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aus Heft 07/2015 Liebe & Partnerschaft

Das Chamäleon

Seite 2: »Du kennst mich nicht, aber ich schulde dir Dank. Denn durch dich habe ich gelernt, dass man ohne Liebe nicht leben kann.«

Till Krause  Fotos: Stephanie Füssenich


In Ländern, deren Sprache er nicht beherrscht, gibt er sich als taubstumm aus. Und er lernt schnell, sein Spanisch und sein Italienisch sind bald gut genug, um sich gegenüber Nicht-Muttersprachlern als Spanier oder Italiener auszugeben. Im französischen Ort Pau, wo Frédéric Bourdin unter dem Namen Francisco Hernandez Fernandez einen Monat für ein Kind aus Spanien gehalten wird, schreibt ein Polizist in seine Akte: »Wenn er Spanisch sprach, wurde er zum Spanier, wenn er Englisch sprach, zum Engländer.« Ein französischer Staatsanwalt nennt ihn »einen unglaublichen Verwandlungskünstler, dessen Gestörtheit nur noch durch seine Intelligenz übertroffen wird«.

In den USA sitzt er zum ersten Mal länger im Gefängnis. 2003 wird er entlassen und nach Frankreich abgeschoben. Wenige Wochen später gibt er sich erneut als vermisstes Kind aus, mit fast dreißig. Er ist wie ein Süchtiger, der nicht aufhören kann. Er wird wieder verhaftet, kommt frei, wird verhaftet.

Zu dieser Zeit hat Isabelle Clerc ihre kaputte Familie verlassen und studiert Jura an der Sorbonne in Paris. Sie hat das Leben von Frédéric Bourdin aus der Ferne verfolgt, jeden Artikel über ihn aus der Zeitung geschnitten und oft an seinen Satz über die Liebe gedacht, die man zur Not stehlen müsse. Es kommt oft vor, dass Frauen sich in Straftäter verlieben. Manche denken, man könne die armen Kerle retten, wenn man sie anständig behandelt. Aber bei Isabelle ist es anders: Sie hat das Gefühl, Bourdin zu verstehen, als einer der wenigen Menschen überhaupt. Im Herbst 2006 schreibt sie ihm eine E-Mail: »Du kennst mich nicht, aber ich schulde dir Dank. Denn durch dich habe ich gelernt, dass man ohne Liebe nicht leben kann.«

Frédéric Bourdin bekommt viele E-Mails, in Frankreich hat er es durch Fernsehauftritte zu Bekanntheit gebracht. Er betreibt einen Blog und schreibt über seinen Alltag. Aber die meisten Menschen interessieren sich nur für seine Rollen. Die Mail von Isabelle ist die Erste, in der es nur um Frédéric Bourdin geht und nicht um Nicholas Barclay, Benjamin Kent, Sladjan Rascovic und wie seine Figuren alle hießen. Sein erster Gedanke: Diese Frau will mir schaden. Vielleicht eine Journalistin, die sich einen Scherz erlaubt? Er sieht die Schlagzeile schon vor sich: »Wie ich das Chamäleon reinlegte«. Trotzdem schickt er ihr seine Telefonnummer. Sie telefonieren fast jeden Tag.

Im Juli 2007 treffen Sie sich zum ersten Mal. Sie verabreden sich in Laruns, einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, in dem Bourdin lebt. Er ist mittlerweile fast 32 und hat aufgehört, sich als vermisstes Kind auszugeben, teils weil er zu alt dafür wurde, teils weil ihn Polizisten auf der Straße erkennen, weil er so oft im Fernsehen war. Er lebt mit seiner Katze in einer kleinen Wohnung. Dort zeigt er Isabelle eine DVD mit einem Konzert von Michael Jackson und macht die Bewegungen des Sängers perfekt nach. Dann lacht er schüchtern. Isabelle Clerc sagt: »Ich mag dich so, wie du bist.« Aber Bourdin hat sich so oft verstellt, dass er gar nicht mehr weiß, wie das geht: so sein, wie er ist. Er hat Angst, dass Isabelle bald weg ist und nie mehr wiederkommt.

Sie fährt zurück nach Paris. Isabelle fragt am Telefon: Bekommst du eigentlich nie Besuch von Freunden oder Familie? Er antwortet: »Nur einmal. Sie hieß Isabelle.«

Sie besuchen einander immer wieder, über Monate. In Paris spazieren sie durch den Jardin du Luxembourg. Frédéric fragt Isabelle im Frühsommer 2007, ob sie seine Frau werden will.

Im August 2007 heiraten sie in Eaux-Bonnes, einem Dorf nahe der spanischen Grenze. Kurz vor der Trauung nimmt der Standesbeamte Isabelle zur Seite. Er hat die Kriminalakte von Frédéric Bourdin gelesen. Ob sie denn wisse, mit wem sie sich da einlasse? Sie sagt: »Ich liebe ihn nicht trotz seiner Vorgeschichte. Sondern genau deswegen.« Zur Hochzeit kommen nur sieben Gäste, einige davon kennt Bourdin aus dem Gefängnis. Verwandte kommen nicht. Isabelles Mutter sagt: »Du heiratest einen Kriminellen, du willst mich bestrafen!« Frédérics Mutter hält die Hochzeit für eine weitere Lüge ihres Sohnes und bleibt ebenfalls fern.

Frédéric und Isabelle ziehen zusammen, sie die Frau mit Abitur und Jura-Examen, er der vorbestrafte Schulabbrecher. Die erste Tochter Athena kommt im Mai 2008 auf die Welt, der Sohn Esteban ein Jahr später, 2010 wird Odyssée geboren und 2013 Isis. Der Mann, der sich nichts sehnlicher wünschte als eine Familie, ist nun Vater von vier Kindern.

Im November 2014 leben sie nun in einem kleinen Dorf in der Bretagne, am Westzipfel Frankreichs. Dort wollen sie keine Journalisten empfangen, weil die Nachbarn sonst stutzig werden könnten. Nicht jeder kennt die Vorgeschichte von Frédéric Bourdin. Darum treffen sie den Reporter des SZ-Magazins lieber in Nantes, drei Autostunden entfernt, hier ist Bourdin aufgewachsen. Sie kommen öfter in die Stadt, dann spazieren sie durch den Park des Kinderheims Les Grézillières, wo sein Leben als Chamäleon begann. Frédéric Bourdin trägt einen langen schwarzen Mantel und einen dünnen Oberlippenbart, er könnte in einem Bond-Film den Bösen spielen. Aber wenn er lacht, und er lacht oft, zieht sich sein Mund fast von Ohrläppchen zu Ohrläppchen. Isabelle trägt einen Wollmantel und eine selbst gemachte Kette aus Draht und bunten Perlen.

Sie leben von Gelegenheitsjobs. Frédéric Bourdin hat nach der Geburt der ersten Tochter im Telefonmarketing gearbeitet, da sollte er fremde Menschen anrufen, um ihnen teure Heizungsanlagen zu verkaufen. Er ist ein Naturtalent. »Ich weiß, was ich Menschen erzählen muss, damit sie tun, was ich möchte«, sagt er. »Aber ich will nicht mehr lügen.« Kann man einem verurteilten Hochstapler glauben? Isabelle sagt: »Er ist immer ehrlich zu mir gewesen, sonst wären wir nicht so lange verheiratet.« Sie ist schwanger. Ihr fünftes Kind soll im Sommer auf die Welt kommen. Dann will sie wieder arbeiten, sie hat sich um eine Stelle als Rechtsbeistand im Gefängnis beworben. Vielleicht bekommt sie den Job nicht, weil ihr Mann vorbestraft ist.

Bourdin hat einen Rucksack voller Fotoalben dabei, die Bilder seiner Vergangenheit. Die Kindheit in armen Verhältnissen, der Onkel, der ihn schlug. Bilder aus dem Gefängnis in Amerika, wo er einen Schulabschluss nachholte. Die Hochzeit. Die Geburt der Kinder. Niemand spricht es aus, aber die Bilder sollen als Beweis dienen: Seht her, all das gibt es wirklich, ich habe es mir nicht ausgedacht!

Bourdin redet ungern von früher, seine Zeit als Chamäleon ist ja vorbei. Aber eine Frage bleibt: Was hätte er gemacht, wenn der vermisste Nicholas Barclay plötzlich aufgetaucht wäre, als Bourdin in dessen Familie wohnte? »Anfangs war das meine größte Sorge«, sagt er, »aber ich kannte die Statistiken. Kinder, die mehr als drei Jahre vermisst sind, kommen fast nie zurück.« Das US-Magazin The New Yorker hat den Fall des verschwundenen Nicholas Barclay akribisch recherchiert. Der Verdacht: Die Familie ist schuld am Verschwinden des Jungen und hat die Tat vertuscht. Als dann plötzlich ein Fremder daherkam, der behauptete, ihr vermisster Sohn zu sein, schien das Alibi perfekt. Ein älterer, zu Gewaltausbrüchen neigender Halbbruder namens Jason hatte Streit mit Nicholas, bevor dieser verschwand. Und genau dieser Halbbruder wurde kurz nach einem Verhör durch das FBI, das nach der Enttarnung von Bourdin ebenfalls fragte, was denn mit dem echten Nicholas Barclay geschehen war, tot aufgefunden. Überdosis Drogen. Vermutlich Suizid.

Ein Privatdetektiv namens Charlie Parker ermittelt bis heute. Er hat in San Antonio nach der Leiche von Nicholas gegraben – bisher vergeblich. »Ich vermute, Jason steckt hinter dem Verschwinden«, sagt er, »und die Familie weiß mehr, als sie zugibt.« Wie sonst sollte eine Mutter einen Fremden so lange für ihren Sohn halten? Das FBI hat den Fall offiziell abgeschlossen, ein Verbrechen wurde der Familie nicht nachgewiesen. Nicholas Barclay gilt weiter als vermisst. Bourdin hat dem FBI nach seiner Verhaftung erzählt, dass Nicholas’ Mutter ihn angeschrien habe: »Du bist nicht mein Sohn, wer zum Teufel bist du?« Aber das FBI hat ihm nicht geglaubt. »Kann ich verstehen«, sagt Bourdin.

Am Abend in Nantes lädt er seine Familie zum Essen ein. Im Restaurant weist er jedem einen Platz zu: »Dort sitzt du, Odyssée, du bist meine Schlaue. Hier ist dein Platz, Esteban, du bist mein Racker.« Er hat für jedes Kind einen Kosenamen. Athena, die Große, fragt: »Und wer bist du, Papa?«

Bourdin überlegt kurz, dann antwortet er: »Ich bin einfach nur ich.« Man möchte ihm glauben.
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Till Krause hat sich bei der Recherche oft gefragt, wie sehr er einem verurteilten Hochstapler trauen kann. Könnte die Geschichte der glücklichen Familie eine weitere Erfindung sein? Doch nachdem Krause zwei Nachmittage mit den Bourdins verbracht hat, ist er sicher: Es sind Bourdins Kinder. Sie sehen ihm einfach zu ähnlich.