bedeckt München 20°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 45/2014 Kinder

In die weite Welt hinaus

Tina Hüttl und Carolin Pirich   Fotos: Fabian Zapatka

Kinder und Jugendliche werden heute so stark umsorgt wie keine Generation vor ihnen. Was passiert, wenn sie mal völlig auf sich allein gestellt sind? Eine Berliner Schule wagt ein außergewöhnliches Experiment.



Anzeige
Bis Ben um fünf Uhr morgens weinend im Zelt zusammenbricht, läuft es gut, nicht ohne Probleme, aber das war auch nicht zu erwarten. Sieben Kinder, zwölf bis 14 Jahre alt, ohne Eltern, ohne Lehrer, ohne eigenes Handy, jeder 150 Euro für knapp drei Wochen – und nur sie allein. Die Schule hat sie Ende August losgeschickt, die nächsten Erziehungsberechtigten sind mehr als 100 Kilometer entfernt. Das Ziel: überleben. Selbst einkaufen und kochen, jeden Tag einen Schlafplatz suchen, heil nach Berlin zurückkommen.

Das Dreimannzelt, das Ben mit Bruno und Francis teilt, steht auf einer Lichtung im Wald. Die Kanus haben sie ein paar Meter weiter am Seeufer vertäut. Ums Zelt verstreut liegen ein einzelner Schuh, Francis nasses Shirt, eine Zahnbürste und der Topf vom Abendessen, in dem jetzt eine Nacktschnecke kriecht. Es hat viel geregnet. Bruno, der vom Schluchzen aufgewacht ist, versucht Ben zu beruhigen. Nach einer halben Stunde gibt er auf.

In den anderen beiden Zelten rührt sich nichts. In einem schläft Luna, das einzige Mädchen, im anderen schlafen Johni, Jakob und Fabian. Sie sind nicht auf einer normalen Klassenfahrt. Es ist ihre »Herausforderung«. So hat ihre Schule das Projekt genannt. Monatelang haben sich die Kinder während des vergangenen Schuljahres darauf vorbereitet, nach vielem Hin und Her haben sich die sieben zusammengefunden und ein Ziel überlegt. Sie sind Gruppe 30. Ihre Schulfreunde aus Gruppe 49 arbeiten in einer Robbenstation auf Föhr. Vier Mädchen aus Gruppe 23 radeln von Berlin nach Kopenhagen. Gruppe 25 bestellt einem alten Paar den Bauernhof in Griechenland. Insgesamt sind 227 Schüler der Jahrgangsstufen acht bis zehn der Evangelischen Schule Berlin Zentrum auf »Herausforderung« unterwegs. Wie es bei den anderen läuft, wissen Ben, Bruno, Francis, Luna, Jakob, Johni und Fabian nicht. Sie selbst paddeln drei Wochen mit vollgepackten Kanus auf der Mecklenburgischen Seenplatte, jeden Tag ein neuer Ort. Das ist der Plan.

Am Abend vor der Abreise bittet Ben seine Mutter in sein Zimmer. Sie ist nervös, hat ihn fünfmal gefragt, ob er auch an seinen Fleecepulli gedacht hat. »Mama, es ist nicht deine Herausforderung, sondern meine«, sagt er zu ihr. Luna, die mit ihrem Vater und zwei jüngeren Schwestern in einer WG in Kreuzberg wohnt, kuschelt noch mal mit den Kleinen. Und Bruno, Bens Freund, rollt mit Mutter, Vater und seinem Bruder »Power-Bällchen«. Bruno, ein hochgeschossener strohblonder Zwölfjähriger, liest ernst die Mengenangaben von seinem iPod ab. Die »Power-Bällchen« sollen mit in den Rucksack und Energie liefern, wenn beim Paddeln die Kraft ausgeht. Seine Mutter hat dafür eingekauft und alles in Schalen portioniert: Haferflocken, Kokosflocken, Erdnussbutter, Weizenkleie, Leinsamen und eine echte Vanilleschote. Die meisten Zutaten sind bio. Vorm Küchenfenster hängt seit Monaten eine Plane, weil der Stuckaltbau in Berlin-Prenzlauer Berg luxussaniert wird. Die Familie wehrt sich dagegen, der Vater freiberuflicher Fotograf, die Mutter Produktdesignerin. Sie haben ihre beiden Kinder auf die evangelische Reformschule geschickt, weil ihnen der Ansatz vom freien Lernen ohne Leistungsdruck und Noten gefällt. Während andere Schulen im Frontalunterricht Mathematik, Erdkunde und Sprachen durchpauken, gibt es an Brunos Schule »Lernbüros«, in denen die Schüler sich Wissen im eigenen Rhythmus erarbeiten, sowie Fächer, die »Verantwortung« heißen – und außerdem die »Herausforderung«.

»Darauf bin ich neidisch«, sagt Brunos Mutter. »So etwas gab es zu unserer Zeit nicht.«

Wer wie sie in den Siebzigerjahren aufwuchs, kann rückblickend kaum fassen, wie er das überlebt hat. Fahrrad fuhr man ohne Helm, Autos hatten weder Gurte noch Airbags, Handy und GPS-Armbänder waren noch nicht erfunden und der Tagesablauf war nicht durch Yoga, Geige oder Hockey getaktet. Es war normal, dass Eltern nicht wussten, wo sich ihre Kinder herumtreiben.

Brunos Mutter genoss diese Freiheit. Trotzdem erzieht sie ihre Kinder heute anders, will wissen, wie sie denken, fühlen, was sie machen – will näher dran sein, wie alle Eltern ihres Bekanntenkreises. Ihr Sohn darf allein auf die Straße, sie weiß aber immer noch genau, wo er steckt: beim Basketballtraining, beim Angeln, bei welchem Freund.

Deshalb ist das Schulprojekt von Bruno, Ben und Luna nicht nur eine Herausforderung für die Schüler, sondern auch für die Eltern. Sie sollen sich einmal komplett raushalten, nichts organisieren, nichts packen, keinen Kontakt haben, sobald die Kinder in den Zug steigen. Den Eltern erklärte die Rektorin, als sie die »Herausforderung« 2007 einführte, sie wolle die »schlummernden Fähigkeiten« bei den Kindern wecken. Gelerntes bleibt nur zu zehn Prozent hängen, wenn wir es lesen, zu neunzig Prozent aber, wenn wir es selbst tun, das zeigt die Hirnforschung. Weil es nach der ersten »Herausforderung« Ärger mit den Eltern gab, schickt die Schule seitdem jeder Gruppe einen volljährigen Betreuer mit. Der begleitet die Kinder, ist immer in der Nähe, die Kinder müssen ihn mitfinanzieren und ihn auch mit Essen versorgen. Aber der Betreuer kümmert sich um nichts, er darf nur im Notfall eingreifen: bei einem Unfall, wenn Kinder sich gefährden oder wenn sie Verbotenes tun. Sollte die Gruppe allerdings den ganzen Tag in die falsche Richtung paddeln, muss er sich raushalten.

»Wir sind nicht durchgängig gut darin, ihn einfach machen zu lassen«, sagt Brunos Mutter. Den Kanuverleih, an dem die Kinder die Reise beginnen, kennt sie, ihr Mann hat dort schon fotografiert. Beim Packen hat sie Bruno mehr Unterwäsche dazugesteckt, und sie haben im Wohnzimmer das Kochen mit Gaskartusche geübt. Aber eigentlich weiß sie, dass es Zeit ist, loszulassen. Und jetzt hat sie tatsächlich keine Ahnung, wie die sechs Jungs und das Mädchen in der Gruppe zurechtkommen, was sie essen, wo sie schlafen und ob sie sich nicht verlieren.

Was also passiert, wenn man Großstadtkinder einer Freiheit aussetzt, die früher normal war?

Am ersten Tag der »Herausforderung« geht schon bei den wichtigsten Aufgaben einiges schief: beim Essen und Organisieren eines Schlafplatzes. Als die Kinder am Bahnhof in Fürstenberg an der Havel, dem Ausgangspunkt für Wasserwanderer, aus dem Zug steigen, teilen sie sich auf. Vier sollen im Netto Vorräte für die nächsten Tage besorgen, die anderen drei den Campingplatz mit Kanuverleih finden. Vor der Rezeption des Naturcampingplatzes am Ellbogensee werfen Bruno, Francis und Fabian das Gepäck für drei Wochen Paddeltour ab. Sie tragen Jeans und graue Kapuzenpullis, als hätten sie sich abgesprochen, ihre wasserdichten Seesäcke glänzen wie neu. Die Betreuerin Romy Schwarz, die die Schule ihnen mitgeschickt hat, bleibt draußen. Die Jungs sollen die Übernachtung selbst regeln. Sie öffnen die Tür zur Rezeption und stehen vor der Besitzerin des Campingplatzes, einer blassen, älteren Frau. Sie starrt sie an.

»Wir zelten. Was kostet das die Nacht?«
»Ihr habt nicht angerufen. Wie viele seid ihr?«
»Sieben, nee acht insgesamt.«
»Wie alt?«
»Alle so zwölf, 13.«

Die Frau stützt sich am Tresen ab, graue Strähnen fallen ihr ins Gesicht; gerade hat sie einen Sommer voller Camper überstanden. Sie schüttelt den Kopf. Was machen diese Kinder hier allein? Wo ist ein Erwachsener, Lehrer, eine Aufsichtsperson, mit der sie sprechen kann? Sie verhandelt nicht mit Minderjährigen. Sie will sie hier nicht haben. Das schreit sie ihnen auch hinterher.

Im Netto am Marktplatz von Fürstenberg hat Luna bei den Sonderangeboten Linseneintopf in Dosen gefunden. Sie hat schräg stehende Katzenaugen, das Haar fällt ihr über die Schultern, ein hübsches Mädchen, das sich ihrer Wirkung noch nicht bewusst ist. Sie ist mit drei von den Jungs einkaufen. Ben, Johni und Jakob schlittern mit dem Einkaufswagen durch die Gänge. Vor der Abreise hat Luna mit ihrem Vater, einem Arzt, Einkaufen geübt. Sie haben über Kohlenhydrate und Proteine gesprochen, über Energieverbrauch und darüber, wie lange die Lebensmittel halten. Jetzt rechnet Luna aus, dass alle von den acht Linseneintopfdosen zweimal satt werden. Außerdem hat sie in den Einkaufswagen gelegt: Zwanzig Packungen Spiralnudeln, zwei Flaschen Ketchup, acht Tüten Haferflocken, vier Packungen Pumpernickel und bestimmt 200 Teebeutel. Überhaupt ist Luna die Einzige, die versucht, etwas System in die Sache zu bekommen. Als Älteste von drei Schwestern ist sie es gewohnt, dass man auf sie hört. Die Jungs schleppen Süßigkeiten an, Cola, Fruchtzwerge und Spielzeug. Luna schickt sie immer wieder zurück. Nach der zwölften Diskussion gibt sie auf.

»Leute, hier gibt es so was Ähnliches wie YumYum, vier für siebzig Cent!«, ruft Ben.
»Nein! Das macht nicht satt«, sagt Luna.
»Doch!«
»Du denkst nur, dass du satt wirst. Aber du warst an der Luft, du hast Sport gemacht. Glaubst du wirklich, dass du von diesen kleinen Nudelchen satt wirst?
»Ja! Die sind so lang! Außerdem: Wir sind in der Überzahl.«
»Was soll das heißen?«
»Demokratie!«

Anzeige

Seite 1 2 3

Mit 14 verreiste Tina Hüttl zum ersten Mal allein: mit Freundinnen nach Bibione zum Campen. Noch heute bewundert die Autorin ihre Eltern dafür, dass sie nicht aus Sorge hinterherfuhren. Carolin Pirich freut sich sehr, dass die Ente noch lebt, der die Berliner Kinder nachstellten. Aber wenn ihre eigenen Kinder in ein paar Jahren losziehen, will sie an die »Herausforderung« denken: Das wird ihr sicher Gelassenheit geben. Und der Fotograf Fabian Zapatka, der eher ein Herr-der-Fliegen-Szenario erwartet hatte, war sehr beeindruckt davon, wie sich die Kinder umeinander kümmerten. Nach einer Nacht unter freiem Himmel sagte Fabian, 13, zu ihm: »Du hast geschnarcht, aber keine Sorge, das macht nichts.

  • Kinder

    »Ich stelle es mir schlimm vor, in diesen Ballons zu wohnen«

    Vor einigen Wochen baten wir Flüchtlingskinder, für uns ein Bild von ihrer Flucht zu malen. Nun haben die Schüler einer sechsten Klasse aus Schleswig-Holstein auf die Bilder geantwortet - mit Briefen. 

  • Anzeige
    Kinder

    Kleines Problem

    Werdende Väter richten gern sorgfältig das Kinderzimmer ein. Doch früher oder später schlafen sie selbst dort. Unsere Modefotos zeigen es – und unser Autor erklärt, wie es bei ihm dazu kam.

    Von Marc Baumann
  • Kinder

    »Ich bin die Letzte, ganz links auf dem Bild«

    Unter den 800.000 Flüchtlingen, die Deutschland in diesem Jahr erreicht haben, sind etwa 270.000 Kinder. Wir haben sechs von ihnen gebeten, von ihrer Flucht zu erzählen - und dazu ein Bild zu malen.

    Protokolle: Christoph Cadenbach und Susanne Schneider