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aus Heft 05/2015 Gesellschaft/Leben

Der Mozart unter den Texten

Illustration: Andy Rementer

»Der Woody Allen des Barock«, »der Heino der Literatur«, »der Brad Pitt des Saarlands«: Solche Vergleiche haben unseren Autor sehr gestört - bis er verstand, dass es sich um Kunst handelt.


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Nachdem in meiner alten WG in der kleinen Münzwardeingasse in Wien/Mariahilf mal infolge eines Wasserrohrbruchs alles hatte aufgestemmt werden müssen und dabei der Kachelboden komplett zerstört worden war, von den Gebrüdern Schwadron hergestellte schöne Fliesen, die die zwei polnischen Handlanger, wie mir schien, mit großer Freude zertrümmerten, aber ich kann mich irren, vielleicht blutete ihnen auch das Herz dabei, besorgten sie auch gleich neue Kacheln, sie kannten die günstigen Bezugsquellen (dehnbarer Begriff), hässliche babyblaue, sie schätzten uns wohl so ein, dass Hellblau uns im Nassbereich stünde, die nächstliegende Assoziation eben, und als dann alles neu verfliest war, sahen wir das Dilemma, alles war so akkurat und langweilig, so bieder. Als ich den einen Polen, Adam sein Name, sinnloserweise natürlich, hinterher fragte, warum sie das denn so brav gemacht haben, und nicht alles schief und krumm, eine eigene Note, verstand er zunächst nicht, aber dann sah ich förmlich eine Glühbirne über seinem Kopf, und er nickte und meinte: »Ah, verstehe, wie Picasso.«

Und als mich mal mein Stiefvater fragte, was ich denn da so bei »Mäuse« mache, meiner kleinen Band oder Simulation einer Band, weil niemand wirklich weiß, ob es uns eigentlich noch gibt, so unregelmäßig wird etwas veröffentlicht und konzertiert, wie das denn klinge, was wir da machen, wusste ich nicht recht, wie ich ihm ein Referenzsystem erklären soll, das aus Suicide und Faust, aus Celtic Frost und Magma besteht, weil man dann für diese auralen Himmelsrichtungen wieder Erklärsysteme braucht, deswegen erklärte ich abkürzend, na ja, ist halt Krach, und ich schrei dazu, das verstand er und sagte: »Ah, verstehe, wie Joe Cocker.« Für den Polen Adam waren wir die Picassos der Münzwardeingasse, auch, weil es in unserer WG ein paar Kunststudenten gab, und für meinen Stiefvater war ich eben der Joe Cocker der Mäuse.

Als kürzlich der norwegische Schachweltmeister Magnus Carlsen seinen Titel verteidigte, stand da und dort zu lesen, er sei der Mozart des Schachs, warum er das ist, war nicht zu erfahren, beziehungsweise hab ich den Text gar nicht erst gelesen, weil ich sowohl Schach als auch Mozart für pure Zeitverschwendung halte. Ich habe dann mal nach anderen Mozarts gegoogelt, und der arme Mann scheint ein multieinsetzbarer Gebrauchsgegenstand der Referenzialität zu sein, es gibt den Mozart des Denkens (Pascal), den Mozart des Elysée (französischer Wirtschaftsminister), den Mozart des Basketballs (Drazen Petrovic), den Mozart der Massenproteste (Rudi Dutschke), den Mozart des 100-Meter-Laufens (Usain Bolt), den Mozart des Techno (Aphex Twin), den Mozart des Jazz (George Gershwin), den Mozart der Theologie (Papst Benedikt), und Jimi Hendrix ist gleich pauschal, genre-übergreifend der Mozart des 20. Jahrhunderts, offenbar für alles, was er je gemacht hat, vielleicht sogar für sein Basketballspiel.

Beweise bleiben die Faulpelze, die sich diese Vergleiche ausdenken, allerdings schuldig, sie glauben, wenn es gut klingt, was es ja wirklich tut, dann muss es wohl stimmen, es wird sozusagen passend geschrieben, oder passend behauptet, aber man fragt sich doch, ob das auch im Umkehrschluss gilt, wenn Aphex Twin der Mozart des Techno ist, ob dann Mozart der Aphex Twin des durchbrochenen Stils ist? Es gibt sogar einen Musikführer, der Der Mozart in uns heißt, das bedeutet wohl, dass wir entweder alle ganz tief in uns Mozarts sind oder die Milz der Mozart unserer inneren Organe ist, man könnte auch hier googeln, was wirklich gemeint ist, aber dann stößt man vermutlich auf eine sterbenslangweilige Erklärung, die die schönen Mutmaßungen entzaubert.

Diese Vergleichstechnik nennt man Vossianische Antonomasie, sie wird eingesetzt, um Abwechslung in einen Text zu bringen, wenn der Name einer Person sonst zu häufig vorkommen müsste (Mozart ist der Mozart aller Mozarts). In verschiedenen Ressorts wie Feuilleton und Sportjournalismus haben sich spezifische Antonomasie-Vorlieben herausgebildet. Dabei wird zu wenig beachtet, dass der Informationsgehalt einer Antonomasie die Aussage eines Satzes erheblich stören kann, weil die Antonomasie ein funkelndes, kleines Kunstwerk ist und ablenkt oder gar abstößt von dem, was gesagt werden soll. Antonomasien sind nicht elegant, sondern albern. Aber auch Albernheiten können ja funkeln, wie Schmuckstücke aus einem Kaugummiautomaten.
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Der Gewinner des letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Preises Tex Rubinowitz wartet sehnsüchtig darauf, dass man ihn mit irgendwem vergleicht, wird aber online bloß als »Pseudokünstler« oder »Möchtegernschreiber« beschimpft. Immerhin schrieb die FAZ, er sei in Klagenfurt »bekannt wie ein scheckiger Hund«.