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aus Heft 49/2014 Sex

Hautaufgaben

Seite 3: »Die Verbalisierung und Rationalisierung aller Winkel und Ecken der Sexualität nimmt dem Eros ja eher den Stachel«

Rainer Stadler  Illustrationen: Monica Ramos


Wer den heutigen Sexualunterricht beklagt, muss allerdings bedenken, wie dieser Unterricht früher aussah. Lange Zeit bestand das Ziel der Aufklärung vor allem darin, Sexualität bei Kindern so lange wie möglich hinauszuzögern. Um Jungen vom Masturbieren abzuhalten, wurde sogar die Wissenschaft bemüht: Ein Dr. med. Hans Hoppeler etwa schrieb in seinem Büchlein Aufklärung und Rat für Jünglinge bei ihrem Eintritt in das geschlechtsreife Alter, das bis in die Sechzigerjahre in Deutschland verkauft wurde: Wer »öfters künstliche Samenentleerung herbeiführt«, entziehe dem Körper wichtige Hormone und richte damit »ernsthaften Schaden« an. »Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit gehen zurück, die Frische und Energie des Denkens lassen zu wünschen übrig.« Der Schweizer Psychotherapeut Theodor Bovet riet in den Fünzigern in seiner Aufklärungsschrift Von Mann zu Mann zum »Kampf gegen unreine Gedanken«. Wenn man doch einmal »von einer akuten Versuchung überfallen« werde, hilft laut Bovet nur eines: »Aus dem Bett sofort aufstehen und irgendwie ablenken, sei’s mit einer Geometrieaufgabe oder mit Zeichnen oder mit Knopfannähen.«

Doch bereits die Philantropen, eine Bewegung, die im ausgehenden 18. Jahrhundert entstand und ebenfalls gegen die Verschwendung von Körpersäften eintrat, hatten eine unerwünschte Nebenwirkung dieser repressiven Sexualaufklärung erkannt: Die Thematisierung des Problems könnte die Jünglinge überhaupt erst auf verwerfliche Gedanken bringen. Ihre Lösung des Dilemmas: ständige Bewachung der Heranwachsenden sowie Infibulation. Das heißt, die Vorhaut der Kinder wurde mit einer Art Sicherheitsnadel verschlossen. Die Sexualaufklärung, wie sie Sielert und Tuider vertreten, ist natürlich auch als Reaktion auf solche Zeiten zu verstehen: Nie wieder Tabus!

Trotzdem hat Walter Müller eine tröstliche Botschaft für besorgte Eltern, die befürchten, ihr Nachwuchs könne in der Schule nun jede Scham verlieren: »Die Verbalisierung und Rationalisierung aller Winkel und Ecken der Sexualität nimmt dem Eros ja eher den Stachel«, sagt der emeritierte Würzburger Pädagogikprofessor. Je mehr im Unterricht darüber gesprochen werde, desto mehr verliere die Sexualität den Reiz des Geheimen und Verbotenen. »Insofern wirkt die lustbetonte Sexualaufklärung – entgegen der Absicht ihrer Erfinder – eher lustfeindlich.« Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Jugendliche heute später sexuell aktiv werden: Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hatte 2005 ein Viertel der 17-jährigen Mädchen noch keinen Geschlechtsverkehr, im Jahr 2010 war es ein Drittel. Und auch im Rest der aufgeklärten Gesellschaft scheint sich eine gewisse Sexmüdigkeit ausgebreitet zu haben.

Alles in allem hält Müller den Einfluss auf das Verhalten der Kinder und Jugendlichen durch schulische Sexualerziehung für sehr begrenzt: »Schüler sehen in einem Lehrer in erster Linie einen Menschen, der sie beurteilt und Noten vergibt. Und dieser Mensch versucht nun, die intimsten Fragen der Schüler aufzugreifen – das kann eigentlich nicht funktionieren.« Natürlich dürfe sich die Schule nicht ihrer Verantwortung entziehen: Die Vorstellung von Liebe und Erotik sei bei vielen Kindern und Jugendlichen heute stark von gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Darstellungen aus dem Fernsehen und Internet geprägt. Dennoch warnt Müller vor übertriebenen Erwartungen: »Es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem. Das kann die Schule nur partiell reparieren.«

Vielleicht wäre schon einiges gewonnen, wenn wenigstens die Erwachsenen lernen würden, im Dauerstreit um die richtige Sexualerziehung nicht so hemmungslos übereinander herzufallen.

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Sexualkunde
Seit 1968 steht Sexualkunde auf dem Lehrplan der Schulen. Die Bundesländer erließen Richtlinien für den Unterricht, die die Lernziele definieren: Die Schüler sollen etwa eine positive Beziehung zum eigenen Körper bekommen, sich vor sexueller Gewalt schützen können, über Empfängnisverhütung Bescheid wissen, Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen entwickeln. Nur Bayern macht seinen Lehrern Vorgaben, welche Themen in welcher Klassenstufe zu behandeln sind. In jedem Fall müssen die Eltern vorher informiert werden, was unterrichtet wird - und mit welchen Lehrmitteln.
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Rainer Stadler gehört noch zu jener Generation Schüler, die an das Fach Sexualkunde weniger durch den Unterricht als vielmehr durch diesen Sketch von Otto Waalkes herangeführt wurden: bit.ly/waalkes

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