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aus Heft 26/2015 Kinderleben

Kleinkapital

Von Patrick Bauer  Fotos: Daniel Delang

Weltweit öffnen »KidZania«-Themenparks. Dort sollen Kinder lernen, wie schön das Leben der Erwachsenen ist. In Wahrheit lernen Erwachsene, wie bedrückend Konsum sein kann.


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»Ist das der Kapitismus?«, fragt mein Sohn. Er ist vier Jahre alt. Wir haben gerade die Welt von KidZania betreten, im Untergeschoss eines Einkaufszentrums am Rand von Istanbul. An die Decke wurde blauer Himmel gemalt, aber kein Tageslicht stört die Künstlichkeit der Miniaturstraße, über die gerade ein kleines Feuerwehrauto fährt, gesteuert von einem Betreuer und besetzt von einer Gruppe Kinder in Uniformen. Am Horizont leuchtet das »Burger King«-Logo. Fernes Geschrei wird von einer Fanfarenmelodie übertönt, die sich, das ahnen wir noch nicht, in den kommenden Stunden immer und immer wieder aus dem Off wiederholen soll.

Tätätätätäätäätäätätätääätätäääää.
Die KidZania-Hymne.

»Das ist der Kinder-Kapitalismus«, sage ich. »Ach so«, sagt mein Sohn, als habe er mehr erwartet von dieser Sache mit dem komplizierten Namen, und wird von einer KidZania-Mitarbeiterin daran erinnert, dass er zur Bank muss. Alle Mitarbeiter beherrschen neben Türkisch auch die globale KidZania-Sprache – »Kai!« = »Hi!«, »Zanks« = »Danke«, »Z-U« = »Tschüss« – und Englisch, so wie mein Sohn dank seiner amerikanischstämmigen Mutter. Fünfzig kidZos, so heißt die Währung, erhält jedes Kind zu Beginn des KidZania-Ausflugs.

Ich habe meinen Sohn nicht absichtlich mit dem »Kapitalismus« verwirrt. Er hatte vor unserem Abflug in die Türkei zu Hause mitgehört, wie ich meiner Frau von KidZania berichtete. »Im Grunde werden die Kinder dort für den Kapitalismus getrimmt«, sagte ich. Das ist keine Unterstellung, sondern das Konzept, das ein KidZania-Manager so beschreibt: »Bei uns können Marken mit Kindern arbeiten und so loyale Kunden der Zukunft schaffen.«

»Was muss ich machen im … Kapitismus?«, fragte mein Sohn vor der Reise.
»Nur spielen«, antwortete ich.
Deswegen hielt ich diesen Testbesuch schließlich für unbedenklich. Es blieb doch trotz allem: ein Spiel.

Ich hatte ja keine Vorstellung. Gegründet wurde KidZania – was, panscht man Latein, Englisch und Deutsch, »Land der coolen Kinder« bedeutet – vom mexikanischen Unternehmer Xavier López Ancona. 1999 öffnete das erste KidZania in Santa Fe. Die schöne Idee: In einer eigens für sie errichteten Stadt schlüpfen Kinder zwischen vier und zwölf Jahren in die Rollen des Erwachsenendaseins, probieren sich als Koch, Arzt, Banker, Wissenschaftler, Verkäufer und so weiter, und lernen spielerisch die Zusammenhänge, Wunder und Mühen des modernen Erwachsenenalltags kennen. Sie verdienen mit ihrer Arbeit Geld, das sie zum Beispiel für Essen, Süßigkeiten, das Fahren von Elektroautos oder beim KidZania-Friseur wieder ausgeben – oder auf ihrem Konto bei der KidZania-Bank für den nächsten Besuch sparen.

Heute gibt es 18 KidZania-Filialen in 15 Ländern. Istanbul, 10 000 Quadratmeter groß, 350 Angestellte, mehr als 500 000 Gäste pro Jahr, ist eine der neuesten. Auch nach Deutschland will KidZania möglichst bald expandieren. In diesem Sommer öffnet zunächst KidZania London, die Baukosten der Mini-Mega-City an der Themse: dreißig Millionen Euro.

Womit man wieder beim Kapitalismus beziehungsweise dem Geschäftsmodell ist, das Xavier López Anconas schöne Idee zu einer äußerst lukrativen gemacht hat. Seine Vergnügungsparks finanzieren sich nicht allein durch die rund 15 bis 45 Euro Eintritt je Besucher – sondern zum Großteil durch Sponsorengelder. Die KidZania-Städte bieten Unternehmen Werbe- und Ladenflächen. Sie sehen überall auf der Welt gleich aus, unterscheiden sich aber durch die vertretenen Firmen, 31 verschiedene sind es in Istanbul. Von Coca-Cola über Migros bis zu einem türkischen Hersteller für Alarmanlagen.

Wie auch in den KidZania-Städten Tokio, Dubai oder im saudi-arabischen Dschidda ist das Highlight in Istanbul die echte Front eines Flugzeugs, in diesem Fall die einer von Turkish Airlines bereitgestellten Boeing 737-205, die über dem Eingang thront, als reiste man bei Betreten von KidZania in ein anderes Land. Nach der Übung an einem Flugsimulator dürfen die älteren Kinder im Cockpit Pilot spielen.

Mein Sohn interessiert sich mehr für Autos. Marken spielen in seinem Leben bislang nur auf der Straße eine Rolle, er erkennt nahezu jeden Autohersteller am Logo. Nachdem ihm die Papierscheine, die er nicht mehr aus der Hand geben will, in der Bank mit den Worten »Hab einen produktiven Tag!« übergeben wurden, steht er vor der hell erleuchteten Tankstelle und fragt: »Warum gibt es keine BMWs und keine VWs?« Es wäre vielleicht nötig, ihm den Unterschied zwischen einer freien Marktwirtschaft und einer Art chinesischem Staatskapitalismus zu erklären, denn diesem Modell kommt KidZania näher. Hier gibt es nur Ford Fiestas aus Plastik, weil für diese Filiale nur Ford einen Vertrag mit dem Diktator (so hat sich Xavier López Ancona einmal selbst genannt) geschlossen hat. Aber da erklärt eine KidZania-Dame meinem Sohn bereits, dass er, um einen Ford zu fahren, zunächst das Büro der einzigen Autovermietung vor Ort (Avis) aufsuchen müsse.

Das ist selbst ihm zu lästig.
Er entscheidet sich stattdessen, Polizist zu werden. Sechs Kinder warten schon vor der Polizeiwache. Der Ausbilder reicht jedem eine schwarze Jacke und eine Mütze. Dann wird ein Zeichentrickfilm abgespielt, in dem zwei süße Maskottchen auf Türkisch und Englisch erzählen, dass die Polizei die wichtigste Stütze der Gesellschaft sei und alle Kinder zu guten Bürgern heranwachsen müssten.

Als die Filmvorführung beendet ist, schauen die Nachwuchspolizisten etwas verängstigt auf die düstere Gefängniszelle, deren Funktion unklar bleibt. Sodann schickt der Ausbilder die Gruppe in ein Juweliergeschäft, in dem die Kinder irgendeinen Gegenstand finden sollen, dann ist der sogenannte Fall auch schon gelöst. Nach nicht mal zwanzig Minuten müssen alle ihre Verkleidung wieder ablegen. Der Ausbilder drückt meinem Sohn beim Verlassen der Polizeiwache für seinen Staatsdienst ein Bündel kidZos in die Hand.
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Patrick Bauer

Patrick Bauer fuhr von den Münchnern in der Redaktion, dass es seit 36 Jahren ein weniger markenlastiges und deutlich demokratischeres Vorbild für »KidZania« gibt: Die Spielstadt »Mini-München« öffnet aber erst wieder in den Sommerferien 2016.