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Neue Fotografie 10. Juni 2015

Mit dem Cadillac durch Schweden

Interview: Ines Abraham  Fotos: Gregor Schmatz

Ein Roadtrip durch Schweden wurde für den Fotografen Gregor Schmatz zu einer Zeitreise in das Amerika der Fünfzigerjahre. Er stieß auf eine Auto-Szene, in der das Rockabilly-Zeitalter wieder auflebt.



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Name:
Gregor Schmatz
Geburtsdatum:
26. Februar 1991
Ausbildung:
Bachelor, Fotografie an der Napier University in Edinburgh
Wohnort:
Edinburgh, Schottland
Website:
gregorschmatz.co.uk

SZ-Magazin: Klassische amerikanische Wagen heißen in Schweden »Amerikanare« und haben dort eine große Fangemeinde. Wie sind Sie auf diese Szene gestoßen?

Gregor Schmatz: Ich habe mit meiner Freundin einen Roadtrip durch Schweden gemacht. Dabei ist uns aufgefallen, dass so viele amerikanische Autos unterwegs sind. Hauptsächlich Rockabilly-Autos aus den Fünfzigern, aber auch Dreißigerjahre-Oldtimer und Muscle-Cars aus den Siebzigern. Wir glaubten zuerst, es fände ein Festival statt, dabei war einfach nur Wochenende. Meine Freundin beschloss im Jahr darauf, ihre Anthropologie-Dissertation über dieses Phänomen zu schreiben und ich dachte, das wäre auch ein tolles Fotoprojekt. So haben wir angefangen, zu recherchieren und sind noch einmal für einen Monat nach Schweden gereist. Diesen Sommer war ich dann noch einmal eine Woche lang allein da.

Welche Gründe gibt es denn für die große Beliebtheit dieser Autos?

Zuerst einmal muss man sagen, dass das nicht einfach nur ein Trend ist. Diese Szene gibt es schon seit den Fünfzigern. Es fing wohl als Teenager-Rebellion gegen die schwedische Ästhetik an. Mittlerweile ist es keine Rebellion und auch keine Subkultur mehr. Zu den Autoliebhabern zählen alle möglichen Leute. Das hat nichts mit Alter oder Klasse zu tun. In Schweden wohnen noch viele Menschen auf dem Land, wo man noch Platz für eine große Garage hat – und Platz zum Fahren. In der Stadt macht es keinen Spaß, weil die Autos wirklich riesig sind. Ein weiterer Grund ist der lange schwedische Winter. Um den zu überbrücken, schrauben die Leute an ihren Autos herum und freuen sich dabei auf den Sommer.

Und im Sommer machen sie dann lange Roadtrips wie in Amerika?
Die Leute reisen innerhalb Schwedens ziemlich viel. Im Sommer ist so viel los. Da fährt man schon mal vier oder fünf Stunden zu einem der vielen Festivals. In Schweden findet auch Power Big Meet, das größte Auto-Festival weltweit, statt. Viele Autobesitzer sind nicht pingelig und nutzen ihre »Amerikanare« auch täglich. Das sind für sie keine Museumsstücke. Mit Muscle-Cars werden ja auch Rennen gefahren. Trotzdem haben einige noch ihren Volvo als Zweitauto, um zur Arbeit zu fahren.

Adaptiert man mit den Autos auch den amerikanischen Lifestyle aus den Fünfzigern?
Ja, die Leute kommen in diese ganze Rockabilly-Kultur durch das Auto rein. Das geht von der Wohnungseinrichtung bis zur Musik. Manche Frauen, mit denen ich gesprochen habe, mögen zum Beispiel die Kleider. Mittlerweile kann man in Schweden in Jeans zu einer Hochzeit gehen, ohne negativ aufzufallen. Viele finden es aber schön, sich wieder mal richtig rauszuputzen. Trotzdem bleibt das Auto der Mittelpunkt. Niemand von den Leuten, die ich kennengelernt habe, wollte unbedingt nach Amerika.

Dieses Amerika aus den Fünfzigern, das da zelebriert wird, gibt es ja auch gar nicht mehr.
Nein, aber es geht auch gar nicht so sehr um das Land. Die schwedische Kultur ist auch in dieser Szene noch sehr greifbar. Man serviert noch immer klassisch schwedisch Kaffee und Kuchen, wofür es sogar ein eigenes Wort gibt – »Fika«. Rockabilly wird so in die schwedische Kultur integriert, dass es keine Kontrakultur mehr ist.

Haben Sie selbst einmal so ein Auto gefahren?
Ich bin mit vielen mitgefahren, aber am Steuer bin ich noch nicht gesessen. Warum, frage ich mich gerade selbst. Dafür muss ich mal zurück nach Schweden.

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