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aus Heft 44/2014 Fußball

»Die blöden Sprüche haben mich nie getroffen«

Christof Kneer und Lars Reichardt (Interview)  Fotos: Julian Baumann

Das erste große Interview nach seinem Rücktritt: Philipp Lahm erzählt, wie er vom schüchternen Hänfling zum Kapitän der Nationalmannschaft wurde - und warum er es nicht mehr sein will.

Ein Kapitän, sagt Philipp Lahm, sollte nach dem Essen mit der Mannschaft nicht als Erster aufstehen - sonst bekommt er zu wenig mit.


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SZ-Magazin Herr Lahm, tut es gut, vermisst zu werden?

Philipp Lahm Ich habe mich nicht gefreut, dass meine Kollegen in den letzten beiden Spielen nicht erfolgreich waren, falls Sie das so gemeint haben.

Verfolgen Sie die Qualifikationsspiele für die Europameisterschaft überhaupt?
Das erste habe ich nicht gesehen, da bin ich mit meiner Frau übers Wochenende verreist und war gerade beim Abendessen. Die Niederlage gegen Polen und das Unentschieden gegen Irland schon. Ich will ja mitreden. Wobei ich schon sicher bin, dass wir uns locker qualifizieren werden.

Sie sprechen noch von »wir«?
Ach, ich würde auch von »wir« sprechen, wenn es um Leichtathletik ginge. Alle reden doch von unserer Nationalmannschaft von 1974, als wir Weltmeister geworden sind. Ich freue mich jetzt schon darauf, die nächste EM mit Freunden beim Grillen anzuschauen. 2002 war das letzte Turnier, das ich am Fernseher verfolgen konnte.

Die vielen Reisen werden Sie nicht vermissen?
Aserbaidschan oder Kasachstan werden mir nicht fehlen. Nicht dass es da hässlich gewesen wäre, aber was soll ich da ohne Fußball? Die Reisen waren das Anstrengendste beim DFB. Man darf sich das auch nicht so vorstellen, dass wir kurz ins Taxi springen könnten, um uns die Sehenswürdigkeiten einer Stadt anzuschauen. Unsere Hotels werden belagert. Wenn man rausgeht, wird man erkannt und bestürmt, das setzt einen unter Stress. Also lässt man’s lieber sein.

Keine Flucht durch den Hinterausgang?
Ich bin nicht der Typ für so was. Ich bin schon neugierig auf fremde Länder, aber das waren ja immer Dienstreisen, auf denen wir uns auf Fußball konzentrieren mussten.

Ist es nicht seltsam, nach fünf Wochen Brasilien oder Südafrika zu Hause nur erzählen zu können, wie die Kabinen in den Stadien aussehen?
In Kapstadt haben wir mal eine kleine Stadtrundfahrt gemacht, anderthalb Stunden oder so. Und von Brasilien hab ich ja durchaus was gesehen: Wir haben in so vielen unterschiedlichen Städten gespielt, da kriegst du auf den Busfahrten vom Flughafen zum Hotel schon einen Eindruck.

Wie haben Sie die Zeit in den Hotels totgeschlagen?
Bücher sind wichtig. Zuletzt hab ich zwei Romane von Harry Kämmerer gelesen, die spielen in München, der eine dreht sich sogar um Fußball. Ich hab mir jetzt drei weitere von ihm schicken lassen. Abends an der Bar spielen wir schon mal Poker oder Schafkopf.

Wer kann schafkopfen in der Nationalmannschaft?

Nicht mehr viele. In Brasilien haben Thomas Müller, Manuel Neuer, Mats Hummels und ich gespielt. Aber der Unterschied zwischen Schafkopf und Skat ist nicht so groß, deshalb haben Thomas Müller und ich uns manchmal beim Skat eingeklinkt, wenn die Betreuer in großer Runde gespielt haben.

Sind Sie gut im Schafkopf?
Überragend.

Findet Thomas Müller das auch?
Ich glaube schon. Aber er spielt auch nicht schlecht.

Wie hoch ist der Tarif in der Nationalmannschaft?
Ich werde jetzt bestimmt nicht den Tarif bei der Nationalmannschaft offenlegen. Aber wenn ich mit Freunden am Tegernsee spiele, dann liegt er bei zwanzig Cent fürs Sauspiel und fünfzig Cent fürs Solo.

Wie weit kann man sein Leben denn überhaupt offenlegen als Prominenter? Verkleiden Sie sich, wenn Sie durch die Stadt laufen?
Ich verkleide mich nur an Fasching. Zum Einkaufen gehe ich ganz normal.

Steht Lahm auf Ihrem Klingelschild?
Nein.

Irgendein anderer Fußballername? Einer Ihrer Kollegen beim FC Bayern soll »Cantona« an der Klingel stehen haben.
Bei mir steht kein Name eines Fußballers. Aber wenn ich jetzt verraten würde, was auf meinem Klingelschild steht, hätte ich ja gleich Lahm draufschreiben können.

Viele Spieler wechseln ständig ihre Handynummer. Sie auch?
Ziemlich oft, die jetzige hab ich gerade mal ein halbes Jahr. Manchmal muss ich meine Nummer rausgeben, wenn ich einen Rückruf erwarte, bei Handwerkern oder bei Bestellungen, die wird leider oft weitergegeben. Dann rufen plötzlich wildfremde Menschen an.

Wer ruft denn an? Frauen?
Eher Kinder.

Sie wissen schon, dass Sie ein Frauentyp sind?
Ein Frauentyp, ich? Wer sagt das?

Allein aus unserer Redaktion drei Kolleginnen. Viele Frauen schwärmen für Sie.

Beim Autokorso nach der Meisterschaft 2010 saß ich mit Thomas Müller und Jörg Butt in einem Wagen. Dem Jörg haben die Betrunkenen »Butt, Butt, Butt!« zugerufen. Die Frauen im besten Alter haben nur Augen für Thomas Müller gehabt. Bei mir haben die Kinder und die über Sechzigjährigen gerufen: Oh, toll, der Philipp!

Halten Sie sich für einen sensiblen Kapitän?
Ja, doch. Aber ich weiß auch nicht, ob ich immer das richtige Gespür für die Probleme meiner Mitspieler bewiesen habe. Ich habe es jedenfalls versucht.

Sensibilität ist eine Eigenschaft, die sich Ihre Vorgänger im Amt des Kapitäns nicht unbedingt zugeschrieben hätten.
Weiß nicht. Vielleicht ist jeder auf eine andere Art sensibel.

Grüßen Sie Michael Ballack, wenn Sie sich heute über den Weg laufen?
Natürlich. Ich war ja auch bei seinem Abschiedsspiel. Ob Sie es glauben oder nicht: Das Verhältnis ist total entspannt.

Bei der WM 2010 hat der Manager von Michael Ballack die Nationalmannschaft »Schwulencombo« genannt. Warum haben Sie darauf als Kapitän nicht reagiert?
Warum sollte ich? Ich war damit nicht gemeint. Auf so einen Angriff müssen andere reagieren, sicher nicht der Kapitän. Es gibt ja auch noch einen Verbandspräsidenten, einen Manager, einen Trainer, erst dann kommen irgendwann die Spieler.

Können Sie denn mit der Unterstellung leben, Sie hätten Michael Ballack beim DFB abgesägt?
Ich war weder derjenige, der ihn vor der WM verletzt hat, noch war ich derjenige, der entscheidet, ob ein Spieler nominiert wird oder nicht. Ich habe ihn nicht abgesägt. Ich weiß das, und alle, die sich auskennen, wissen es auch.

Bei der EM 2008 war die Stimmung schlecht, weil sich jüngere Spieler durch Michael Ballack und Torsten Frings, die Führungsspieler alten Typs, nicht gut repräsentiert sahen. Haben Sie daraus Lehren gezogen für Ihre spätere Zeit als Kapitän?
Eine Lehre war sicher: Wenn man sich zusammensetzt, dann kann auch wieder was entstehen – selbst wenn nicht alle Probleme an- oder ausgesprochen werden. 2008 haben wir nach der Vorrunde offen über vieles gesprochen und so etwas bewegt. Das haben wir 2012 im Mannschaftsrat auch angestoßen, perfekt gelungen ist es da noch nicht, so ehrlich muss man schon sein.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Länderspiel im Februar 2004 gegen Kroatien? Ihre erste Ballberührung in der Nationalmannschaft war ein Fehlpass.
Hab ich vergessen. Das ist zehn Jahre her und weit weg, gefühlte 500 Spiele liegen dazwischen. Ich glaube, mein Gegenspieler hieß Dario Kranjcar, dem bin ich danach noch öfter begegnet. Das zweite Tor von Carsten Ramelow nach einem Pass in den Rückraum habe ich auch noch vor Augen.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Länderspiel-Tor?
Das fällt mir nicht schwer, ich habe nur fünf gemacht: gegen Rumänien, Costa Rica, die Türkei, Bosnien-Herzegowina und Griechenland. Dabei zähle ich die Tore gar nicht zu den persönlichen Höhepunkten, da sind andere Szenen viel präsenter, zum Beispiel wie ich die Betreuer umarmt habe nach dem WM-Gewinn, oder wie Olli Kahn 2004, als wir nach der Vorrunde ausgeschieden sind, zu mir kam und sagte: »Junge, an dir lag’s nicht.« Da war ich gerade mal zwanzig.

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Christof Kneer und Lars Reichardt trafen Philipp Lahm zwei Mal zu langen Gesprächen, zuletzt im »Valentinstüberl«, einer Münchner Bar, in der Mehmet Scholl zeitweise als Discjockey beschäftigt war.

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