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aus Heft 13/2015 Wissen

Was gibt s denn da zu gucken?

Von Max Fellmann und Till Krause   Fotos: Peter de Krom

Die Nase überall reinstecken? Die Nummer, die wir auf der Titelseite zeigen, sofort anrufen? Die Neugier hat einen zweifelhaften Ruf. Dabei ist sie eine unserer wichtigsten Eigenschaften. Und eine gefährliche. Was wir Ihnen darüber verraten, könnte Sie sehr interessieren.

Sie so: »Ui, ein Käfer!« Er so: »Laaangweilig.« Neugier ist nicht bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt.
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Wollen Sie wissen, wie Angela Merkel von ihrem Mann genannt wird, wenn er sie ein bisschen ärgern will? Ja?
Sollen wir es Ihnen verraten? Dann scrollen Sie zum Ende der Seite.*

Kein Grund zum Schämen. Wir hätten auch nachgesehen. Wenn es ein Geheimnis gibt, will man die Wahrheit wissen. Ist doch das Natürlichste der Welt.

Seit den Menschen interessiert, was sein Mitmensch so macht, hat die Neugier einen fragwürdigen Ruf. Dabei ist die Neugier im Grunde die wichtigste unserer menschlichen Eigenschaften. Jahrtausendelang hat sie gewährleis-tet, dass wir neue Erkenntnisse gewinnen, dass wir herauskriegen, wo es das beste Essen gibt, wie man Feuer macht und wie man ein Balkendach so auf eine Ziegelwand setzt, dass das Gebilde eine Familie trocken hält. Die Neugier ist der Motor aller Neuerungen, sie hat uns das Feuer, Penizillin und die Mondfahrt gebracht.

Heute aber überdreht der Motor. Neben Sex und Geld zählt nichts so viel wie die Jagd nach Neuigkeiten. Facebook-Posts, Twitter-Meldungen, Newsticker, Werbebanner, Kinotrailer, Fernsehspots, Verpackungsdesign – absolut alles soll unsere Neugier wecken. Uns bei der Stange halten. Uns dazu bringen, hinzuschauen, noch mal hinzuschauen, ununterbrochen hinzuschauen. Von ihrem ursprünglichen Ziel, dem Gewinn von nützlichem Wissen, hat sich die Neugier gelöst. Sie ist Selbstzweck geworden. Wir wollen Neuigkeiten, weil sie Neuigkeiten sind. Weil wir das Gefühl haben, das Leben setze einen Moment aus, wenn wir keine Impulse bekommen.

Aber mit unserer Sucht nach winzigen News-Partikeln betäuben wir die Neugier im Grunde nur. Es ist natürlich nett, per Facebook-Post zu erfahren, dass Heinz an seinem Urlaubsziel angekommen ist und Claudia sich ein schickes Sofa gekauft hat. Die Informationen aber, die wir auf diesem Weg finden, vergessen wir schnell wieder, sie halten eine Smartphone-Wischbewegung lang. Es sind News, die kein Wissen im eigentlichen Sinn darstellen. Wer sich allen üblichen Einflüssen aussetzt – Facebook, Twitter, Plakate, Online-Nachrichten, Werbung –, kommt ohne Weiteres auf ein paar Hundert Mini-News am Tag. Das heißt, der Kopf ist ununterbrochen in Alarmbereitschaft, wir sind ständig damit beschäftigt, kleinste Info-Teilchen wahrzunehmen, die uns nicht viel weiter bringen.

Früher haben Eltern ihren Kindern Kaugummi verboten mit dem Hinweis, durch die Kauerei werde dem Körper vorgegaukelt, man esse, in Wahrheit aber bleibe man hungrig, ohne es zu merken. Genauso ist es mit den Schnell-befriedigungen unserer Neugier: Wir machen uns vor, wir erhielten wichtige Informationen – in Wirklichkeit kauen wir nur, ohne uns zu ernähren.

Es ist schwierig mit dieser Neugier. Geht ja schon damit los, dass sie seit jeher die menschliche Entwicklung antreibt und trotzdem so einen jämmerlichen Ruf hat. Wer als neugierig gilt, ist bei anderen schnell unten durch, er wird gesehen als jemand, der keine Grenzen kennt, der in Dingen rumschnüffelt, die ihn nichts angehen. Schon das Wort ist unsympathisch: Neu-GIER. Klingt nach Geifern und Süchteln und Lechzen.

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Markus Gabriel, 34, ist Professor für Philosophie an der Universität Bonn. Sein Fachgebiet ist die Erkenntnistheorie, ein Forschungsfeld, das es ohne Neugier nicht gäbe.

Herr Gabriel, warum hat die Neugier so einen schlechten Ruf?
Weil sie jahrhundertelang als eine Form von Sünde galt, im religiösen wie auch im weltlichen Sinne. Man durfte nicht neugierig sein, sondern sollte sich auf das
beschränken, was einem zugänglich ist. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Philosophie lange Zeit sehr von der katholischen Kirche geprägt war.

Und was hatte die Kirche gegen die Neugier?
Der Verdacht war, dass der Mensch, der nach Wissen strebt, über die Grenzen der menschlichen Existenz hinausschießt, also über unsere Endlichkeit. Er macht sich größer, als Gott ihn haben wollte. Aber das finden Sie auch schon bei den alten Griechen. Nehmen Sie Ödipus: Der will zu viel wissen. Dann erfährt er die erschreckende Wahrheit über seine Mutter und sich selbst. Und am Ende sticht er sich die Augen aus, weil er einsieht: Sein Wissenwollen war zu viel.

Wann hat sich diese Sicht verändert?
Erstaunlich spät. Man könnte denken, das hätte mit der Neuzeit aufgehört. Aber noch René Descartes sagt in den Meditationen: Sünde ist dadurch möglich, dass wir mehr wollen können, als wir wissen können. Neugier ist in diesem Sinne also immer Anmaßung.

Warum will der Mensch überhaupt so viel wissen?
Weil die Welt für uns offen ist, wir kennen ihre Grenzen nicht. Und wir wollen diese Lücke unbedingt füllen, mit Informationen oder Dingen. Egal, ob das jetzt ein neues Auto ist oder eine Nachricht von Freunden – wir wollen, dass die Offenheit aufhört. Weil wir dann endlich etwas Bestimmtes sind.

Und diese Sehnsucht treibt uns auch dazu, ununterbrochen Online-News und Facebook-Posts zu verfolgen?
Genau. Das tägliche Sammeln von Informationen dient der Erzeugung von Sicherheit.

Aus philosophischer Sicht gibt es also keinen Grund, unser ständiges Jagen nach News-Schnipseln und Twitter-Häppchen kulturpessimistisch zu verdammen.
Nein, gar nicht. Durch das Überwachen von allem und jedem verschaffen wir uns den Eindruck, dass alles stabil zusammenhängt. Je mehr Feststellungen ich über die Welt da draußen treffe, desto stabiler erscheint mir mein Bezug zur Welt. Dafür ist eine Nachricht über das politische Weltgeschehen subjektiv genauso wichtig wie die Facebook-Information, dass Hans sich ein neues Fahrrad gekauft hat.

* Geht Sie doch nichts an.
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Max Fellmann und Till Krause

haben sich einen Test ausgedacht, mit dem man die Neugier seines Partners (oder Bürokollegen) testen kann: Schreiben Sie jeweils ein Geheimnis auf einen Zettel, das Sie dem anderen noch nie verraten haben. Legen Sie beide Zettel auf den Tisch. Und dann warten Sie mal ab, wer zuerst nachschaut.

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