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aus Heft 40/2014 Politik

»Ich glaub, das steht irgendwo im Koran«

Seite 2: »Ich dachte früher auch, dass Al-Qaida für den 11. September verantwortlich war. Jetzt weiß ich, dass wir das nicht waren. «

Marie Delhaes und Frederik Obermaier  Fotos: Matthias Ziegler

Erhan A. in einem Waldstück nahe Kempten. Er und seine Freunde rekrutierten ständig neue Mitstreiter im Kampf gegen die Ungläubigen, sagt er. Vor wenigen Tagen erst hätten sie ein Mädchen überredet, zum Islam zu konvertieren.

Nun ist es ja ein Unterschied, ob man streng nach dem Koran lebt oder ob man nach Syrien geht, um sich einer islamistischen Gruppe anzuschließen.
Ja, das wollten wir am Anfang auch überhaupt nicht. Wir haben das nur beobachtet. Wir haben uns Nachrichten angeschaut, ARD und ZDF und so, aber uns war schnell klar: Da wird nur Scheiße berichtet. Da haben wir uns dann im Internet Videos angeguckt.

Welche Videos?
Von Leuten, die dort sind. Wir haben geschaut, welche Gruppierungen islamisch korrekt sind, welche der islamischen Ideologie entsprechen, und für die waren wir dann.

Für den Islamischen Staat?
Ja. Und für Al-Qaida. Ich habe früher schlecht über Al-Qaida gedacht. Ich habe auch gedacht: Das sind Terroristen.

Sind sie das etwa nicht?
Nein.

Und was ist mit dem 11. September?
Ich dachte früher auch, dass das Al-Qaida war. Jetzt weiß ich, dass wir das nicht waren.

Wer war es dann?
Es waren die Amerikaner selbst.

Wie so viele Radikale hat Erhan A. die Verschwörungstheorien, die zum 11. September 2001 kursieren, als unumstößliche Wahrheit übernommen. Wir kommen auf David G. zu sprechen, seinen Freund, sein Vorbild. Er sei es gewesen, erzählt A., der eine kleine Gruppe Kemptener Radikaler um sich geschart habe. David G. habe ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht, sich dem Islamischen Staat anzuschließen.

Im September 2013 fuhr David G. mit dem Zug in die Türkei. Es war die übliche Reiseroute für angehende Dschihadisten aus dem Westen. Einmal in Istanbul* angekommen, ist es nicht mehr weit nach Syrien. Regelmäßig fahren Busse zur Grenze. Außerdem gehen fast täglich Flüge in die grenznahen Städte Hatay, Gaziantep und Urfa. Die Flieger haben in der Szene bereits einen eigenen Spitznamen: »Dschihad-Express«.

Wann haben Sie das nächste Mal von David G. gehört?

Wir hatten uns verabschiedet, und eine Woche danach bekam ich einen Anruf. Von einer türkischen Nummer. Ich wollte erst gar nicht rangehen, hab es dann aber doch gemacht. David war dran. Da fragte ich: Hey, cool, wie hast du denn das gemacht? Er so: Egal.

Ein paar Tage später ist er über die Grenze nach Syrien gelangt. Wie sind Sie in Kontakt geblieben?
Übers Internet, Facebook und so.

Hatten Sie das Gefühl, dass es ihm gut geht?
Ja, klar. Man lebt da unten gut. Die haben einfach alles: Laptops, Waffen, Knabberzeugs. Voll der Luxus. Ich habe ja die Bilder von David gesehen, wie er mit anderen chillt.

Auf einem dieser Bilder trägt er ein T-Shirt von Al-Qaida. Einige Zeitungen haben es gedruckt.
Ja, ich fand das voll cool. Ganz Kempten hat darüber geredet, eigentlich ganz Deutschland. So was hatte sich ja vorher niemand getraut. Ich habe das Bild gesehen und mir gedacht: Der steht echt dazu.

Wie oft haben Sie mit David G. gesprochen?

Einmal die Woche haben wir geschrieben. Irgendwann hab ich ihm dann gesagt, dass ich auch komme. Und er so: Ey, cool.

Freundschaften sind nach Einschätzung der deutschen Sicherheitsbehörden der wichtigste Radikalisierungsfaktor in der Dschihadistenszene, wichtiger noch als islamistische Videos und Foren im Internet oder radikale Propagandisten in Moscheen.
Erhan A. schildert, er sei nur zwei Monate nach seinem Freund David G. in Richtung Krieg aufgebrochen. Mit dem Zug fuhr er über Österreich, Slowenien und Bulgarien in die Türkei. Drei Tage war er unterwegs, dann kam er in Kayseri an, einer Millionenstadt in der Provinz Kappadokien. Von hier stammen seine Eltern, hier kam er bei seinem Onkel unter – und bereitete seine Weiterreise nach Syrien vor.

Es vergeht kein Tag ohne Horrornachrichten aus dem Irak und Syrien. Die Welt hat Angst. Ausgerechnet dieser Gruppe wollten Sie sich anschließen. Warum?
Der Islam ist die einzig wahre Religion. Weltweit haben wir leider keinen einzigen echten islamischen Staat. Nur Staaten wie die Türkei, wo so ein Euro-Fake-Islam gelebt wird. IS will aber einen echten islamischen Staat, einen, wo der Koran auch so gelebt wird, wie es Allah will. Und IS ist auf dem besten Weg, das auch zu schaffen.

Mit brutalsten Mitteln.
Ich weiß nicht, wo da die Brutalität wäre.

Leute, die sich dem IS nicht beugen, werden gekreuzigt, gesteinigt und geköpft.
Ich befürworte nicht alles, was die Gruppe macht. Aber im Koran steht nun mal, dass wir diejenigen bekämpfen sollen, die uns bekämpfen. Wenn auf uns geballert wird, dann können wir ja nicht einfach dastehen und sagen: »Ja, macht es doch halt!« Wir müssen uns wehren. Wenn man für eine gute Sache tötet, ist das legitim.

Ist es in Ihren Augen auch legitim, Journalisten zu köpfen?

Ich habe gehört, das waren Spione. Also Feinde. Und die darf man töten. Wenn Allah sagt, es ist erlaubt, solche Menschen zu töten, dann würde ich das auch machen. Ich folge seinen Gesetzen blind.

Würden Sie auch gefesselte Männer erschießen? Auf Dutzenden IS-Videos im Internet ist genau das zu sehen.

Das waren Kriegsgefangene, die darf man töten, die haben auf unsere Leute geschossen.

Und was ist mit Zivilisten?

Denen passiert nichts. Unschuldige zu töten ist gegen den Islam.

IS hat auf seinem Vormarsch schon Hunderte Menschen getötet. Wie passt das zusammen?
Ich kann nicht für die ganze Gruppe sprechen. Es gibt sicher immer wieder Einzelne, die Fehler machen. Aber wenn sich Zivilisten dem Islamischen Staat beugen, wird ihnen nichts passieren. Auch Christen und Juden können übrigens weiterleben. Sie müssen sich halt an die islamischen Gesetze halten und Steuern zahlen, quasi ein Schutzgeld. Wenn sie dazu aber nicht bereit sind, dann werden sie auch getötet. Ich würde sogar meine Familie töten, wenn sie sich gegen den Islamischen Staat stellt.

Human Rights Watch und Amnesty International berichten von zahlreichen Massakern durch den Islamischen Staat. A. teilt sich seine Welt in Freund oder Feind, erlaubt oder verboten, halal oder haram. Er beruft sich auf den Koran. Dort steht in Sure 4, Vers 92: »Ein Gläubiger darf keinen Gläubigen töten.« Dennoch findet es A. in Ordnung, wenn der Islamische Staat andere Muslime tötet. Jene namhaften Imame, die sich gegen den Islamischen Staat stellen und ihn in einer Fatwa verdammt haben, oder die wie jüngst in Großbritannien erklären, es sei »religiös verboten«, dem Islamischen Staat beizutreten – die seien bloß wirre alte Männer.

Als Sie in der Türkei waren, starb Ihr Freund David. Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?
Ein gemeinsamer Freund, der auch in Syrien ist, hat es mir geschrieben.

Waren Sie traurig?
Am Anfang. Aber ich habe ihn auch ein bisschen beneidet.

Warum?
Ja, ich weiß ja, wo er jetzt ist.

Sie meinen, dass er sich jetzt im Paradies mit 72 Jungfrauen vergnügt und vor Bächen voll Wein sitzt?
Ach, die Frauen und der Wein, das sind nur kleine Details. Man kämpft aber doch nicht für ein paar Frauen, darum geht es nicht. Damit wird das Ganze immer lächerlich gemacht. Dann heißt es wieder, wir sprengen uns für ein paar Frauen in die Luft. Um ehrlich zu sein: Wenn es nur die Frauen gäbe, würde ich es nicht machen. Ich mache es für Allah.

Wissen Sie, wie Ihr Freund David gestorben ist?
Er starb im Kampf, in der Nähe von Aleppo. Er wurde in die Schulter geschossen. Er ließ sich verarzten und hat gleich weitergekämpft. Dann wurde er in die Hand geschossen. Er ließ sich wieder verarzten und machte weiter. Dann wurde er noch mal getroffen und ist halt irgendwann zu Boden gegangen.

Hat Sie der Anblick von Davids Leiche schockiert?
Nein. Mir war ja von Anfang an klar, dass er nicht mehr zurückkommt. Nachdem ich gesehen habe, was mit ihm passiert ist, wollte ich erst recht gehen. Das hat mir so einen richtigen Schub gegeben.

*Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes wurde Istanbul als Hauptstadt der Türkei bezeichnet. Tatsächlich ist jedoch Ankara die Hauptstadt der Türkei. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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Frederik Obermaier, SZ-Redakteur im Ressort Investigative Recherche, hat sich zusammen mit Reportern des WDR-Magazins Monitor auf die Suche nach deutschen IS-Anhängern gemacht. Den Kemptener Dschihadisten Erhan A. traf er zusammen mit Marie Delhaes. Sie recherchiert schon seit Jahren in der deutschen Islamisten-Szene. Um ihre Arbeit nicht zu gefährden, schreibt sie unter Pseudonym.

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