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aus Heft 26/2015 Familie

»Ich hätte gerufen: Erschieß mich zuerst!«

Interview: Marc Schürmann  Fotos: Stephanie Füssenich

Anders Behring Breivik tötete 77 Menschen. Jens Breivik spricht nun über die Frage, was seinen Sohn zu den Taten geführt haben kann – und warum er ihn wohl nie im Gefängnis besuchen wird.

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Manche Medien warfen Jens Breivik vor, sich vor ihnen zu verstecken, weil er in den Tagen nach dem 22. Juli 2011 sein Haus nicht verließ, ja auf Händen und Füßen darin umherkroch, damit ihn die Reporter auch durch die Fenster nicht sahen. Die Welt wollte wissen: Wie ist es, der Vater von Anders Behring Breivik zu sein, des Mörders von 77 Menschen? Nur, was sollte Jens Breivik dazu sagen? Er gab dann ein paar Interviews, fühlte sich aber oft missverstanden.

Dass sein Haus sehr abgeschieden liegt, hat aber nichts mit den Reportern zu tun, dort lebte er schon länger. Auf der Fahrt zu seiner Adresse in Südfrankreich, eine Autostunde von Toulouse entfernt, passiert man etliche sandige Kleinstdörfer. Von Breiviks Wohnzimmer ist der Blick weit, seine Frau und die vier Katzen halten sich im Hintergrund.

Jens Breivik ist vor wenigen Wochen achtzig Jahre alt geworden. Ein höflicher, verbindlicher Mann, sein Berufsleben verbrachte er als Diplomat des Königreichs Norwegen. 1979 kam Anders Behring Breivik zur Welt, der im Alter von 32 Jahren eine Bombe in Oslo zündete und auf einem Nachwuchstreffen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei mordete, um eine angebliche Überfremdung Norwegens zu bekämpfen. Die Frage ist geblieben: Wie ist es, der Vater dieses Mannes zu sein?

SZ-Magazin: Wie bekamen Sie mit, was Ihr Sohn am 22. Juli 2011 tat?
Jens Breivik: Wir erhielten an jenem Freitag einen Anruf von Freunden in Norwegen. Sie sagten, es sei etwas in Oslo passiert, eine Explosion. Wir haben dann im Internet gelesen, es habe einen Terroranschlag im Regierungsviertel gegeben. Man wusste aber nicht, wer dahinterstand – Islamisten vielleicht? Später bekamen wir mit, was auf Utøya geschehen war, dass es viele Tote gegeben hatte. Es war aber immer noch unklar, wer die Taten begangen hatte, niemand wusste, dass es dieselbe Person war. An dem Freitag bekamen wir nicht mehr heraus, auch nicht im Fernsehen – wir empfangen hier englische, französische und amerikanische Sender. Samstagfrüh ging ich wieder ins Internet – und sah gleich in Großbuchstaben: ANDERS BEHRING BREIVIK. Ich dachte: Was hat er denn damit zu tun? Es gibt doch bestimmt nur einen in Norwegen, der so heißt? Dann las ich, dass er derjenige war, der 77 Menschen getötet hatte. Das war ein Schock. Mein Sohn? Ich konnte es nicht fassen, ich verstand gar nichts.

Welches Detail seiner Taten hat Sie am meisten entsetzt?
Die 69 Jugendlichen auf Utøya kaltblütig umzubringen, von Angesicht zu Angesicht, ist für mich einfach unvorstellbar. Sie flehten ihn an, weinten – und er schoss sie nieder. Ich verstehe nicht, dass ein Mensch so etwas Brutales, Rücksichtsloses, Furchtbares tun kann.

Stellen Sie sich das Böse in Anders eher vor wie ein Virus, das ihn befallen hat? Oder als das Ergebnis einer langen Entwicklung?
Niemand wurde daraus schlau. Im Prozess haben ihn mehrere Psychiater begutachtet.

Im ersten Gutachten ist von paranoider Schizophrenie die Rede, im zweiten von einer narzisstischen und antisozialen Persönlichkeitsstörung. Ein dritter Psychiater stellte Asperger, Tourette und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung fest. Eine wilde Mischung.
Manche meinten, er sei zurechnungsfähig, andere meinten, er sei es nicht. Natürlich muss er auf irgendeine Art verrückt sein, es läuft ja niemand herum und erschießt 69 Menschen. Er wurde schließlich für zurechnungsfähig erklärt, aber die Frage ist eigentlich noch offen.

Das Urteil lautete: 21 Jahre plus anschließende Sicherheitsverwahrung.

Er muss damit leben, für den Rest seiner Tage eingesperrt zu sein.

Wie haben Sie Anders früher wahrgenommen?
Da deutete nichts darauf hin, dass er so etwas machen könnte.

Hat er nie aggressiv gewirkt?
Nein, er äußerte auch nie extreme politische Meinungen. Er diskutierte gar nicht über Politik. Außer als es 1994 darum ging, ob Norwegen EU-Mitglied werden sollte. Das interessierte ihn. Er war dagegen. Ich war dafür.

Seine Haltung ist da in Norwegen aber keine radikale. Die Umfragen pro und kontra EU standen in der Regel bei ungefähr 50:50.
Ja, und sonst hatte er keine politischen Ansichten. Die müssen etwas später gekommen sein, er wurde dann Mitglied der Fortschrittspartei.

In dieser rechtspopulistischen Partei war er von 1997 bis 2007 Mitglied, zwischenzeitlich war er Vizechef von deren Jugendorganisation in Oslo-West. Später sagte er, die Partei sei ihm am Ende zu liberal gewesen. Kann man sagen, dass er sich zu Ihrem Gegenteil entwickelt hat? Sie waren als Diplomat viel im Ausland, Sie haben eine offene Haltung anderen Kulturen gegenüber.
Ja, ich habe in Europa und Asien gearbeitet, in Afghanistan, in Pakistan, drei Jahre im Iran. Ich habe Freunde in muslimischen Ländern. Dass Anders so etwas getan haben sollte, wurde mir immer unverständlicher. Ich dachte, dass er unter Druck gesetzt worden war, vielleicht als Mitglied einer terroristischen Gruppe, aber es stellte sich heraus, dass er ein einsamer Wolf war, der allein dahinterstand, ohne Helfer. Es war schwer, damit zu leben, Anders' Vater zu sein.

Empfanden Sie Scham? Das Gefühl, getäuscht worden zu sein?

Scham, ja, Verständnislosigkeit, viele seltsame Gefühle.

Sie haben ein Buch geschrieben. Übersetzt trägt es den Titel: »Meine Schuld?« Mit Fragezeichen. Es steht keine Antwort darin. Haben Sie nie eine gefunden?

Darüber habe ich viel nachgedacht. Ich habe ja auch viele Briefe bekommen. In einem stand: Wenn mein Sohn auf Utøya getötet worden wäre, hätte ich Ihnen nicht die Schuld daran gegeben.

Wurden Sie auch mal bedroht?

Einmal, am Telefon. Da war eine Serie von Schüssen zu hören, sonst nichts, drei-, viermal. Das war genau ein Jahr nach dem 22. Juli.

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Marc Schürmann

Marc Schürmann saß nach dem Interview noch lange mit Jens Breivik zusammen. Allerdings mit vertauschten Rollen: Breivik wollte genau wissen, wie ausländerfeindlich die Demonstranten von Pegida sind.

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