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Neue Fotografie 01. Juli 2015

Platten-Liebhaber

Interview: Christoph Schattleitner  Fotos: Andrej Balco

Andrej Balco hat in slowakischen Plattenbauten fotografiert – und dabei herausgefunden, dass deren Bewohner wenig Lust haben, sich von der Tristesse ihrer Umgebung anstecken zu lassen.



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Name:
Andrej Balco
Geburtsdatum: 1973 in der Slowakei
Ausbildung: Institute of Creative Photography, Opava (Tschechische Republik)
Wohnort: Bratislava, Slowakei
Website: andrejbalco.com


Sie haben rund 30 Privatwohnungen in slowakischen Plattenbauten von innen gesehen. Was haben Sie dort über die Kultur des Landes gelernt?
Andrej Balco: Als ich vor einigen Jahren die Fotos schoss, befand sich die Slowakei in einem Transformationsprozess. Die Menschen bewegten sich von einem kommunistischen Lifestyle hin zu einem westlichen. Sie träumten von einer Welt, in der alles möglich ist. Alle wollten so sein wie zum Beispiel die Deutschen, die viel Geld verdienen. Ich habe damit gerechnet, dass sich das Leben in der Slowakei rasch ändern würde. Deshalb wollte ich unsere Kultur in Form von Fotos konservieren.

Das heißt, die Plattenbauten gehören inzwischen der Vergangenheit an?
Nein, ich habe mich getäuscht. Der Aufstieg und die gesellschaftliche Orientierung am Westen blieben größtenteils aus. In den vergangenen zehn Jahren ist fast nichts passiert, Wohnungen und Bewohner haben sich kaum verändert.

Welche Menschen leben in den Plattenbauten?
Viele Leute glauben, dass dort nur arme Menschen wohnen. Aber dem ist nicht so. In meiner Kindheit lebte fast jeder, rund 70 Prozent der Bevölkerung, in Plattenbauten. 2004 waren es laut dem Wirtschaftsministerium noch immer zwei Millionen Slowaken, mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Man kann dort - damals wie heute - wirklich reiche Leute treffen. Ich war überrascht, wie vielfältig die Wohnungen sind, wo sie doch alle gleich groß sind.

Wie sahen die Wohnungen aus?
Klar, manche Wohnungen waren dreckig oder nahezu zerstört, und an der Wand hingen die gleichen Gemälde wie vor 30 Jahren. Aber gleich neben der dreckigen Wohnung war zum Beispiel eine, in der alles sehr luxuriös aussah. Ich fragte mich: Warum steckt diese Frau so viel Geld in eine so kleine Wohnung? Mit dem Geld für die Einrichtung hätte sie sich auch ein bescheidenes Haus bauen können. Aber wohnt lieber mit Menschen unter einem Dach, die ärmer sind als sie.

Warum wohl?
Ich glaube, die Leute sind glücklich mit dem, was sie haben. Sie müssen sich keine Gedanken über die Instandhaltung des Hauses machen, oder sich um den Garten kümmern. Natürlich gibt es Leute, die sich Häuser bauen, aber manche sehen im Plattenbau - vor allem in den neuen, rekonstruierten Gebäuden - einzigartigen Komfort und ein Stück Kulturgut.

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