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aus Heft 50/2014 Kunst

»Ich bin von Kunst besoffen«

Malte Herwig 

Christo findet es schrecklich, ohne Jeanne-Claude zu leben, er hasst es, »Verpackungskünstler« genannt zu werden, er verachtet Menschen, die moderne Kunst nicht begreifen. Aber dank Knoblauch geht es ihm ansonsten bestens.

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(Foto: Reuters)


Auf der Canal Street in Chinatown, New York, drehen Verkäufer den Touristen für ein paar Dollar gefälschte Taschen von Louis Vuitton und Prada an. Eine Straße weiter wohnt Christo Vladimirov Javacheff in einem schmalen, etwas heruntergekommenen Haus mit fünf Stockwerken und Feuerleitern vor der Fassade. Christo lebte und arbeitete schon hier, als das Viertel noch nicht so hip und er noch nicht so berühmt war.

Eine Treppe führt zur Galerie im ersten Stock, wo Bambuspflanzen für gutes Feng-Shui sorgen sollen und Arbeiten von Christo ausgestellt sind. In der Ecke stehen verhüllte Ölfässer, an der Wand hängen Collagen und ein verpacktes, nicht mehr zum Telefonieren gedachtes Münztelefon. Christo ist ein auf angenehme Art nervöser Mensch. Er trägt einen schwarzen Pullover und ausgebleichte Jeans, ein riesiges Loch entblößt sein rechtes Knie. Das Arbeitsknie, erklärt Christo entschuldigend: Darauf rutsche er immer umher, und er arbeite eben bis zu 15 Stunden am Tag.

So hält er es schon immer. Er hat einen langen Atem, und den braucht er auch, denn manche Projekte werden erst nach Jahrzehnten verwirklicht, wenn überhaupt. Nur eins hat sich geändert: Jeanne-Claude starb vor fünf Jahren an einer Hirnblutung. Nach über einem halben Jahrhundert ist Christo auf einmal allein. In seinem Tatendrang hat ihn das nicht gebremst. Doch wenn er über seine aktuellen Projekte spricht, sagt er immer noch »wir«.

SZ-Magazin: Christo, Sie und Jeanne-Claude waren das berühmteste Paar der Kunstwelt, aber Sie saßen nie gemeinsam im selben Flugzeug. Warum nicht?
Christo: Um unsere Kunst zu schützen. Wir haben uns immer gesagt: Wenn einer von uns abstürzt, muss der andere unsere Projekte allein zu Ende führen.

Wie fühlt es sich jetzt an, ohne Jeanne-Claude weiterzumachen?
Es ist schlimm. Zum Glück habe ich ihre Assistenten Vladimir und Jonathan geerbt, unsere Neffen. Die beiden hatten schon 25 Jahre für sie gearbeitet, und jetzt managen sie mich. Wir fragen uns oft: Was würde Jeanne-Claude sagen? Sie fehlt mir ständig.

Sie hassen es, wenn man Sie Verpackungskünstler nennt. Warum so empfindlich?
Weil es eine grobe Vereinfachung ist! Ich habe schon lange nichts mehr verpackt. Die Gates im Central Park waren keine Verpackung, die Schirme und der Running Fence auch nicht. Die letzte Idee, etwas zu verpacken, hatten wir 1975, das war Pont Neuf. Den Berliner Reichstag wollten wir schon 1971 verpacken, es hat nur ein bisschen länger gedauert. Aber ich arbeite immer mit Stoffen, weil sie den provisorischen Charakter, die Vergänglichkeit unserer Projekte verkörpern.

Was haben Stoffe denn mit Vergänglichkeit zu tun?
Jeanne-Claude und ich waren wie Nomaden der Kunst: Wir haben immer schnell unsere Zelte aufgeschlagen und sind nach ein paar Wochen schon wieder weitergereist.

Wie haben Sie mit dem Verpacken angefangen?
Ich habe nicht einfach Objekte verpackt, sondern Baumwollstoff mit einem speziellen Lack bestrichen, der das Gewebe steif machte und dem ganzen Objekt einen skulpturalen Charakter verlieh. Ich fing an, einfache Dinge wie Flaschen, Dosen und Stühle zu verwandeln und zu schauen, wie sich unsere Wahrnehmung dadurch verändert.

Was steckt in dem Paket dort?
Keine Ahnung, es ist halt ein Paket. Ich habe in den Sechzigerjahren irgendwas darin verpackt.

Damals schien nichts vor Ihnen sicher. Sie verpackten Motorräder, einen Renault, den Kinderwagen Ihres Sohnes und die Schuhe Ihrer Frau.
Jeanne-Claude hat geschimpft, weil ich immer ihre neuesten Schuhe nahm. Ich habe eben einfach die alltäglichen Gegenstände genutzt, die ich um mich hatte. Aber Sie müssen verstehen: Daraus entstanden nicht einfach irgendwelche Pakete, sondern attraktive Skulpturen.

Mitunter führte Ihre Kunst zu Missverständnissen. Einmal kaufte das Kunstmuseum in Teheran ein Modell des verhüllten Reichstags. Bei der Ankunft packten Mitarbeiter das Kunstwerk versehentlich ganz aus.
Wir mussten einen Restaurator des British Museum nach Teheran schicken. Als er landete, war gerade der Ayatollah Khomeini in den Iran zurückgekehrt. Der arme Mann steckte vier Wochen in den Revolutionswirren fest, nachdem er das Kunstwerk wieder fachgerecht verpackt hatte.

Ein anderes Mal packten schwedische Zöllner Ihre Werke auseinander. Haben Sie ein Beuys-Problem? Dessen Fettecke wurde ja auch von wohlmeinenden Reinigungskräften weggeputzt.
Das passiert leider vielen Künstlern. Die Menschen haben heutzutage einfach keinen Respekt mehr vor Kunstwerken, besonders vor zeitgenössischen. Die Leute gehen vorsichtiger mit Porzellantassen um als mit moderner Kunst! Es ist eine Frechheit. Ein Kunstwerk ist hundertmal so teuer wie das teuerste Porzellan, aber die Menschen haben keinerlei Verstand und behandeln es wie den letzten Dreck. Wir verschicken unsere Kunstwerke deshalb nur noch zusammen mit Fotos und Anweisungen, dass sie im Beisein von Experten geöffnet werden müssen.

Haben Sie Ihre Frau verpackt?
Nein, aber ich habe andere junge Frauen verpackt. Die erste 1962 in Paris, dann 1963 in Düsseldorf. Der deutsche Fotograf Charles Wilp stellte uns Models zur Verfügung. Sie mussten fünf Stunden stillstehen und durch eine kleine Öffnung in der Verpackung atmen. 1967 entwarf ich sogar ein Hochzeitskleid.

Nach Ihrer ersten Begegnung höhnte Jeanne-Claude: Der Mann sei offensichtlich schwul. Sie lästerte über Sie und sagte: »Mutter hat einen Hund ohne Leine mit nach Hause gebracht.« Wie ist es Ihnen gelungen, die verwöhnte Generalstochter doch zu erobern?
Ach, wissen Sie, ich nehme nie etwas als persönliche Beleidigung auf. Ich lebe jetzt seit 58 Jahren im Westen und hatte mit so vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Ich kann nicht zulassen, dass all diese Widerstände im Leben meine Gefühlswelt beeinträchtigen. Selbst heute haben wir bei jedem Projekt mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Es gehört dazu, ich nehme nichts persönlich. Was ich tue, tue ich gern. Jeanne-Claude und ich haben jede Minute unseres Lebens an die Kunst verwandt, weil wir die Kunst lieben. Alles ist Kunst. Wir waren wie Besoffene. Ich bin besoffen von Kunst.

Sind Sie zufrieden mit der Bilanz Ihres Schaffens?
Wir haben über ein halbes Jahrhundert 22 Projekte verwirklicht und für 37 keine Genehmigung bekommen. Projekte wie der verhüllte Reichstag wurden dreimal abgelehnt, und wir haben uns doch nicht davon abbringen lassen. Manchmal kann Ablehnung ungewohnt belebend wirken.

Was frustriert Sie am meisten?
Eines der größten Probleme ist der Umstand, dass es keinen Quadratmeter auf der Welt gibt, der nicht irgendjemandem gehört. Wir müssen immer herausfinden, wem ein Grundstück gehört. Die 62 Kilometer lange Strecke des Arkansas River in Colorado zum Beispiel, die ich mit Stoff bespannen will, gehört zum größten Teil der US-Regierung. Wenn Sie das Land mieten wollen, können Sie nicht einfach einen Brief nach Washington schicken und höflich anfragen. Wir haben Architekten, Verkehrsexperten und Ingenieure beauftragt, eine Planungsstudie für uns zu erarbeiten. (Er wuchtet zwei dicke Bücher auf den Tisch.) Das ist unsere Bewerbung: 2029 Seiten. Die hat eineinhalb Millionen Dollar gekostet. Dann haben wir die besten Anwälte und Lobbyisten in Washington beauftragt, die Studie zu prüfen und zu überarbeiten. Noch einmal zweieinhalb Millionen Dollar und noch ein Bericht von 1686 Seiten.

Ihre Arbeit klingt alles andere als romantisch.
Fast 4000 Seiten über ein Kunstwerk, das gar nicht existiert, verstehen Sie! Welcher Künstler kann das schon von sich behaupten? Kein Künstler kann das behaupten. Über einen Zeitraum von vielen Jahren denken Tausende von Menschen über etwas nach, was gar nicht existiert. Das ist eine ungeheure Befriedigung für mich. Das ist eine eigene Realität! Anders als normale Künstler arbeite ich nicht ständig in einem Studio und produziere ein Werk nach dem anderen. Unsere Kunst ist eine enorme Darstellung menschlichen Verhaltens und nicht allein das Resultat unserer eigenen Arbeit. Wir haben fabelhafte Teams aus Anwälten, Ingenieuren, Handwerkern.
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Nachdem Christo Malte Herwig erklärt hatte, wie fit er sei, wunderte sich der Autor über den Treppenlift im Hauseingang. Den habe Jeanne-Claude schon vor vielen Jahren angeschafft, erklärte Christo: für ältere Sammler und zum Transport von Weinkisten.

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