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aus Heft 24/2015 Stil leben

Endlich abtauchen

von Kerstin Greiner  Foto: Janek Stroisch

In diesen Hotels kann man sich vor der Welt verstecken. So heißen sie auch: »Hideaways«.


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Früher sind Menschen durch ihre Urlaube getobt. Gucken, erleben, machen, fast forward. Heute wünschen sich viele Reisen im Pausetastenmodus.

Die Hotelbranche hat darauf mit »Hideaways« reagiert: So bezeichnet sie Unterkünfte, die den Gast scheinbar verstecken, es sind Orte für eine Instant-Beruhigung. Das kann mitten in der Stadt sein, wie bei »The Qvest Hideaway« in einem neogotischen Prachtbau, verborgen in der Kölner Innenstadt. Die meisten Hideaways aber liegen an Plätzen, die Reisefachleute »touristische Hinterhöfe« nennen: nicht im Blutkreislauf der Urlaubsdestinationen, sondern ein bisschen abseits, am besten einsam auf Bergen, in Wäldern, auf Inseln.

Natürlich ist der Begriff Hideaway höchst schwammig und auch nicht geschützt. Aber meistens fängt das Prinzip Hideaway schon damit an, dass man nicht so leicht an sein Ziel kommt. Manche Hotels verlängern sogar ihre Zufahrten künstlich zu langen, geschlängelten Straßen, damit der Gast nicht nur im übertragenen Sinn einen weiten Weg geht, um zu sich zu finden.

Hinter Hideaways stecken mitunter fast philosophische Konzepte. Manche Hoteliers bauen ebenerdig, auf dass sich auch der Gast erden möge. Oder sie stellen doppelt so viele Sitzgelegenheiten auf, wie Gäste kommen können, damit man sich bloß nicht wie in einer überlaufenen Ressortanlage fühlt. Der Prototyp des Gastgebers befindet sich in seiner zweiten Lebenshälfte, hat in der ersten viel Geld in der Mode oder in der Baubranche verdient und präsentiert sich jetzt seinen Gästen als lebender Beweis dafür, dass Aussteigen ein notwendiger Weg ist, um wirklich bei sich anzukommen.

Der Tourismusforscher Heinz-Dieter Quack von der Ostfalia Hochschule in Salzgitter sagt, die Abgeschiedenheit und die Ruhe eines Hideaways böten einen »Luxus im intellektuellen Sinn«. Ihre Betreiber verkauften Lebenszeit: »Früher gab es ein gesetzlich geregeltes und sozial akzeptiertes Recht auf Feierabend. Das gibt es durch Smartphones, Mails und Internet nicht mehr«, sagt Quack. Der Mensch habe aber ein gefühltes Recht auf Nichterreichbarkeit. Und deswegen flüchte er ins Hideaway, meistens nur für ein paar Tage, aber die Knappheit sei ja ein Wesenszug des Kostbaren.

Im Hideaway macht der Gast sich dann grundsätzliche Gedanken, findet andere Menschen, die sich grundsätzliche Gedanken machen, und lässt sich dabei komfortabel umsorgen. »Das drückt sich nicht selten im Preis aus. Oft sind Hideaways sehr exklusiv. So viel, wie Menschen in einem Hideaway an ein paar Tagen ausgeben, würden sie sich sonst unter Umständen nicht einen zweiwöchigen Urlaub kosten lassen.«

Hotels sind immer auch ein Gegenentwurf zu den Lebensbedingungen der Menschen; und wie Menschen ihre Freizeit, besonders die kostbare Zeit ihres Urlaubs verbringen wollen, verändert sich. Um die Jahrhundertwende zog es die Menschen ins Grandhotel, für den großen gesellschaftlichen Auftritt, für das Sehen und Gesehenwerden, das hatte man sonst nicht im Alltag. In den Siebzigern liebte man gemeinsame Cluburlaube mit viel Sport und Rambazamba; Individualreisen waren ein Nischenprodukt für Hippies, das Ausland galt noch als wild und gefährlich. In den Neunzigern rückte das reduzierte Designhotel auf, mit dem der Gast als ästhetische Distinktion zur breiten Masse zu verstehen geben konnte, dass er jemand ist, der die Zukunft verinnerlicht hat. Und jetzt also: das Versteck. Ab in die Stille.

Natürlich ist es drollig, dass man, statt eigenmächtig abzuschalten, erst einen Trend der Hotellerie dafür braucht. Aus der Medizin ist die Kraft des Placeboeffektes bekannt, die Heilung von Menschen, die nur einer Scheinbehandlung unterzogen wurden: Der Glaube an eine Behandlung reicht für messbare körperliche Veränderungen. Und seit Sigmund Freud argumentieren Psychoanalytiker, dass Patienten nicht gesund werden, wenn sie nicht ordentlich für ihre Behandlung bezahlen müssen. Überzeugung und das Gefühl, sich etwas zu gönnen: Auch davon lebt das Prinzip Hideaway. Die Universität Nimwegen fand in Untersuchungen 2009 und 2011 zudem heraus, dass sich Erholung nicht erst nach zwei bis drei Wochen Urlaub einstellt, wie man früher annahm, sondern auch nach drei Tagen – die Dauer ist nicht entscheidend. Der Haken ist allerdings: Die Erholung ist dann schnell wieder dahin, nämlich schon nach einer Woche – und auch da spielt die Dauer des Urlaubs keine Rolle. Deswegen rät die Leiterin der Nimweger Studie, die Psychologin Jessica de Bloom, eher zu mehreren Kurzurlauben als zu einer langen Reise.

Dann wird auch die Liste der ungelesenen Mails nicht ganz so lang.
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Kerstin Greiner

Kerstin Greiner sieht Gemeinsamkeiten der Hideaways mit einem älteren Großtrend der Hotellerie, der Wellness: In einem Fall spielt der Mensch Verstecken, im anderen Fall lässt er sich mütterlich umsorgen. Also: Urlaub scheint einfach eine Kindheitssache zu sein.

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