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aus Heft 48/2014 Essen & Trinken

Goldbraune Zeiten

Anna Miller  Illustrationen: Rutu Modan

Der Kartoffelbauer Ueli Maurer hat sich in den Kopf gesetzt, die perfekten Pommes frites zu machen - mit einem Automaten.


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Das Problem sind nicht die Kartoffeln, das Problem ist der Mensch: Er lässt die Stäbchen zu lange im zu heißen Fett schwimmen, er schwatzt, gibt Rückgeld raus, öffnet Kühlschränke oder Bierflaschen – und vernachlässigt die Konzentration auf die Fritten. Das wäre eigentlich die Mission bei der Suche nach den perfekten Pommes, findet Ueli Maurer, und keiner versteht sie: Der Mensch muss weg, der Mensch muss ersetzt werden durch Mechanik, durch eine Uhr, die genau zählt.

Wer könnte so einen Pommes-Automaten schon bauen, wenn nicht er: Kartoffelbauer Ueli Maurer aus Wallisellen, einem Vorort Zürichs mit viel Acker und wenig Stadt. Mehr als vierzig Jahre seines Lebens hat er den Kartoffelknollen gewidmet, hat sie aus der Erde gehoben und zerschnitten, Importe organisiert von Kartoffelsäcken aus Tschechien und Kisten aus den Niederlanden. Die haben was eingebracht. Er konnte sich damit genügend Geld ansparen, er pflanzt ja weiter Kartoffeln an, dazu Rüben und Mais, also was macht es schon, dass seine Mission so viel Geld verschlungen hat?

Ueli Maurer ist ja nicht blöd, er weiß, dass sich viele große Firmen bereits an einem Pommes-Automaten versucht haben, auch Tüftler und Erfinder. Er weiß auch, dass bis heute nirgends Tausende Frittenautomaten vom selben Hersteller herumstehen, keiner scheint das große Geld damit gemacht zu haben. Forschen musste er, herausfinden, was faul ist an der Sache. Und die Spuren danach wieder verwischen. Damit nur ja keiner auf die Idee kommt, mit genau der gleichen Idee schneller sein zu wollen als er.

Also kaufte er jeden Pommes-Automaten auf, den er in der Gegend fand, fuhr ihn mit dem Anhänger zu sich auf den Bauernhof, hievte ihn in die dunkelste Ecke des Dachstocks seiner Scheune und öffnete das Gehäuse. Denn Menschen können reden, erklären, Theorien aufstellen. Aber so ein Automat, der sagt einem die Wahrheit, wenn man sich nur lange genug mit ihm beschäftigt.

Bald war Ueli Maurer klar, was die anderen Menschen falsch machten: Sie bauten die Fritteuse unten ins Gehäuse, die Schublade für die tiefgekühlten Stäbchen oben. Das funktioniert nicht, das müsste jedem Kind klar sein, wegen physikalischer Gesetze: Hitze steigt und macht dabei unweigerlich die Maschine kaputt, sie dampft sie marode. Also drehte Ueli Maurer das System um, die Fritteuse oben, die Pommes unten, er baute einen Fritten-Lift ein, der die Stäbchen hinauffährt.

Der erste Automat wurde im Jahr 2007 fertig, auf einem Volksfest in der Nähe Zürichs spuckte er Pommes aus, eine Portion pro Minute, bis zu 300 Gramm, goldgelb, ohne Salz, innen weich, außen knusprig. Doch auf den Kasten war noch kein Verlass, immer wieder bockte er, wollte nicht angehen, oder es rauchte aus seinem Gehäuse. Die Jahre vergingen.

Ueli Maurer ließ seine Maschine patentieren, fast siebzig Jahre war er inzwischen alt, zwei Millionen Euro hat er in seine Erfindung gesteckt, aber die Menschen reagierten zögerlich, die Suche nach Investoren stockte. Er fuhr seinen Automaten im Anhänger in die Niederlande, stellte ihn bei der Inter-nationalen Kartoffelmesse auf, erhielt immer mal ein höfliches Nicken und auch ein paar Visitenkarten. Dann plötzlich bekam Ueli Maurer eine E-Mail. Chinesische Investoren erteilten ihm einen Großauftrag: der langersehnte erste Kunde. Aber der Mann hinter dem Schreibtisch bei der Organisation für Exportförderung in Zürich sagte, es handle sich wohl um eine chinesische Briefkastenfirma. Ueli Maurer nickte ernüchtert, aber er ließ sich nicht entmutigen.

Anfang dieses Jahres kam seine Geschichte in die Schweizer Kinos. Ueli Maurer stellte sich mit Kartoffel-Krawatte auf rote Teppiche, Schlangen bildeten sich vor dem Pommes-Automaten, Fernsehteams drehten Kurzfilme über Leute, die in Pommes bissen und schwärmten, wie toll sie schmecken, wie heiß sie sind und wie knusprig, genau richtig eben, und nicht vollgesogen mit altem Frittenöl. Erste Automaten wurden ins Ausland geliefert, in die EU, nach Dubai. Die Investoren, die Ueli Maurer nun gefunden hatte, wollten groß expandieren, 5000 Standorte in den folgenden fünf Jahren sollten es sein.

Ein warmer Tag im Herbst, Ueli Maurer hat keine Zeit fürs Reden, er muss seine Felder beackern, den Mais, die Kartoffeln, die Rüben. Mit seinen Geschäftspartnern hat er sich inzwischen überworfen, die Aktiengesellschaft ist in der Auflösung begriffen, die Automaten aus Dubai wurden wieder in die Schweiz geholt. Von den geplanten 5000 Standorten ist rund ein Dutzend übrig geblieben, Maurer verkauft keine mehr, er vermietet sie nur für Feste. Es seien aber gerade erst wieder Anfragen reingekommen, sagt Maurer, weitere aus Deutschland, ganz neue aus Ägypten.

In ein paar Monaten wird sich zeigen, ob der große Expansionstraum wahr wird. Bis dahin hüllt sich Ueli Maurer in Schweigen. In Deutschland befinden sich nur in Kronach Automaten von ihm, eine Firma hat sie gekauft, als die alten Geschäftspartner noch die Fäden zogen. Die Automaten stehen in einer Selfservice-Imbissbude ohne Bedienung, rund um die Uhr geöffnet. Ueli Maurers Maschine wirft dort auch Currywürste und Chicken Nuggets aus, goldbraun, immer gleich heiß, immer gleich knusprig. Hat man einmal das System begriffen, lässt sich der Mensch überall ersetzen.

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Der Automat
Der Pommes-Automat von Ueli Maurer steht in Kronach beim »Pizza-Service«, Kaulanger Straße 14, 96317 Kronach. Diese Selbstbedienungs-imbissbude ist rund um die Uhr geöffnet. Am 9. Dezember feiert der Film »Ueli Maurers Pommes-frites-Automat« Premiere in Berlin (Kino Babylon). Zwei Automaten werden an diesem Abend bereitstehen.

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Die Schweizerin Anna Miller kennt den Begriff »Pommes rot-weiß« nur aus deutscher Fernsehwerbung. In den helvetischen Badeanstalten, sagt sie, essen die Leute ihre Fritten nur »mit Ketschöp, bitte«.

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