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bedeckt München
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aus Heft 02/2008 Grüne Themen/Ökologie

Eine glänzende Idee?

Hans Magnus Enzensberger (Text), Robert Voit (Fotos) 

Die Erforschung der Kernfusion ist ein Irrsinn: Sie geht nur mühsam voran und kostet Milliarden. Aber jeder Cent lohnt sich, denn sie könnte uns vom Öl befreien. Hans Magnus Enzensberger über die perfekte Energiequelle.

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An heißen Sommertagen kann es vorkommen, dass den Spaziergängern in den Isarauen nördlich von München der Klimawandel einfällt, von dem immerzu in den Zeitungen die Rede ist, oder der berüchtigte Treibhauseffekt, auch wenn sie bei ihrem Ausflug mehr als 34 Grad im Schatten kaum riskieren. Vermutlich ahnen sie nicht, dass im selben Moment, ein paar Fußminuten weiter, in einem unauffälligen Gebäude fünf Sekunden lang eine überirdische Hitze herrscht, nämlich mehr als hundert Millionen Grad Celsius – eine Temperatur, bei der jedes Material auf diesem Planeten verdampft. Das geschieht in einer monströsen Maschine namens ASDEX Upgrade im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik bei Garching. Es ist die größte Fusionsanlage Deutschlands. Sie wurde 1991 in Betrieb genommen, aber fertig wird sie vermutlich nie werden; denn die Experimente, die sie ermöglicht, dienen nicht zuletzt ihrer eigenen Optimierung.
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Der Besucher, der die Flusslandschaft mit der Technosphäre vertauscht hat, kann auf einem Monitor verfolgen, was in der Maschine geschieht. Der Kamerablick ins Innere der Anlage zeigt ein Höllenfeuer. Was dort geschieht, ist eine Kernfusion. Die etwa siebenhundert Menschen, die hier seit Jahrzehnten an diesem Projekt arbeiten, haben sich viel vorgenommen. Ihr Fernziel ist es, gemeinsam mit anderen Forschern und Ingenieuren auf vier Kontinenten, nach einer endgültigen Lösung der Energieprobleme zu suchen, mit denen die Menschheit zu kämpfen hat. Falls es gelingen wird, auf der Basis der Kernfusion ökonomisch konkurrenzfähige Kraftwerke zu bauen, so hätte das unabsehbare politische und ökologische Folgen.

Die Abhängigkeit von Öl und Gas schwände dahin und mit ihr die Erpressbarkeit der Industrieländer durch Russland und die instabilen Staaten des Orients. Anders als existierende Atomkraftwerke, die mit der Kernspaltung arbeiten, kämen solche Fusionsanlagen ohne den hochradioaktiven Brennstoff Uran-238 aus; das Risiko einer Kernschmelze wäre ausgeschlossen, und die Probleme der Endlagerung des strahlenden Mülls auf ein Minimum reduziert. Dazu kommt, dass ein Fusionskraftwerk keine Treibhausgase in die Atmosphäre abgeben wird.
Ob es den Forschern gelingen wird, dieses Ziel zu erreichen, weiß heute noch niemand mit Bestimmtheit zu sagen, aber an der Hingabe, mit der sie sich dieser Aufgabe widmen, ist kein Zweifel möglich.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Stockholmer Zeremonie ist ihm nur deshalb erspart geblieben, weil es keinen Nobelpreis für Astronomie gibt.)
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