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aus Heft 20/2015 Mode

»Ich muss meinen Befreiern etwas zurückgeben«

Interview: Claas Relotius  Fotos: Jospeh Victor Stefanchik

Martin Greenfield gilt als einer der besten Schneider der Welt. Seit mehr als sechzig Jahren kleidet er Stars und Präsidenten in den USA ein. Die Macht von Kleidung erkannte er schon in seiner Jugend - als Gefangener in Auschwitz.



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Das Atelier des Meisters liegt in New York City, in einer der entlegensten Straßen Brooklyns, in einem in die Jahre gekommenen Fabrikgebäude ohne Türschild oder Klingel. Martin Greenfield, 86, ist ein weißhaariger Herr mit gewinnendem Lächeln und tailliertem Anzug. Er hat zarte, feingliedrige Hände. Seine Werkstatt ist ein weitläufiger Raum im vierten Stock, voll mit Büsten und Nähmaschinen, gelbes Licht fällt von der Decke. Greenfield sitzt während des Interviews an einem breiten Holztisch, seinem täglichen Arbeitsplatz seit 67 Jahren.


SZ-Magazin: Sie wurden als Maximilian Grünfeld geboren und haben sich erst Anfang der Fünfzigerjahre in Martin Greenfield umbenannt. Dennoch wird in den Anzügen, die Sie schneidern, bis heute Maximilian Grünfeld ins Etikett eingestickt, Ihr jüdischer Geburtsname. Ist Ihr Verhältnis zu diesem Namen ein gespaltenes?

Martin Greenfield: Der Name Grünfeld ist sehr eng mit den Konzentrationslagern verbunden, mit Auschwitz und Buchenwald. Ich habe allen Menschen, die für mich arbeiten oder die mir nahestehen, bis an mein Lebensende verboten, mich Maximilian zu nennen. Wenn ich den Namen Max höre, höre ich sofort die Schreie im Lager. Manchmal rieche ich dann sogar die Leichen und den Gestank in den Baracken.

Sie haben sich einen neuen Namen gegeben, um Ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen?
Ich mochte meinen jüdischen Namen, aber ohne ihn wäre ich nie an diesen Orten gelandet. Nach dem Krieg wollte ich ein neues Leben in Amerika anfangen, also habe ich mir einen neuen, amerikanischen Namen gegeben. Mein echter Name kam ins Etikett.

Als stille Reminiszenz?

Vor allem als Mahnung. Er sollte mich für immer Demut lehren.

Sie kleiden seit fast siebzig Jahren die prägendsten Männer der USA ein, von John F. Kennedy bis Barack Obama, von Muhammad Ali bis Frank Sinatra. Die größten Hollywoodstars rühmen sich heute Ihrer Bekanntschaft, und Bill Clinton, mit dem Sie eng befreundet sind, bezeichnet Sie als lebende Legende. Im April 1944 waren Sie ein Junge aus den tschechischen Karpaten, der in den Vernichtungslagern der Nazis sterben sollte.


Die Nummer, die sie mir damals tätowiert haben, steht noch immer auf meinem Unterarm. (Er krempelt den linken Hemds-ärmel hoch.) Ich habe ein paar Mal versucht, sie entfernen zu lassen, aber ich kriege sie nicht weg: A4406. Das A steht für Auschwitz. Ich finde meinen jüdischen Namen im Etikett deutlich eleganter, aber die Wirkung ist die gleiche: Ich wache noch mit 86 auf und weiß jeden Morgen, woher ich komme.

Ende der Neunzigerjahre führte der Regisseur Steven Spielberg Zeit-zeugen-Interviews mit Überlebenden des Holocausts. Das Interview mit Ihnen dauerte länger als zehn Stunden. Weder davor noch danach haben Sie je ein Wort über Ihre Vergangenheit verloren. Warum nicht?


Meine Familie und auch ein paar enge Freunde wussten Bescheid. Ansonsten habe ich versucht, niemanden damit zu belästigen.

Sie sahen eine Belästigung darin, über den Holocaust zu sprechen?


Die Frage ist, wie es die Menschen empfunden hätten, mit denen ich verkehrt habe. Wenn Frank Sinatra hier in mein Atelier kam, um einen Anzug zu bestellen, oder mir Marlon Brando beim Dinner gegenübersaß, dann hatte doch keiner von beiden Lust, über die Gaskammern zu reden. Ich selbst auch nicht, also habe ich das alles nie erwähnt. Der Einzige, der mich geradeaus fragte, ob ich in Auschwitz gewesen bin, war Bill Clinton.

Wie kam es dazu?

Das war im Sommer 1998, Clinton war damals Präsident. Man hatte mich gebeten, neue Anzüge für ihn anzufertigen, also war ich im Weißen Haus, um Maß anzulegen. Ausgerechnet an diesem Tag fiel dort die Klimaanlage aus, mir lief also der Schweiß am ganzen Körper runter. Es war entsetzlich peinlich, aber zum Glück hatte der Präsident ganz andere Probleme. Die Sache mit Monica Lewinsky war gerade am Kochen.

Wie haben Sie Clinton an diesem Tag erlebt?

Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war aber überhaupt nicht bei der Sache. Wir waren uns davor schon einige Male begegnet, doch an diesem Tag wechselte er kaum ein Wort mit mir. Erst als sein Blick auf das Etikett seines Anzugs fiel, sagte er mit seinem typischen Arkansas-Akzent: »Grünfeld?« Ich sah, wie es in seinem Kopf arbeitete. Er wusste, dass ich aus der Tschechoslowakei kam. Er musste also nur eins und eins zusammenzählen, um zu ahnen, dass ich in einem Konzentrationslager gewesen war. Als er mich danach fragte, konnte ich ihm kaum in die Augen sehen. Ich habe geantwortet, ich wäre schon vor dem Krieg nach Amerika geflohen.
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Warum haben Sie gelogen?


Der Präsident sollte nur Tage später ganz Amerika anlügen, als er vor laufender Kamera sagte, er hätte nie eine Beziehung zu seiner Praktikantin gehabt. Menschen lügen aus den unterschiedlichsten Gründen. Bill hatte damals nicht die Kraft, einen Fehler einzugestehen. Ich hatte nicht den Mut, über Dinge zu sprechen, über die ich nie zu sprechen gelernt hatte.

Sie haben jetzt, nach jahrzehntelangem Schweigen, Ihre Autobiografie geschrieben: Measure of a Man (Maß eines Mannes, Anm. d. Red.). Nimmt das Verlangen, vom eigenen Schicksal zu berichten, gegen Ende des Lebens zu?

Wahrscheinlich. Der Gedanke, morgen nicht mehr aufzuwachen und nie über Auschwitz gesprochen zu haben, hat mich beschämt.

Sie sind dort dem Lagerarzt Josef Mengele begegnet. In Ihrem Buch schreiben Sie: »Er trug einen feinen Anzug, der selbst beim Sitzen keine Falten warf. Sein elegantes, besonnenes Gesicht umrahmte das glänzende Monokel vor seinem Auge.« Hat Ihnen Mengeles Erscheinung imponiert?

Sie hat mich sogar fasziniert. Es war gleich bei unserer Ankunft: Ich stand mit meinen Eltern und meinen Geschwistern auf einem der Viehwaggons, mein Vater hielt meine Hand, und ich hielt die Hand meines vierjährigen Bruders. Dann ging langsam die Ladetür herunter, und die SS-Leute fingen an zu brüllen. Ich weiß noch, dass ich kein Wort verstanden habe, nicht weil ich Angst hatte, sondern weil mein Blick auf den funkelnden Lederschuhen eines Mannes verharrte, der ein paar Meter entfernt stand. Ich hatte so etwas Schönes wie diese Schuhe nie zuvor gesehen. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen war, trugen die Männer ja bloß einfache Stiefel. Der Mann, der an den Gleisen von Auschwitz diese feinen Schuhe trug, war Mengele. Er sprach kein Wort, hielt nur den Daumen nach rechts oder nach links.

War Ihnen klar, was das bedeutete?

Ich wusste nur, dass wir weit weg von zu Hause und in Schwierigkeiten waren. Mein Vater und ich sollten arbeiten, wir gingen in die eine Richtung. Meine Mutter, meine beiden Schwestern und mein kleiner Bruder gingen in die andere. Alle vier winkten dabei und sagten: »Bis später!« Es war ein sonniger Frühlingstag, die Vögel zwitscherten. Ich hatte keine Ahnung, dass ich keinen von ihnen wiedersehen würde.

Mengele war einer der schlimmsten Verbrecher des NS-Regimes, berüchtigt für seine Experimente an Lagerinsassen. Kann ein ordentlicher Anzug jedem Menschen den Anschein von Würde verleihen?


Der Philosoph Henry David Thoreau hat mal gesagt: »Zieh einer Vogelscheuche deinen neuesten Anzug an und stell dich unbekleidet daneben – wer würde nicht zuerst die Vogelscheuche grüßen?« Würde ist ein großes Wort, aber ich fürchte, ein guter Anzug verleiht auch Verbrechern einen Anschein von Rechtmäßigkeit.

Es gibt Studien, die nahelegen, dass Bankräuber umso erfolgreicher sind, je besser sie sich bei ihren Überfällen kleiden.
Für mich ergibt das Sinn. Die Magie eines Anzugs besteht darin, dass er einen Mann in etwas verwandeln kann, was dieser gar nicht ist. Jedes Mal, wenn ich Mengele sah, imponierte mir sein stolzer Gang in dieser fabelhaften, passgenauen Kleidung. Er wirkte darin wie ein vorbildlicher Mensch, dem ich ohne zu zögern mein Leben anvertraut hätte. Nicht wie ein Mann, der Babys bei lebendigem Leib verbrannte, Kindern Gift in die Augen träufelte oder behinderten Frauen Stromschläge verpasste, um herauszufinden, wann sie sterben.

Ihre gesamte Familie wurde bald nach Ihrer Ankunft ermordet. Ihre Mutter, Ihre zwei Schwestern, Ihr kleiner Bruder und Ihre Großeltern wurden ins Gas geschickt. Ihr Vater wurde erschossen. Sie waren damals 15. Hatten Sie mehr Angst vor dem Sterben oder vor dem Überleben?
Wenn ich morgens aufwachte, gab es immer einen kurzen Moment, in dem ich hoffte, ich wäre schon tot. Dann fing ein neuer Tag an, und es ging doch irgendwie weiter.

Die Nazis teilten Sie und andere Jungen Ihres Alters zur Zwangsarbeit ein. Dazu zählte auch, die Leichen anderer Juden zu vergraben.
Ich habe diese Arbeit so stoisch wie möglich erledigt. Dabei habe ich häufig in den Himmel gesehen und darauf gewartet, dass die Sonne unterging. Sobald es dunkel wurde, durften wir in der Wäscherei arbeiten, was mich zu dem Beruf brachte, den ich heute habe. Beim Waschen der Nazi-Uniformen habe ich einmal so kräftig geschrubbt, dass der Stoff eines SS-Hemds riss. Ich wurde dafür heftig verdroschen, aber später ließ ich mir von einem Mithäftling zeigen, wie man die Fetzen wieder zusammennäht.

Das erste Kleidungsstück, das Sie genäht haben, war ein SS-Hemd?
Ich habe in meinem späteren Leben Anzüge geschneidert, die bis zu 60 000 Dollar kosteten, für Elvis Presley, Clint Eastwood, Paul Newman und Sammy Davis Jr., all diese schillernden Leute, aber von allen Kleidungsstücken war dieses SS-Hemd immer das wertvollste. Ich durfte es tragen, weil man zwar die SS-Symbole noch erkennen konnte, es aber ansonsten bloß noch ein Lumpen war. Es gab mir Wärme, um die Todesmärsche nach Buchenwald zu überstehen. Und es verschaffte mir Respekt.

Man behandelte Sie darin anders?

Die Wärter traten mir deshalb nicht mit Menschlichkeit gegenüber, aber jedenfalls stand ich nie mehr in der ersten Reihe, wenn Häftlinge zum Spaß der Aufseher erschossen wurden. Mir wurde da zum ersten Mal bewusst, welche Macht Kleidung hat.

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