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aus Heft 13/2015 Familie

»Es kann immer was passieren«

Seite 2: »Wir müssen der Wirtschaft klarmachen, dass sich Teilzeitarbeit für sie lohnt.«

Interview: Susanne Klingner   Fotos: Julian Baumann
Renate Schmidt ist 71, hat drei Kinder und war praktisch immer berufstätig. 1972 trat sie in die SPD ein, amtierte von 1990 bis 1994 als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und von 2002 bis 2005 als Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Was, wenn man doch im klassischen Modell Zuverdienerin mit Familienverantwortung gelandet ist?
Die Frauen sollten aufmüpfiger sein. Sie könnten sagen: Du, ich möchte wieder ganztags berufstätig sein, finden wir da eine Lösung? Wenn du denkst, wir packen das nicht, reduzieren wir doch beide unsere Arbeitszeit um fünf Stunden in der Woche, dann haben wir zehn Stunden für Haushalt und Familie zusätzlich. 75 Prozent der Männer wünschen sich mehr Zeit mit ihren Kindern und würden gern mehr Elternzeit nehmen. Dass es darauf genauso einen gesetzlichen Anspruch wie auf Teilzeit gibt, das wissen viele Männer nicht.

Gerade haben Sie sich gegen Teilzeitarbeit ausgesprochen – was spricht jetzt für dieses Modell bei Männern?
Wir müssen der Wirtschaft klarmachen, dass sich Teilzeitarbeit für sie lohnt. Weil Menschen in Teilzeit meistens mehr leisten als die Stunden hergeben: Untersuchungen zeigen, dass es im Schnitt 25 Prozent Rendite bringt, wenn Unternehmen in familienfreundliche Maßnahmen wie flexible Arbeitsmodelle investieren. 25 Prozent! Aber die meisten Unternehmen wünschen sich immer noch einen rundum verfügbaren Mitarbeiter, dem zu Hause jemand den Rücken freihält. Als ich 2002 als Familienministerin begann, bot ein Prozent der Unternehmen familienfreundliche Leistungen an, heute sind es rund 15 Prozent – eine ungeheure Steigerung. Gleichzeitig machen 85 Prozent immer noch nichts. Viele versuchen sogar, gesetzliche Regelungen zu umgehen: Da wird einer Mitarbeiterin nach der Elternzeit ein Auflösungsvertrag vor die Nase gehalten; ihrer Bitte, die nächsten Jahre in Teilzeit zu arbeiten, wird nicht entsprochen. Obwohl sie ein Recht darauf hat.

Die Politik unterstützt nach wie vor das Einverdienermodell, zum Beispiel durch das Ehegattensplitting.
Die Politik ist ausgesprochen widersprüchlich. Das Ehegattensplitting belohnt es, wenn die Frau zu Hause bleibt. Bei einer Scheidung wird sie durch das neue Unterhaltsrecht bestraft. Dass Frauen nach einer Scheidung schnell wieder auf eigenen Beinen stehen sollen, ist zwar ein moderner Gedanke, ignoriert aber, wie normgebend Regelungen wie das Splitting sind. Mitte der Achtzigerjahre zeigte eine schwedische Ökonomin: Wenn ein ähnliches Einkommen für beide Partner steuerlich am attraktivsten ist, gleichen sich ihre Arbeitszeiten an. Die Menschen verhalten sich so, wie es für sie finanziell vorteilhaft ist.

Sie selbst haben immer gegen das Ehegattensplitting argumentiert, konnten es aber als Familienministerin nicht abschaffen.
Als ich 2002 Ministerin wurde, hatte das Bundesverfassungsgericht gerade vier Jahre vorher entschieden, dass die Abschaffung gegen den im Grundgesetz festgeschriebenen besonderen Schutz der Ehe und Familie verstoßen würde. Ich glaube, heute hätte man bessere Chancen, wenn der Sinn von Artikel 6 zeitgemäß durchdekliniert würde. Familie bedeutet nicht mehr nur Ehe, sondern vor allem Verantwortung für Kinder und Angehörige.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder bezeichnete Ihr Ressort mal als »Familie und Gedöns«. Vermutlich haben Sie von ihm nur wenig Rückendeckung für Ihre Politik bekommen.
Im Gegenteil! Der war der Einzige, der 2001 auf dem SPD-Parteitag die 90-minütige Debatte zu meinem familienpolitischen Leitantrag – unter anderem die Neugestaltung des Ehegattensplittings – vom ersten bis zum letzten Wort verfolgte. Die anderen Parteivorstandsmitglieder waren mal hier, mal dort. Schröder saß an seinem Platz und hörte genau zu. Und auf einer Kabinettssitzung im Frühjahr 2003 verdonnerte er den damaligen Finanzminister Eichel, sich meine Argumente für einen höheren Freibetrag für Alleinerziehende anzuhören und gemeinsam eine Lösung für die Finanzierung zu suchen.

Aber getan hat sich wenig.
Ich konnte immerhin 2004 den Alleinerziehendenfreibetrag einführen, habe den Ausbau der Kinderkrippen begonnen und das Elterngeld entwickelt. Veränderungen sieht man oft erst im Rückblick: Ich bin 1961 in den Beruf eingestiegen, da hätte mein Mann mein Arbeitsverhältnis kündigen können – das war sein Recht damals. Der Unterschied zwischen Frauen- und Männereinkommen war riesig, so etwas wie Gleichbehandlung kam niemandem in den Sinn. Teilzeitbeschäftigung war ein Fremdwort, der Anspruch darauf utopisch. Es gab sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt eines Kindes Mutterschutz, das war’s. Keine Freistellung bei Erkrankung eines Kindes. Jetzt bekommen wir eine Quote, das Elterngeld plus, die Familienministerin denkt laut über eine 32-Stunden-Woche für Eltern nach. Also: Ich bin optimistisch.
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Susanne Klingner

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