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aus Heft 20/2015 Fernsehen

Staffelübergabe

Seite 2: Wenn Geißendörfer etwas Nettes über den WDR sagen will, dann sagt er: »Es gibt keine Zensur.«

Von Lara Fritzsche  Fotos: Thomas Rabsch



Umräumarbeiten: Als Hana den Büroplatz ihres Vaters übernimmt, leert sie erst mal seine Magnetwand. Auch das Foto von ihr als halbnacktes Kleinkind am Strand kommt weg. Sie bietet ihrem Vater an, all seine Auszeichnungen für die Lindenstraße im Büro aufzuhängen, aber der winkt ab: »Was willst du mit dem Zeug?« Er rät zu Aquarellen von Udo Lindenberg.

Figuren einzuführen ist das Basishandwerk beim Serienmachen. Ständig muss man neue Charaktere einweben in das dichte Beziehungsnetz, das schon besteht. Eine Figur, die groß und wichtig werden soll, wird eher beiläufig vorgestellt und bekommt dann Zeit, sich zu entwickeln. Die Figur rennt etwa auf der Straße zufällig einen bekannten Protagonisten über den Haufen, dann stellt sich heraus, dass sie ihre geliebte Tante sucht. Jene Tante ist dann natürlich eine der Hauptfiguren, und so hat man Gelegenheit, die Neue immer mal wieder an deren Küchentisch zu setzen. Irgendwann verliebt sich die Neue, die nun nicht mehr die Neue ist, sondern die Nichte von jemandem, in einen etablierten Sympathieträger, heiratet ihn und übernimmt dessen Glaubwürdigkeit, wenn er stirbt. Und alle haben das Gefühl, die Neue, also die Nichte, beziehungsweise die Ehefrau, sei schon immer da gewesen. Das ist Grundkurs Serienwesen. Und im echten Leben funktioniert das auch. Wie gut sie Figuren einführen kann, hat Hana an sich selbst bewiesen; sie ist ihr eigenes Gesellenstück.

Diese zurückhaltende Hana hatte Hans Geißendörfer gar nicht gekannt, bevor sie hinter der vorletzten Tür ihr Praktikum antrat. Zu Hause mit ihren Schwestern und in der Familie sei sie immer laut gewesen, bestimmt und auch mal stur. Mehr so wie er. In der Lindenstraße hat er seine Tochter neu kennengelernt. »Sie hat sich hier reingefunden. Sie respektiert alle, ist nett, und das funktioniert«, sagt Hans Geißendörfer und zuckt dazu die Achseln, als würde er sich immer noch darüber wundern. Hana sagt auch mal Sätze wie: »Manchmal hab ich den Eindruck, die Kollegen vertrauen mir mehr als ich mir selbst.« Und dass es komisch sei, alles entscheiden zu dürfen, so viel Verantwortung zu haben. So reden kann sie aber eigentlich nur, wenn ihr Vater gerade nicht dabei ist. Er würde sofort eingreifen. Immer wenn sie etwas äußert, was nachdenklich ist, zweifelnd, was Schwäche offenbart, stellt Geißendörfer klar, dass seine Tochter die Arbeit ganz hervorragend mache. Dass beides gleichzeitig möglich ist, Befähigung und Selbstzweifel, ist ihm wesensfremd. Insofern stimmt, was man vermuten würde: Hana hat den Job nur bekommen, weil sie seine Tochter ist. Sie kann ihn, aber er hätte das womöglich nicht gesehen, wenn diese Dreißigjährige, die so anders agiert als er, nicht seine Tochter wäre. Er hat die Lindenstraße mit Durchsetzungskraft, gegen Widerstand, mit Sturheit und ein bisschen Dreistigkeit aufgestellt. Und so macht er es bis heute.

Hans Geißendörfer sagt: »Der deutsche Zustand bin ich.« Das stimmte auch mal. Es ist bloß sehr lange her. Am Anfang waren die Fernsehkritiker skeptisch und die ARD ängstlich, nur Geißendörfer glaubte an sein Projekt. Dann kamen plötzlich die Zuschauer. Die Zahlen lagen in den Hochzeiten bei 15 Millionen. Eine Identifikation wie nie. Wenn in der Lindenstraße eine Wohnung frei wurde, bewarben sich Hunderte von Zuschauern als Mieter. Erkrankte jemand schwer, bewarben sie sich als Pfleger, und wenn jemand den Serientod starb, kamen Kondolenzkarten. Als die Linden-straße 1997 für einen Tag den Zuschauern ihre Türen öffnete, wollten so viele Menschen nach Köln-Bocklemünd, dass sich auf der A1, kurz vor der Abfahrt zum Sendegelände, kilometerweit die Autos stauten.
Bis weit in die Neunzigerjahre erreichte Geißendörfer im Schnitt sieben Millionen Menschen pro Folge. Am Sonntag sah man sich die Lindenstraße an. Und am Montag sprach man drüber. Seine Gedankenwelt war Gesprächsthema. Und seine Gedankenwelt war neu.

Er, der Internatsjunge aus Franken, der Halbwaise, war 1985 angetreten, das echte Leben abzubilden, konsequent, mit allem, was dazugehört. Ein politisches Format wollte er machen, ein Gegenprogramm zu Traumschiffduselei und Schwarzwaldklinikgeschäker. Bei ihm sollte es echt zugehen. Die Leute sollten trinken, fluchen, hassen, fremdgehen, er ließ sie Asylbewerberheime anzünden, Kinder abtreiben und an Aids sterben. Und immer wieder schrieb er seinen Darstellern Seitenhiebe auf die große Politik ins Skript. »Gauweiler und Co, das sind alles Faschisten«, war einer von vielen. Ein Jahr nachdem Geißendörfer von den Intendanten sein »Ja« bekommen hatte, hörte er schon wieder ein »Nein«: Die grauen Herren pfiffen ihn zurück, seine Serie müsse harmloser werden, er dürfe keine Schwulen mehr zeigen. Und schon gar nicht direkt nach der Sportschau und so kurz vor der Tagesschau, nicht in ihrer heilen Welt. Für Geißendörfer war das verletzte Moralempfinden der situierten Herren ein Ansporn: Kurzerhand schrieb er seinen beiden Schwulen einen Zungenkuss ins Drehbuch. So wurde die Lindenstraße zum öffentlich-rechtlichen Tabubrecher. Und Geißendörfer, bei dem zumindest eine seiner Figuren aus solchen Tabubrüchen auch etwas Wertvolles lernte, hatte schnell den Ruf weg, ein Kammerspiel mit Gutmenschen aufzuführen: Pfarrerfernsehen, SozPäd-TV. »Oberlehrer« hieß er im Feuilleton. Geißendörfer hat das nie gestört. Es hat ihn bestärkt. Natürlich.

Irgendwann wurden die Kritiker milder. 2001 bekam Geißendörfer nach der Goldenen Kamera und dem Bambi noch den renommierten Grimme-Preis. Wenn auch, wie die Jury betont, mehr für sein Durchhaltevermögen als für den künstlerischen Anspruch der Serie. Und im vergangenen Jahr erschien im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein liebevoll-spöttischer Artikel, der die Lindenstraße als Urserie feierte. Alle Topoi, heißt es in dem Text, die in US-Serien von Breaking Bad bis Homeland auftauchen, seien in der Lindenstraße schon vor Jahren verhandelt worden. Dass die Kritik nachsichtig geworden ist, nutzt aber nichts: Ihm bricht die Quote weg. 2004 waren es im Jahresdurchschnitt noch viereinhalb Millionen Zuschauer, 2008 waren es dreieinhalb, 2014 nur noch zweieinhalb.

Es ist kurz hinter Neuehrenfeld, die beiden Geißendörfers sitzen wieder im Produktionsauto, dem silbernen BMW X3 mit den Lindenstraßen-Aufklebern an den Seiten. Aber die Rollen haben sich verschoben. Da sitzt nicht mehr Hans, der Cowboy, der Schauspielern ein neues Hobby ins Drehbuch schreibt, damit sie endlich abnehmen. Er äußert eine Bitte: »Mach nicht alles so bunt«, sagt Geißendörfer. Es ist Ende Januar 2015, seit ein paar Wochen ist Hana im Amt. Und das merkt man nicht nur hier im Auto, das jetzt kein Ausbildungsmobil mehr ist. Auch im Büro ist der Wechsel sichtbar. Hana schaut jetzt auf die Tür, wenn sie am Schreibtisch sitzt, Hans hat die Tür im Rücken. Die Sprache der Macht mit den begrenzten Mitteln der Büromöbel. Hans W. Geißendörfers – das W. steht für Wilhelm – Tisch ist fast leer, auf Hanas kleben überall Post-its, es liegen Drehpläne herum, und der Regie-Monitor ist zu ihr gedreht: So kann sie vom Schreibtisch aus verfolgen, was gerade ein paar Meter weiter gedreht wird.

Gleich als erste Amtshandlung in ihrer neuen Position hat Hana eine Drehbuchsitzung geleitet. Jene achttägigen Kreativtreffen in einem Berliner Hotel, bei denen der Plot festgelegt wird: Wen trifft wann welcher Schicksalsschlag? Ihr Vater ist zum ersten Mal seit dreißig Jahren nicht dabei gewesen. Aber Einfluss nehmen will er trotzdem. Ende der Woche fliegt er nach Australien, recherchieren für seine Doku über die Ozeane, danach ist er in London, um den ersten Enkel willkommen zu heißen, dann Rhodos, nach dem Haus schauen, dann wieder London, seine andere Tochter läuft beim Marathon mit. Er muss die Lindenstraße jetzt loslassen, trotzdem, diese eine Bitte noch – mach nicht alles so bunt. Seit der WDR ihm Modebloggerinnen und Inneneinrichter in die Innovationsmeetings setzt, ist das seine große Sorge: seine Gesellschaftsstudie als bonbonbunte, süße Wohnwelt, in der alle cool und fröhlich sind.

So wie er es gemacht hat, ist es doch viel spannender: Echte deutsche Themen wie Moscheebau, Kinderwunschbehandlung, Pegida-Rassismus, Gentrifizierung der Innenstädte. Bildet die Lindenstraße doch alles ab. Wenn Geißendörfer etwas Nettes über den WDR sagen will, dann sagt er: »Es gibt keine Zensur.« Er definiert seine Serie über das, was er ansprechen darf. Wie politisch er werden kann. Und wie provokant. Immer noch. Darüber hat er total versäumt, mal den Supermarkt in der Lindenstraße zu renovieren. Erst seine Tochter hat ihn daran erinnert, dass so kein Lebensmittelladen mehr aussieht. Nicht mal auf dem Land. Nicht mal im Osten.

Hana ist auf Rhodos aufgewachsen, zur Schule ging sie in London, studiert hat sie in Paris. Sie ist Europäerin. Erst für den Job hinter der vorletzten Tür auf dem Gang ist sie nach Deutschland gekommen. Sie muss sich an diesem Land nicht abarbeiten. Sie hat keine politische Agenda, und das Sendungsbewusstsein ihres Vaters teilt sie auch nicht. Sie will Geschichten erzählen. Weniger Politik, mehr Schicksal. Das ist zeitgemäßer. Tabus gibt es eh keine mehr zu brechen. Wer sich Gedanken über die deutsche Gegenwart macht, guckt keine Seifenopern. Und wer Seifenopern guckt, will sich keine Gedanken über die deutsche Gegenwart machen.

Den Lindenstraßen-Zuschauer von früher gibt es nicht mehr. Aber es gibt einen neuen: Es ist die attraktive Zuschauergruppe der unter Zwanzigjährigen, die die Lindenstraße erreicht. Wer die vor den Bildschirm kriegt, darf weitersenden. Erst 2016 wird Hana über weitere zwei Jahre Budget verhandeln müssen.

Jetzt, kurz bevor sie auf das Produktionsgelände in Bocklemünd rollen, reagiert Hana auf die Nicht-so-bunt-Bitte ihres Vaters: »Papa, es geht um Kontraste.« Hana will in der Lindenstraße die großen einfarbigen Flächen abschaffen, indem sie Bilder an die Kulissenwände hängt, Bettwäsche mit Muster wählt oder Fotos an Schrankfronten klebt. Dadurch bekommt das Fernsehbild mehr Tiefe, und für den Zuschauer ist es einfach schöner. Hana achtet sehr auf Optik. Wenn sie in ihrem Wohnviertel unterwegs ist, macht sie Handyfotos von den Einrichtungen und bespricht die später mit dem Setdesigner Manfred: Könnte man ja auch mal machen, so ein paar alte Gemüsekisten stapeln und als Bücherregal verwenden. Hans Geißendörfer stöhnt. Auch weil er weiß, dass später am Tag noch eine Neuerung auf ihn wartet. Die beiden schauen sich die ersten Szenen an, die mit einem frisch angeschafften Kameraobjektiv gedreht wurden: mehr Tiefe, mehr Schärfe, etwas körnigeres Bild, mehr Struktur. Eine wertigere Optik, wie Hana erklärt. Nachdem die erste Szene über den großen Bildschirm gelaufen ist, dreht der Cutter Oli sich zu den beiden um, um ihre Reaktionen einzuholen. »Ich find’s super«, sagt Hana. Hans sagt: »Mich stört’s nicht.«

Dann gehen sie nebeneinander den langen Gang zurück zu ihrem Büro. Hans schlurft, an den Füßen die Hausschuhe, auf dem Kopf eine der Wollmützen, die ihm die Mutter des Schwiegersohns seines Bruders immer strickt. Hana geht, in ihren Turnschuhen wippend, neben dem Vater her. An der offenen Tür der Maske bleibt sie stehen, beginnt ein Gespräch, Hans schlurft weiter. »Ich bin weg!«, ruft er noch, und das ist er dann wirklich. Den Schlüssel für den BMW X3 hat er Hana auf den Schreibtisch gelegt. Er läuft vor zur Pforte, wo ein Taxi auf ihn wartet, in der Hand einen Leinenbeutel mit dem letzten Stapel Papieren darin, die noch auf seinem Schreibtisch lagen. Nur die Filzpantoffeln hat er zurückgelassen.

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Lara Fritzsche

ist aufrichtig beeindruckt, mit welcher Ernsthaftigkeit die Schauspieler die Lindenstraßen-eigenen Wortschöpfungen für Internetseiten über die Lippen bringen: Google heißt in der Serie Findhund, Facebook heißt Spacehorst, und Youtube wird Du-Röhre genannt.

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