur so getan, als unterhielte man sich. Das macht es leichter. Manchmal gelingt so ein Abend sogar, und ein oder zwei Sätze bleiben hängen.

Honoré de Balzac hat geschrieben: »Gefühle offenbaren sich umso weniger, je tiefer sie sind.« Kann man über Gefühle überhaupt sprechen, ohne banal zu klingen?
Gefühle sind nicht banal, sie zu erklären scheint das Problem zu sein. Männer beginnen heute bei jeder Kleinigkeit zu weinen und scheinen in der Pubertät zu bleiben, bis sie sechzig sind. Das ist doch ein wenig anstrengend.

Wer tief empfindet, schweigt?
Das ist ein Klischee. Auf jeden Fall entstehen Gefühle nicht, indem man sie benennt. Das gilt zumindest für das Schreiben. Oder denken Sie an die Filme von Michael Haneke. Keine Musik, wenig Dialoge, nur harte, klare Bilder. Und doch zählen sie zu den gefühlvollsten Filmen überhaupt. Das Geheimnis ist eben nicht Gefühl, sondern Genauigkeit. In seinem Film Liebe fällt das Wort kein einziges Mal, und doch geht es um nichts anderes.

Was ist Ihre intensivste Kindheitserinnerung?
Das ist eine schwierige Frage.

Warum?
Weil sie suggeriert, dass ich meine Kindheit im Nachhinein bewerten kann. Ich müsste so tun, als gäbe es noch eine andere, aber jeder hat nur das eine Leben, und keiner kann sagen, wie es sich angefühlt hätte, wenn es anders gewesen wäre. Alle Erlebnisse, die wir als Kinder haben, sind erst mal vollkommen echt. Wir erleben alles zum ersten Mal, Liebe, Schmerz, Freundschaft, Verlust, alles ist riesengroß und bedeutsam, ohne Berechnung und Bewertung. Das macht es schwierig, im Nachhinein darüber zu sprechen. In meiner Kindheit erinnere ich mich vor allem an die Langsamkeit. Alles dauerte unglaublich lange.

Zum Beispiel?

Der Beginn der Sommerferien. Ich war zwölf Jahre alt. Am ersten Morgen bin ich rausgerannt, habe mich auf die Wiese gelegt und wusste nicht das Geringste mit mir anzufangen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie lange sechs Wochen sind, es schien mir unendlich. Oder wenn Verwandte zu Besuch kamen, wurde das eine Woche vorher angekündigt. Jeder sprach davon, uns Kindern wurde ausführlich erklärt, wer das ist, in der Küche wurde das Essen geplant und so weiter. Auch die Weihnachtszeit dauerte lange. Ab dem 1. Dezember wurden Plätzchen und Stollen gebacken, das Haus wurde mit Adventskalendern dekoriert. Es gab auch einen Pferdeschlitten, mit dem die Nikolausgeschichte nachgespielt wurde.

Haben Sie diese Langsamkeit als angenehm oder unangenehm in Erinnerung?

Es war einfach so. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einem großbürgerlichen Haushalt. Es lebten dort Hausangestellte, eine Köchin, Gärtner und Fahrer, es gab Fuchsjagden mit Pferden, und meine ganze Kindheit hindurch habe ich nur Wild aus unserem Revier gegessen. Es ist ja nur ein paar Jahrzehnte her, aber es klingt nach dem 19. Jahrhundert, jedenfalls nach einer völlig vergangenen Welt.

Womit haben Sie sich beschäftigt?
Ich war meistens draußen, das Haus lag etwas einsam, es gab einen Park, eine Gärtnerei, zwei Teiche, ein Schwimmbad und einen Tennisplatz. Die Erwachsenen beschäftigten sich nicht mit den Kindern, ihre Welt und unsere Welt waren noch ganz voneinander getrennt. Wir aßen in der Küche, die Erwachsenen im Esszimmer. Ich sah praktisch nie fern. Ich habe früh mit dem Lesen begonnen, im Winter half das. Manchmal versuchte ich, Billard zu spielen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich mit mir selbst zu beschäftigen, wir fuhren nicht in die Ferien, Besuche waren selten. Hirnforscher sagen, Kinder bilden durch Langeweile Synapsen aus, die nicht entstünden, wenn sie von morgens bis abends Tennis- und Klavierstunden haben. Ich weiß nicht, ob das stimmt – in meiner Kindheit ist jedenfalls kaum etwas passiert.

Fühlten Sie sich nie von Ihren Eltern abgeschoben?
Jede Generation macht Fehler, aber auf so einen Gedanken wäre ich nie gekommen. Vielleicht ist es für ein Kind ja auch verwirrend, wenn sein Vater auf dem Spielplatz so tut, als wäre er auch ein Kind, und fünf Minuten später gibt er ihm als Erwachsener Anweisungen. In meiner Kindheit waren Erwachsene Wesen aus einer andern Welt. Ich hatte nichts mit ihnen zu tun und sie nichts mit mir.

Ihre Familie blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Haben Ihre Eltern Ihnen das Gefühl gegeben, dass Sie etwas Besonderes sind?
Natürlich nicht. Ich hatte weniger Taschengeld als alle anderen, keine Kleidung irgendwelcher Designer und vor allem die unbedingte Anweisung, ausnahmslos zu jedem höflich zu sein.

Mit zehn kamen Sie auf ein Internat.
Viele meiner Vorfahren waren auf der Klosterschule in Roßleben gewesen, aber das lag inzwischen in der DDR, also kamen nur noch Salem und Sankt Blasien in Frage. Über Salem gab es Gerüchte, ein Onkel war dort gewesen und meinte, es gebe dort Drogenprobleme. Vermutlich war das Unsinn, aber meine Eltern fanden es zu liberal, also kam ich nach Sankt Blasien. Der Ort liegt in einem dunklen, engen Schwarzwaldtal, sechs Monate Winter, keine Verbindung zu einer Stadt. Die ersten Wochen waren furchtbar.

Warum?
Ich war zehn Jahre alt und lag von einem Tag auf den anderen in einem Schlafsaal mit dreißig anderen Jungen. In dem Waschraum hingen sechzig Waschbecken nebeneinander an der Wand, es gab nur kaltes Wasser. Jede Intimität war aufgehoben. Das war nicht so leicht für mich.

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Tobias Haberl möchte sich bei Ferdinand von Schirach entschuldigen: Als während des Interviews eine Mücke auf dessen Stirn landete, wischte Haberl das Tierchen reflexartig beiseite. Erst später erwähnte Schirach, wie unangenehm ihm Berührungen seien.

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