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aus Heft 40/2014 Wissen

Gute Mine, böses Spiel

Seite 2: Nickel, das man ernten kann?

Till Krause  Illustration: Luca Schenardi

Alan Baker, Botanik-Professor aus England, gilt als einer der Entdecker von Phytomining. Die Idee, dass manche Pflanzen Schwermetalle speichern können, kam ihm schon als Student. Seitdem forscht er an Techniken, die die Pflanzen besser wachsen lassen. Lange galt er als Exot - bis auch die Wirtschaft erkannt hat: Mit diesem Verfahren lässt sich Geld verdienen.

Fast 200 Fachaufsätze über die Hyperakkumulatoren hat Baker verfasst. Dafür ist er um die Welt gereist, nach Japan, Australien, Thailand, auf die Philippinen, immer auf der Suche nach alten Landkarten, in denen stillgelegte Minen verzeichnet sind. Dort hat er Pflanzen gesammelt und im Labor untersucht. Einige enthalten so viel Schwermetall, dass sie für pflanzenfressende Tiere giftig sind. Und manche, wie das unscheinbare Strauchgewächs Phyllanthus balgooyi, speichern so viel Nickel, dass der dickflüssige, metallhaltige Pflanzensaft einem schon grün entgegenschimmert, wenn man den Stamm nur flach einritzt. Die Untersuchung ergab: neun Prozent Nickel, ganz ohne speziellen Dünger. Wenn man die Pflanzen entsprechend züchtet, kann es noch viel mehr sein.

Baker ist Wissenschaftler, aber er hat auch einen Sinn fürs Geschäft. Seine revolutionäre Idee: Statt Erze mühsam aus dem Boden zu schürfen, züchtet man Pflanzen, die das erledigen. Entweder auf Feldern, die Mensch und Industrie mit Schwermetallen verseucht haben – oder auf sogenannten Serpentinböden, wo von Natur aus so viele Schwermetalle in der Erde liegen, dass dort außer Hyperakkumulator-Pflanzen kaum etwas wächst. Statt Weizen könnte es also Felder voller Nickel geben oder voller Cobalt, Thallium und anderen teuren Erzmetallen, die Hightech-Firmen so dringend brauchen.

Diese Idee hatte Baker schon vor mehr als vierzig Jahren, doch damals hat das niemanden interessiert. Umweltschutz? Ein Thema für Langhaarige. Rohstoffe waren billig damals, um das verseuchte Gelände stillgelegter Minen herum wurden Zäune gebaut und Warnschilder angebracht, und die Sache war erledigt. Außerdem konnten Baker und Chaney, die Entdecker von Phytomining, damals noch nicht beweisen, dass ihre Idee tatsächlich funktioniert. Der einzige Fachaufsatz, der damals die Nickel-Speicherfähigkeit der Pflanze Allysum beschrieb – die Arbeit eines italienischen Forschers aus dem Jahr 1948 –, wurde von Kollegen als Ergebnis eines Rechenfehlers abgetan. Eine Pflanze, die bis zu zwanzig Prozent Schwermetall speichert? Kann nicht sein. Nickel, das man ernten kann? Hirngespinst.

Baker und Chaney schrieben Anträge für Forschungsgeld ihrer Universitäten. Vergeblich. Sie beantragten Förderung beim amerikanischen Umweltministerium und bei Stiftungen – nur Absagen. Allein die Investmentfirma Viridian in Texas erkannte die Geschäftsidee. Wie viel Geld damals floss, will Baker nicht verraten, aber ein einstelliger Millionenbetrag wird es schon gewesen sein – anders wäre die aufwendige Grundlagenforschung kaum finanzierbar.

Zunächst lief alles nach Plan: Bei einem Versuch in Oregon Ende der Neunzigerjahre schaffte es ein Team um Baker und Chaney, aus 500 Kilo Pflanzenasche 100 Kilo Nickel zu gewinnen. Chaney hat vorgerechnet, dass man so pro Hektar 4500 Euro verdienen kann, bei Anbau- und Düngekosten von gerade mal 300 Euro. Ein Bombengeschäft bei steigenden Rohstoffpreisen, großer Nachfrage und sinkenden Ressourcen. Chinas Bauboom gierte damals schon nach rostfreiem Stahl, und der wird oft mit Nickel angereichert. In Handyakkus und Euromünzen steckt es ebenso.

Perfekte Bedingungen also, um mit Phytomining viel Geld zu verdienen. Doch als der erste Feldversuch erfolgreich abgeschlossen war, zog sich Viridian zurück. Warum bloß? Die Forscher wurden nicht mehr angerufen, Briefe blieben unbeantwortet, die Treffen wurden seltener. Selbst als der Konzern Inco – heute zweitgrößter Nickellieferant der Welt – mit Viridian zusammenarbeiten wollte, passierte: nichts. Es scheint, sagt Chaney heute, dass die Firma auf eigene Faust experimentieren wollte – doch ohne die erfahrenen Forscher ging vieles schief. Andere mit dem Fall vertraute Personen sagen, dass Viridian auch ein wenig verpeilt sei – schlecht organisiert und außerstande, die Idee zu Geld zu machen. Das ist schwer zu prüfen, da die Firma nicht mit Journalisten spricht. Immerhin ein Hinweis lässt sich finden, da er in staatlichen Unterlagen vermerkt ist: Ein Viridian-Versuchsfeld in Oregon geriet außer Kontrolle, die Samen verteilten sich so hartnäckig in der Umgebung, dass plötzlich überall Unkraut wuchs. Einer der Chefs von Viridian musste sich deswegen 2009 vor einem Umweltausschuss rechtfertigen, kleinlaut versprach er, die Versuche in Oregon einzustellen. Und Phytomining geriet fast in Vergessenheit. Wer will schon an einer Geschäftsidee forschen, die er nicht umsetzen darf ohne die Genehmigung von Patentinhabern – die nichts genehmigen wollen?

Doch bald wird alles anders. Denn Viridians Patent läuft bald aus. Der Vertrag ist zwanzig Jahre gültig, ab Datum der Einreichung. Damit wäre ab dem 6. Juni 2015 wieder alles offen. »An dem Tag wird gefeiert«, sagt Alan Baker. »Und am Tag darauf machen wir uns wieder an die Arbeit.« Er und Chaney sind mittlerweile alte Männer, aber sie haben junge Forscher um sich geschart, die jetzt richtig loslegen wollen. Ein Niederländer namens Antony van der Ent reist bereits um die Welt und sucht nach Anbauflächen, im Urwald von Borneo war er schon, in Indonesien und Malaysia. Die Idee: Bauern könnten dort Hyperakkumulatoren pflanzen – und müssten vom Verkauf der Erzasche einen Teil abgeben. »Aber nur so viel, dass sie selbst genug verdienen«, sagt Chaney.

Kostenloser Nebeneffekt: Die Böden, vom Metall befreit, taugen irgendwann auch wieder für den Gemüseanbau. Es könnte eine Idee sein, die das Modewort Nachhaltigkeit in Perfektion umsetzt: Phytomining hilft der Natur, sich selbst zu heilen – und macht aus den Abfallstoff noch Gewinn. Menschen in Entwicklungsländern könnten damit ihren Lebensunterhalt sichern. Und mit dem Feuer, das die Pflanzen in erzreiche Asche verwandelt, ließen sich Maschinen antreiben, die das Material weiterverarbeiten. Ein fast geschlossener Kreislauf. Das amerikanische Wissenschaftsmagazin New Scientist hat den Pflanzen vor ein paar Monaten einen langen Artikel gewidmet. Das Fazit: Hyperakkumulatoren haben bewiesen, dass sie das Geschäft mit Rohstoffen grundlegend verändern können.
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Till Krause hat die Forscher gefragt, ob sich per Phytomining auch Edelmetalle aus dem Boden holen lassen. Und tatsächlich: Gold kann so gewonnen werden - wenn auch mit viel Aufwand und in kaum rentablen Mengen. Ein neuseeländischer Wissenschaftler hat herausgefunden, dass das mit der Senfpflanze am besten klappen würde.

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