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aus Heft 10/2015 Gesellschaft/Leben

Familienbande

Lena Niethammer  Illustration: Alice Pye

Anina kommt aus Albanien, Philipp aus Deutschland. »Du hast uns entehrt«, sagt ihre Mutter. »Ich werde dich umbringen«, sagt ihr Bruder. Da beschließt Anina, ihre Familie für immer zu verlassen.

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Manchmal sitzt Anina da und wählt in Gedanken die Nummer von zu Hause. Und Philipp bekommt Angst: Was, wenn sie zurückgeht?


Anina kennt da so ein Pärchen. Eins mit der gleichen Geschichte. Wenn das Mädchen traurig ist, wirft sie es dem Jungen vor. »Wegen dir ist mein Leben scheiße«, sagt sie dann. »Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich noch eine Familie.«

Anina würde ihrem Philipp so etwas nicht sagen. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlassen musste. Und sie weiß auch, dass sie nicht zurückkehren würde, selbst wenn es Philipp nicht mehr an ihrer Seite gäbe. Doch dann kommen diese Tage, an denen ihr Freunde von ihren Familienbesuchen erzählen. Dann fragt auch sie sich: Hätte es dich nicht gegeben, Philipp, was für ein Leben hätte ich nun?

Ihre Liebesgeschichte begann wie viele zuvor. Ein Mädchen und ein Junge saßen im Unterricht nebeneinander. Anina hielt Philipp für den Klassenclown, Philipp Anina für eine Streberin. Drei Jahre später bat er sie, mit ihm einen Tanzkurs für den Abi-Ball zu machen. In einer Trinkpause zwischen Discofox und Walzer nahm er ihre kalten Hände zwischen seine warmen. Anina sagte: »Das mit uns, das müssen wir verheimlichen. Meine Mutter wird nicht wollen, dass ich mit dir zusammen bin. Ein albanisches Mädchen darf nur einen albanischen Jungen heiraten.«

Nach einem Monat Glück fand Arjeta Popova, Aninas Mutter, eine Pillenpackung, die ihrer Tochter gehören musste. Die Antibabypille. Es war der Morgen des 4. Juni 2011.

Arjeta, in Albanien geboren, zog mit ihren vier Kindern nach Deutschland, nachdem ihr Mann dort einen Arbeitsplatz gefunden hatte. Als sie ankam, liebte er eine andere. Arjeta hatte Angst, dass die Familie, aus der sie kam, sie verstoßen würde. Sie arbeitete von früh bis spät als Putzfrau, heiratete einen neuen Mann und bekam mit ihm noch ein Mädchen, Liridona. Als alle Kinder es aufs Gymnasium packten, hatte Arjeta es geschafft: Sie ist eine ehrenwerte Frau, sagte die Familie in Albanien.

Doch dann, an jenem 4. Juni 2011, lag der Pillenstreifen in ihren Händen. Arjetas Welt drohte zusammenzubrechen.



Am 4. Juni um 14.07 Uhr bekam Philipp eine SMS: »Komm her. Mama will mit dir reden!«

Herbst 2014. Anina, 21, nimmt ein Fotoalbum, setzt sich zu Philipp, der jetzt 22 ist, auf die Couch, streicht sich die schulterlangen Haare aus dem Gesicht und gibt den Personen, die ihre Geschichte prägten, Gesichter. Auf eine der ersten Seiten des Albums hat sie in lilafarbenen Buchstaben das Wort Familie geschrieben.

Sie blättert vorbei an Mutter, Stiefvater, großer Schwester, Bruder. Dann schaut sie auf und lächelt Philipp an. Da ist sie: Liridona, die kleine Schwester. Anina streichelt die Fotos, sagt: »Schau! Da wird sie größer.« Philipp legt den Arm um seine Freundin und zieht sie an sich. Anina weiß nicht, wie es Liridona geht. Sie hat sie seit zwei Jahren nicht gesehen. Ein Besuch wäre zu gefährlich. Wie alles in diesem Fotoalbum gehört Liridona zur Vergangenheit. Die Gegenwart hängt links an der Wohnzimmerwand. Es sind Bilder von Philipp und ihr, zusammen auf dem Rücken eines Kamels, bei einer Schlittenfahrt, an der Themse und im hohen Gras der Ostseedünen. Auf jedem Foto strahlen sie. Doch nun, während Anina abwechselnd Liridonas Fotos und die an der Wand mustert, wird sie traurig.

4. Juni 2011. Philipp zog sich ein gebügeltes Hemd an, er wollte ordentlich aussehen. Es ist ein gutes Zeichen, dass Arjeta ihn sehen will, dachte er.

Als er das Wohnzimmer der Popovas betrat, dröhnten aus dem Fernseher Comicfiguren, Liridona spielte auf dem Boden, Anina saß auf einem Stuhl und weinte. Arjeta, mittelgroß, stämmig, die Haare offen, die Augen ihrer Tochter, sprach Albanisch. Irgendwann schrie sie. Aninas große Schwester übersetzte: Philipp hat ihre Tochter entehrt. Er hat ihr Leben zerstört. Mit den beiden ist Schluss. Anina darf nicht studieren, sie muss ihr Jungfernhäutchen annähen lassen. Wenn die Großfamilie etwas mitbekommt, bringen sie Anina nach Albanien und töten sie.

Während Arjeta schrie, schaute Philipp zu, wie Anina den Tisch anstarrte. Nach einer halben Stunde wurde Philipp gebeten zu gehen. Anina hatte ihn die ganze Zeit nicht ein Mal angesehen.

Bedrückt schlich Philipp die nächsten Tage durch die Gassen seiner Heimatstadt. Er wusste nicht, ob es vorbei war. Er hoffte, Anina zu treffen oder wenigstens irgendwo einen Blick auf sie zu erhaschen. Er hatte Angst, dass ihre Familie sie nach Albanien gebracht hatte.

Ein paar Tage später sah er sie im Lebensmittelgeschäft ihres Stiefvaters, auf dem Arm ein fremdes Baby, um sie herum Verwandte. Als sie ihn auf der anderen Straßenseite entdeckte, erschrak sie, das Kind rollte ihr fast vom Arm. Er ging heim. Mitte Juli würde er für ein freiwilliges soziales Jahr nach Südafrika fliegen. Es blieb nicht mehr viel Zeit.



Nach Philipps Besuch konfiszierte Aninas Mutter Handy und Laptop ihrer Tochter. Anina stand konstant unter Überwachung. Sie arbeitete von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends im Imbiss des Stiefvaters, ging nach Hause, legte sich hin, weinte.

Dann erbarmte sich aus irgendeinem Grund, den sie nie erfahren sollte, ihr Stiefvater und brachte sie zu Philipp, ohne dass ihre Mutter etwas wusste. Es war ein Glück, sich in die Arme zu nehmen. Es war eine Qual, nicht zu wissen, wann es wieder passieren würde. Oder ob. Am Tag bevor Philipp nach Südafrika flog, sahen sie sich das letzte Mal. Sie versprachen sich, zusammenzubleiben. Wie sie das schaffen sollten, wussten sie nicht.

Als Arjeta Popova erfuhr, dass Philipp nicht mehr in Deutschland war, ließ sie ihre Tochter in einer anderen Stadt studieren. Verzeihen konnte sie ihrer Tochter trotzdem nicht. »Wenn ich sterbe, bist du daran schuld«, sagte sie. Und: »Ich wünschte, du wärst nicht meine Tochter.« Sie sagte es so, dass Anina es glaubte.

Je länger Philipp und Anina sich nicht sahen, desto mehr verblassten die Erinnerungen. Wie fühlt es sich noch einmal an, sie zu küssen?, fragte er sich. Wie riecht er?, fragte sie sich.

Im November buchte Anina einen Flug nach Südafrika, Abflug 28. Januar 2012. Als Tarnung erfand sie ein Pflichtpraktikum der Uni: Zwei Wochen lang müsse sie mit ihrem Kurs nach Brüssel fahren, erklärte sie zu Hause.



Anina und Philipp leben heute ihr neues Leben in einer Stadt, die wir nicht nennen dürfen, mit Namen, die wir nicht drucken dürfen, in einer großen hellen Straße mit türkischen Imbissbuden und bunten Cafés. Frauen schieben Kinderwagen umher, Studenten sitzen am Gehweg und diskutieren die Lage in der Ukraine. Anina läuft in kurzem Blumenrock, engem Top, Sandalen und roten Fußnägeln den Bürgersteig entlang.

Anina und Philipp teilen sich 56 Quadratmeter, zwei Zimmer, Altbau, mit Blick auf einen Kastanienbaum. Hier müssen sie nicht darauf achten, sich mit den neuen Namen anzusprechen. Neben das Bett haben sie ein Bild von sich gehängt, es ist das Erste, was sie jeden Morgen sehen. Darauf ein Spruch von Ovid: »Glücklich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschützen.«

Sie studiert Jura, er Medizin. Wenn Philipp zur Uni geht, Anina allein am
Küchentisch sitzt und einen Tee trinkt, horcht sie. Der Hinterhof blockt den
Straßenlärm ab, nur der Kastanienbaum rauscht, wenn Wind aufkommt. Irgendwer war immer da, Mutter, Stiefvater, Verwandte, die zum Tee kamen. Und selbst wenn die Erwachsenen arbeiten waren, gab es immer noch Liridona, die durch die Wohnung jagte.

Es hat Anina genervt, dass sie jeden Tag auf Liridona aufpassen musste. Sie hat mit Liridona geschimpft, weil Liridona ein Kind ist und Kinder stur sind. Doch ihr erzählte Anina vom Philipp. Als Anina ging, war Liridona fünf Jahre alt. Sie fragt sich heute, wann bei Kindern die Erinnerung einsetzt. Sie fragt sich: Hat Liridona mich vergessen?

Wenn Philipp Anina zusammengekrümmt im Bett findet und sie diesen apathischen Blick hat, weiß er, das Heimweh hat sie übermannt. Er legt dann den Arm um sie und hofft, dass das reicht. Was soll er auch sagen? Dass alles wieder besser wird?
Einmal hat er ihr vorgeschlagen, Liridona Briefe zu schreiben, in denen sie ihr erklärt, warum sie nicht mehr bei ihr sein kann. Briefe, die sie nicht abschickt, sondern aufbewahrt, bis Liridona erwachsen ist. Anina hat zwei Briefe angefangen, wurde aber nur trauriger.
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Lena Niethammer kann kaum glauben, wie raffiniert Aninas Familie zuweilen vorgeht, um sie aufzuspüren. Einmal ließen sie Anina über Philipps Eltern ein iPad mit Fotos der kleinen Schwester schicken, getarnt als Weihnachtsgeschenk. Erst freute sich Anina, dann sah sie unter den Einstellungen, dass es unmöglich war, die Funktion »iPad auffinden« auszustellen. Dafür brauchte man ein Passwort.

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