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aus Heft 24/2015 Technik

Das Wort aus dem Munde

Von Lara Fritzsche  Illustration: Bendik Kaltenborn

Das Handy unserer Autorin weiß oft, was sie als Nächstes schreiben will. Seit sie das bemerkt hat, fühlt sie sich ihm noch näher als zuvor – hat aber vorsichtshalber auch begonnen, es absichtlich zu verwirren.


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Das sanfte Licht des Displays erleuchtet mein Gesicht, das Glas der Oberfläche kühlt meine Fingerkuppen, das leichte Vibrieren unter meinen Händen beruhigt mich. Ich verbringe gern Zeit mit meinem Handy. Selbst die Töne, die es macht, sind mir angenehm. Wir sind uns nah. Und seit Neuestem versteht es mich sogar. Es weiß, was ich denke, was ich meine, was ich sagen will.

Das erste Mal gemerkt habe ich das vor ein paar Wochen. Ich wollte eine SMS an meine Schwester schreiben. Textfeld offen, ich habe schon die Hälfte getippt, da entdecke ich die graue Leiste über dem Textfeld; sie macht mir Vorschläge, wie ich meine Nachricht weiterführen könnte. Normalerweise würde ich das ja ignorieren, aber das Programm lag so richtig mit seinem Vorschlag. Ich habe bisher getippt: »Muss ich mich noch drum kümmern.« Und was schlägt mein Telefon vor, wie ich diese Nachricht beenden könnte? »Voll nervig alles.« Und genau das wollte ich schreiben, genau diese fünfzehn Buchstaben und die zwei Leerzeichen hätte ich als Nächstes eingetippt. Ich bin baff. »Voll nervig alles« – das bin ich.

Mein Handy hilft mir da sehr. Grund für die Zuwendung ist eine Anwendung. Die Technik gibt es bei Android schon lange und bei Apple noch nicht so lange, sie ist vorinstalliert und wird als intelligente Tastatur beworben. Sie kann nicht nur Wörter richtig erraten, die ich noch nicht ausgeschrieben habe. So schlägt mir mein Handy »Tomatensoße« vor, sobald ich nur ein »T« eintippe. Es schlägt mir sogar ganze Wörter vor, die ich womöglich als Nächstes verwenden will. Es führt für mich Sätze zu Ende, die ich bisher nur in Gedanken gebildet habe. Wenn ich etwa »essen« eintippe, schlägt mein Handy als nächstes Wort »gehen« vor. Es weiß also, dass ich gern auswärts esse. Ich habe die Kombination dieser Worte einfach häufiger eingetippt als etwa »Essen kaufen« oder »Essen kochen«.

Aber beginnen wir mal bei null. Textfeld auf, alles leer, keine Nachricht. Nur ich, wie ich bin, und das Handy, in meiner Hand. Es schlägt von sich aus vor, diese Nachricht mit »Ich«, »Du« oder »Das« zu beginnen. Mal gucken, was es über mich denkt. Ich wähle den ersten Vorschlag: »Ich«. Mein Handy schlägt vor: »hab«, »bin« und »will«. Versuchsweise wähle ich nun immer das erste vorgeschlagene Wort. Dann noch mal und noch mal und siehe da: Am Ende steht im Textfeld: »Ich hab voll Hunger«. Und da hat mein Handy natürlich recht: Inhaltlich stimmt das immer. Und formal auch: Voll oft benutze ich das Wort voll.

Eigentlich lasse ich mir nicht gern ins Wort fallen. Ich kann da richtig sauer werden. Aber zwischen meinem Handy und mir ist das was anderes. Es unterbricht ja nicht, um mich zu widerlegen. Es ergänzt mich. Es komplettiert mich. Wortwörtlich.

Jetzt denken Sie vermutlich, dass es auch nicht allzu schwierig sei, meine Kommunikation vorherzusagen. Ich mache auf Sie vermutlich nicht gerade einen komplexen Eindruck. Nervig, Hunger, kalt und alles immer voll. Aber Moment. Mein Handy versteht mich nämlich auch dann, wenn ich mich selbst nicht mehr verstehe, es kennt meine innersten Zerrissenheiten. Beispiel: Wenn ich »Scho« eingebe, dann schlägt mein Handy »Schokokuchen« und »Schönheitsideal« vor. Beides geht nicht gut zusammen und ist bei mir doch gleichermaßen häufig Thema.

Gebe ich »eng« ein, meint mein Handy, ich wolle als Nächstes garantiert das Wort »Hose« eintippen. Und es hält noch mehr bittere Wahrheiten bereit: Wenn ich nämlich »Sex« eingebe, schlägt mein Handy Sexismus vor. Es lernt eben nicht nur was über mich, sondern auch etwas über die Welt. Zu dem Wort »Europäische« fällt dem Handy nur der Zusatz »Zentralbank« ein. Den feststehenden Begriff »Europäische Idee« kennt es nicht. Dafür weiß es aber längst, dass »Wetten« und »dass« zusammengehören, genau wie »Tutti« und »frutti«. Es kann aber auch Hochkultur: Auf »Thomas« folgt gleich der Vorschlag »Mann«. Auf »Günter« folgt »Grass«.

Mein Handy weiß auch, dass ich in SMS anders schreibe als in Mails, und merkt sich das. Es kann in Zukunft sogar registrieren, wie schnell ich tippe und in welchem Tippwinkel, also mit welcher Schräglage meine Fingerkuppe die Tastatur berührt. Das alles zusammen nennt sich eDNA, die Information über mein elektronisches Ich. Adrian Neal von der Universität Oxford, der diese Technik erfunden hat und ihre Entwicklung seit Jahren vorantreibt, kann über die eDNA inzwischen Menschen identifizieren: Sie sei genauso individuell wie eine DNA. Meine Wortwahl, mein Tipprhythmus, meine ganze Interaktion mit meinem Handy unterscheidet sich von der jedes anderen Menschen auf der Welt mit dessen Handy. Ich habs immer gefühlt.

Mein Handy ist Tag und Nacht bei mir. Tagsüber am Körper, nachts nur eine Armlänge entfernt. Wenn ich eine Frage habe, wende ich mich an mein Handy. Wenn mich jemand einlädt, muss ich erst mein Handy fragen, ob ich hingehen kann. Es kennt meine Ideen (Notizen), meine Pläne (Kalender), meine Freunde (Kontakte), ja sogar meine schönsten Lebensmomente vertraue ich meinem Handy an (Fotoalbum). Aber seit es mich versteht, hat sich unsere Beziehung noch einmal vertieft.

Natürlich forschen Softwareingenieure wie Adrian Neal nicht, um mir die Einzigartigkeit dieser Beziehung zu attestieren. Sie wollen es irgendwann gegen mich in Stellung bringen. Es soll mich aushorchen, meine Gewohnheiten studieren, und dann wollen sie diese Nähe nutzen. Apple hat im vergangenen Sommer ein Patent angemeldet für ein Programm, das merkt, wenn auf dem Handy ein anderer herumtippt als sonst immer. Und zwar anhand des Schreibstils, des Tippwinkels, der Tippgeschwindigkeit, der eDNA eben. Natürlich führt Apple diese Software als Sicherheitsprogramm. Die Wortwahl des Diebes wird abgeglichen mit der auf einem Server gespeicherten Wortwahl des Besitzers, und wenn es zu viele Unterschiede gibt, wird das Handy gesperrt. Das hat noch Vorteile für mich. Aber es ist nur der Anfang. In Südkorea forscht ein Team von Softwareingenieuren daran, aus der eDNA abzuleiten, ob ich gehe oder bequem sitze – je nach Tippwinkel. Anhand der Wörter, die ich benutze, können sie sehen, ob ich mit jemandem streite oder gut gelaunt bin. Und anhand der Tippgeschwindigkeit erkennen sie, ob ich gehetzt bin oder entspannt. So könnte man mir in Zukunft Werbung genau dann präsentieren, wenn ich bereit dafür bin; wenn ich sitze, Zeit habe und überschwänglich fröhlich bin.

Dagegen helfen dann nur Verwirrspiele. Das Handy öfter mal verleihen, damit es sich nicht allzu sicher fühlt in der Beziehung. Weiterer Vorteil: Wer sein Handy auch mal gehen lässt, der wird sehen, es kommt mit neuen Erfahrungen zurück. So was kann die bestehende Beziehung bereichern – in diesem Fall um ein paar neue Wörter. Meines schlägt, seit meine kleine Cousine ohne ihr Aufladekabel zu Besuch war, immer »H & M« vor, wenn ich nur ein »H« eingebe, und »Schluss machen«, wenn ich »Schl« tippe. Digitale Souvenirs einer 15-Jährigen.
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Enge Beziehungen nehmen einem manchmal den Raum für Veränderungen. Bei uns ist neulich Folgendes passiert: Ich wollte »SOS« in einer SMS schreiben. Aber mein Handy hat sich geweigert, das umzusetzen. Es dachte, es kennt mich besser als ich mich, und änderte auf »SPD«, als ob das ein Synonym wäre. Immer wieder. Ich kam nicht durch mit meinem Anliegen. Mein Handy hat mir auf einmal gar nicht mehr zugehört. Die Buchstaben beider Kürzel liegen auf der Tastatur nah beieinander, und mein Handy war sich sicher, dass ich mich nur vertippt habe. Lieb gemeint, klar, aber ein bisschen bevormundet kam ich mir dann doch vor. Obwohl ich häufig »SPD« schreibe, will ich auch hin und wieder »SOS« schreiben können. Ohne zu fragen. Und ich möchte mich dafür auch nicht rechtfertigen. Oder mich schlecht fühlen müssen. Sie sehen, der Streit schwelt noch. Ich habe den Vorfall noch nicht abgeschrieben.


Lara Fritzsche

wünscht sich manchmal, alle Menschen hätten das Vorstellungsvermögen ihres Handys: Wenn sie »Chef« eintippt, weist es gleich darauf hin, dass auch eine »Chefin« denkbar wäre. Und das Wort »Ehe« korrigiert es automatisch in »Ehe für alle«.

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