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aus Heft 16/2015 Religion

Go, Rabbi, go!

von Lars Reichardt  Fotos: Andy Spyra

In einer Nacht im Jahr treffen sich Menschen chassidischen Glaubens an einem Grab in einem polnischen Dorf. Zum Beten - und zum Tanzen und Singen.



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Wie unbeholfen man sich fühlt, wenn man am Grab des Rabbi Elimelech in Polen steht, als einziger Nichtjude, zumal als Deutscher. Darf man aber. Die vielleicht 200 Chassiden auf sechzig Quadratmetern sind ohnehin im Gebet versunken und ignorieren einander wie auch jeden Fremden. Rhythmisch wippen sie im Stehen mit dem Oberkörper nach unten, während sie ihre Psalmen murmeln und sich sanft, aber zielstrebig nach vorne in den Raum schieben, denn jeder will möglichst nah ans Grab, um die Eisenstangen des Gitters zu berühren, das die Grabplatte umgibt. Einige werfen Zettel durch die Stangen, Wunschzettel, die der tote Rabbi weiterleiten möge, auf dass ihre Anliegen erhört werden. Auch nicht-chassidische Juden dürfen das, sogar Christen, Rabbi Elimelech hat selbst zu Lebzeiten vielen Nichtjuden geholfen, und es heißt, egal wer in der Nacht vor oder an dem Todestag im März am Grab bete, den werde er dereinst vor der Hölle bewahren und in den Himmel holen; die chassidischen Juden glauben, dass sie es etwas leichter haben, denn der Rabbi kann sie einfach an ihren langen Schläfenlocken packen und heraufziehen.

Elf Uhr nachts, im südostpolnischen Dorf Lyschansk liegt die Temperatur wenige Grad über dem Gefrierpunkt, immer mehr Menschen drängen durch die Tür in den Raum mit grellem Neonlicht, die ganze Nacht lang und noch den nächsten Tag bis in die Dämmerung. Morgens um fünf stehen die Chancen am besten, ans Grab zu gelangen. Vor dem Haus steht ein großer Zeltvorbau für die Männer und einer für die Frauen, die dürfen heute nur in einen Nebenraum des Grabeszimmers. Die Eisenstangen bekommen sie nicht zu fassen. Zwei Wege führen vom Friedhof und dem kleinen Haus mit den beiden Zeltvorbauten hinunter zur Straße, links für die Männer, rechts für die Frauen. Den linken Weg säumen junge Chassiden mit Bartflaum, die eine Spende erbitten. Für die Armen in Israel, für die Krebsoperation eines Rabbi, für das koschere Essen, das in einer großen Garage gegenüber die ganze Nacht gratis ausgegeben wird. Die Körbe sind voller Ein-Dollar-Noten. Wer gibt, verleiht Gebeten und Wunschzetteln Nachdruck. Blöde Frage: Was wünschen sich die Betenden außer einem Fahrschein in den Himmel sonst noch auf ihren Zetteln?

Unten an der Straße schallen aus zwei großen Lautsprecherboxen immer wieder die gleichen Lieder zu Ehren des Rabbi. Es ist fröhliche Musik mit jiddischen Texten, und sie wird laut gespielt. Auf einem Tisch steht Schnaps, jeder darf sich im Vorbeigehen ein Glas einschenken. Wodka, Whisky, Slivovitz. Drei Meter weiter haben zwei Polen vor ihrem Lieferwagen einen kleinen Verkaufsstand aufgebaut: eine Flasche Wodka für 20 Dollar, eine Flasche Slivovitz für 25. Auch hier ist die Nachfrage groß, selbst wenn die Flaschen tagsüber im Supermarkt für ein Drittel des Preises zu bekommen wären.

Chassidismus ist eine Strömung im orthodoxen Judentum, gegründet Mitte des 18. Jahrhunderts, verbreitet vor allem bei der ärmeren Bevölkerung in Litauen, Polen und Galizien, beinahe ausgerottet im Zweiten Weltkrieg. Chassiden trinken Alkohol, singen und tanzen. Mitten auf der Straße. Aber nur die Männer. Sie halten einander an der Hand und drehen sich im Kreis. Der Todestag des Rabbi im Südosten Polens ist eine fröhliche Party, von der Stimmung her eher ein Rave denn eine stille Trauergemeinde. 1787 starb Rabbi Elimelech, seitdem hilft er den Chassiden, Gott noch ein Stück näher zu sein, zumindest an diesem einen Tag, daher ihre Fröhlichkeit. Die Party ist groß: 20 000 bis 30 000 Menschen sollen das Grab innerhalb von 24 Stunden besuchen, die meisten kommen nachts in Bussen vorgefahren, die sie vom nächsten Flughafen abgeholt haben. Drei Dorfpolizisten regeln den Verkehr.

Die Besucher dürfen ihre Rollkoffer in einem Zelt an der Straße abstellen. Dahinter stehen drei Container in einer Reihe, zwei mit Toiletten, der andere mit einem Betraum. Hinter der großen Glasscheibe auf seiner Rückseite beten einige Chassiden mit Blick auf den Friedhof. Gegenüber von den Containern liegt eine Kantine mit Bierbänken, Biertischen und langem Buffet. Die Kantine ist eigentlich der einzige Ort, um sich im Sitzen auszuruhen. Bei Tisch spricht man Jiddisch oder Hebräisch, vereinzelt Englisch. Jiddisch unterscheidet sich je nach Herkunftsland, moderne Wörter wie Auto oder Aircondition werden aus der jeweiligen Landessprache entlehnt. Aber man versteht sich. Alle paar Minuten bringt ein Mann mit einem Leiterwagen neue Wannen mit koscherem Essen: Tomatensalat, Thunfisch, Weißbrot, Bohnensuppe mit Kartoffeln, Fisch, Huhn, Kuchen. Die Frauen essen in einer eigenen Kantine um die Ecke.

Viele Menschen laufen im Eilschritt durch die Menge. Sie haben wenig Zeit, um nach alten Bekannten zu suchen. Chassiden bleiben gern unter sich, auch im Alltag zu Hause, aber niemand scheint genervt vom Fotografen, einige wenige verbergen ihr Gesicht hinter dem Gebetsbuch. Die Raucher vor der Kantine wirken nicht reserviert oder in Eile.
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LARS REICHARDT

Lars Reichardt empfiehlt nach seiner Reise besonders diese zwei Bücher: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse von Thomas Meyer bei Diogenes (sehr lustig) und Die Erzählungen der Chassidim von Martin Buber bei Manesse (sehr schlau).

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