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aus Heft 22/2015 Literatur

»Am tiefsten sitzt die Angst davor, ausgelacht zu werden«

Von Gabriela Herpell  Fotos: Joachim Ladefoged

Als Kind war er ständig auf der Hut vor dem tyrannischen Vater. Heute schreibt Karl Ove Knausgård sehr erfolgreich über sein Leben - mit dem toten Vater im Nacken. Ein Gespräch mit einem Schonungslosen.

Karl Ove Knausgård in seinem Arbeitszimmer. Mit seiner Schülerband tritt er immer noch gelegentlich auf - er ist der Schlagzeuger.

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Karl Ove Knausgård steht am Bahnhof im südschwedischen Städtchen Ystad und raucht. Er hat geschrieben: Sie erkennen mich, ich bin groß. Und ja, er ist größer als alle anderen, die am Gleis warten. Aber man würde ihn auch so erkennen, am zerfurchten Gesicht, den dichten grauen Haaren, dem Bart.

Auf dem Weg zum Café raucht er schnell noch eine. Bis vor Kurzem hat Knausgård Journalisten vom Zug abgeholt und sie mit zu sich genommen. Er lebt mit seiner Frau Linda und vier Kindern nahe Ystad in einem Haus auf dem Land. Dann kündigten sich immer mehr Journalisten an, um über seinen Romanzyklus »Min Kamp« zu sprechen (»Mein Kampf«). Nun holt er sie vom Zug ab und geht mit ihnen in sein Lieblingscafé. Aber auch das nicht mehr lange, sagt er. Die Aufmerksamkeit, die er damit auf sich zieht, ist ihm unangenehm.

In den USA und Norwegen sind Knausgårds Bücher Bestseller. In sechs Bänden ergründet er anhand der eigenen Biografie, was es heißt, ein Mensch zu sein. Er schreibt über seine Freunde, seine Eltern, seine Frau, seine Kinder. Alltägliches und Dramatisches, detailliert und radikal ehrlich. Seine Sprache ist einfach, warm, stark. Vier der sechs Bände sind in Deutschland bereits erschienen: »Sterben«, »Lieben«, »Spielen« und »Leben«. Im Herbst folgt Band fünf: »Träumen«, im Luchterhand Literaturverlag.

SZ-Magazin: Herr Knausgård, Sie erzählen peinliche und intime Dinge über sich und die Menschen, die Ihnen nahestehen. Warum tun Sie das?
Karl Ove Knausgård:
Mein großes Lebensthema ist: Ich möchte gemocht werden. Ich möchte gefallen. Dafür tue ich alles. Das Projekt, über meinen Lebenskampf zu schreiben, hatte zum Ziel, damit Schluss zu machen.

Dachten Sie, dass man Sie nach den Büchern nicht mehr mögen würde?
Ich wollte ehrlich sein. Mich so zeigen, wie ich bin, und mit den Konsequenzen leben lernen. Denn das ist ja Schreiben: Du exponierst dich. Nein, ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass mich irgendjemand nach diesen Büchern mag.

Als Sie anfingen, so detailliert über Ihr Leben zu schreiben: War Ihnen da bewusst, dass Sie kollektive Erfahrungen ansprechen würden?
Überhaupt nicht. Mir wurde ja auch vorgeworfen, dass ich vollkommen narzisstisch und selbstbezogen schreibe. Was stimmt.

Und nun läuft es so gut für Sie. Als junger Mann haben Sie sich danach gesehnt, der berühmteste Schriftsteller der Welt zu werden.
Aber doch nicht mit den Büchern über mich. Später, mit anderen Büchern.

Haben Sie darum verkündet, nach sechs Bänden mit dem autobiografischen Schreiben aufzuhören?
Ich beherrsche diese Art zu schreiben so sehr, dass es mir keine Mühe machen würde, sechs weitere Bände zu schreiben, die den Leuten gefallen würden. Es wird gerade sogar zum Problem, weil ich gar nicht mehr anders schreiben kann. Ich bin gerade für ein amerikanisches Magazin durch Amerika gereist, um über die Wikinger zu schreiben. Ich hatte nichts zu erzählen. Ich konnte wieder nur über mich schreiben.

Sie schreiben in dem Text, wie Ihnen alles misslingt: Sie haben keinen Führerschein dabei, schaffen es nicht, Ersatz zu besorgen, dann ist die Toilette im Hotel verstopft, aber Sie trauen sich nicht, es zu melden. Was geht da in Ihnen vor?
Das ist Scham. Die Angst, die bei mir am tiefsten sitzt, ist die Angst davor, ausgelacht zu werden. Das geht so weit, dass ich die Toilette im Flugzeug nicht benutze, weil ich mir überlege, was alles schiefgehen und wie ich mich vor den anderen Fluggästen lächerlich machen könnte. Mein Leben ist voll von diesen Ängsten – dass ich dabei ertappt werde, wie ich eine Situation nicht meistern kann. Ich weiß natürlich, niemand interessiert sich für den, der im Flugzeug auf die Toilette geht. Aber das ist eine solche Urangst, dass der Verstand dagegen machtlos ist.

Sitzt die Angst vor Ihrem Vater auch so tief?
Mein Vater hat jedes Missgeschick bemerkt, bevor es sich ereignet hat. Er hatte einen sechsten Sinn dafür.

In Ihren Büchern ist Ihr Vater so autoritär, ungerecht und kalt, dass man als Leser anfängt, sich vor ihm zu fürchten. Auch wenn nichts geschieht – man fühlt sich seiner Unkalkulierbarkeit ausgeliefert.

Das ist das Gefühl, das ich in meiner gesamten Kindheit hatte: ständige Verunsicherung. Immer auf der Hut sein zu müssen. Ich bin mir sicher, dass manche Kinder, mit denen ich zur Schule ging, schlechter von ihren Eltern behandelt wurden. Aber die ständige Bedrohung, die ich in seiner Gegenwart empfunden habe, hat mich zermürbt.

Ähneln Sie Ihrem Vater?
Äußerlich werde ich ihm immer ähnlicher. Aber unsere Persönlichkeiten sind verschieden. In den Büchern versuche ich, mich mit ihm zu identifizieren und herauszufinden, wer er wirklich war. Ich habe ja, im Gegensatz zu ihm, das Privileg zu schreiben: mich auszudrücken, meine Welt zu entdecken, zu reflektieren. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er schreiben wollte, als sie sich kennenlernten. Und mir kam es tatsächlich so vor, als sei er in einem Leben gefangen gewesen, das nicht seins war. Meine Eltern waren 19, als sie sich kennenlernten. Sie bekamen Kinder, und er musste Ehemann, Vater und Lehrer sein. Er wusste vielleicht selbst nicht, dass er sich eingezwängt fühlte. Es war in dieser Zeit ja nicht sehr verbreitet, über sich nachzudenken. Aber er war ein hochempfindlicher Mensch. Darin sind wir uns ähnlich. Und er wuchs in einem Haus auf, in dem das nicht erkannt wurde. Das hat ihn gebrochen.

Auch darin scheinen Sie ihm zu ähneln: Im Band über Ihre Kindheit, Spielen, hackt er Holz, und Sie sollen es stapeln. Sie frieren, machen alles falsch, er wird sauer, verachtend, Sie weinen, das macht ihn noch böser. Dann verlangt er, dass Sie mit ihm Fußball gucken, aber Sie möchten nicht, damit er versteht, wie weh er Ihnen getan hat.
Und er hat es nie gesehen. Für meine Begriffe herrschte in ihm totales Chaos. Meine Mutter, die sehr pragmatisch ist und hohe moralische Ansprüche stellt, hat ihn strukturiert und sein Chaos in Schach gehalten. Als er sie verließ, brach das Chaos in ihm aus, in aller Konsequenz, aber er war weiter ohne jedes Bewusstsein dafür. Er fing an zu trinken. Der Mensch, der sich da entwickelte, war auch wieder nicht er. Er wurde Alkoholiker und trank sich zu Tode. Er starb mit Anfang fünfzig, und ich glaube, er ist mit 16 schon ein gebrochener Mensch gewesen.

Kam Ihr Bruder Yngve besser mit Ihrem Vater zurecht?
Yngve war der Ältere, er hat mehr abgekriegt als ich, vor allem körperlich. Er konnte es kaum erwarten, von zu Hause wegzugehen, und ist mit 16 ausgezogen. Yngve findet, dass ich in den Büchern zu nett mit unserem Vater umgegangen bin.

Hat er Ihren Vater auch so gefürchtet wie Sie?
Vielleicht hat er ihn eher gehasst. Ich habe mich gehasst: dafür, dass ich ständig geweint habe und mich überhaupt nicht unter Kontrolle hatte. Ich kam mir immer nur dumm vor. Mich hat mein Vater nicht körperlich misshandelt, aber er hat mein Selbstwertgefühl zerstört. So wie seine Eltern sein Selbstwertgefühl zerstört haben. Es hat ihn unfassbar wütend gemacht, wenn ich weinte. Vielleicht spürte er etwas von sich darin, was er nicht ertragen konnte. Und wollte mir das austreiben, mit aller Macht.

Hat er sich nie selbst in Frage gestellt?
Nein. Eltern fühlten sich doch immer im Recht damals. Man sah in Skandinavien nie Eltern mit ihren Kindern spielen. Jetzt ist es das Gegenteil. Eltern finden nichts wichtiger als ihre Kinder, sie sehen sie, sie spielen mit ihnen, sie geben sich alle Mühe der Welt, sie zu tollen Menschen zu erziehen. Vielleicht ziehen wir in eine Horde verwöhnter Weicheier heran und stellen eines Tages fest, wie wichtig es gewesen wäre, dass wir sie schlechte Erfahrungen machen lassen.

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Gabriela Herpell

Gabriela Herpell fiel bei Knausgård tatsächlich ein gewisser Hang zur Maßlosigkeit auf: Während des Gesprächs trank er viele Becher Filterkaffee und zur Abwechslung mal eine Cola Light.

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