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aus Heft 27/2015 Fotografie

»Saufen ist Arbeit. Saufen ist ein Beruf«

Seite 2: Jeder Mann beneidet dich darum, die Nacht mit der begehrenswerten Charlotte Rampling zu verbringen. Das gab mir das Gefühl von Macht und Befriedigung, aber gleichzeitig wollte ich mich zum Clown machen.

Interview: Sven Michaelsen   Fotos: Juergen Teller


Wer drückt auf den Auslöser, wenn Sie Selbstporträts machen?
Ein Assistent oder meine Frau, manchmal auch meine Mutter. Ich bin aber der Regisseur des Bildes, deshalb steht mein Name drunter.

Warum sind Sie auf Ihren Selbstporträts oft nackt?
Ein großer Teil meiner Arbeit ist Modefotografie. Deshalb will ich mit Mode nichts zu tun haben, wenn ich mich selber fotografiere. Es soll keinen Dresscode geben, weil alles, was du anhast, ein Statement ist.

Machen Sie sich Gedanken, wie Ihr Penis auf Ihren Fotos aussieht?

Nee, überhaupt nicht. Mein Penis ist ein blinder Fleck für mich, er ist nicht auf meinem Radar. Wir hatten daheim eine kleine Sauna und einen Mini-Pool für 2000 Mark, und nebenan war der Wald. Ich bin immer nackt rumgezappelt. Das war für mich normal.

Zu Ihren bekanntesten Arbeiten zählt eine Fotoserie, die Sie mit der Schauspielerin Charlotte Rampling zeigt. Wie haben Sie sich kennengelernt?
1996 sollte ich sie für das Magazin der französischen Zeitung Libération fotografieren. Ich war mordsnervös, weil ein Traum von mir in Erfüllung ging. Charlotte Rampling, das war für mich Nachtportier und die berühmten Fotos von Helmut Newton. Sie war ein harter Knochen, es war überhaupt nicht lustig. Zur Begrüßung sagte sie: »Hallo. Sie haben zehn Minuten.« Ich dachte, fuck, das war’s. Aber dann war ich clever und sagte: »Wenn Sie zehn Minuten haben, nehmen Sie sich fünf Minuten und schauen mein Fotobuch an. In den verbleibenden fünf Minuten machen wir dann die Fotos.« Als sie das Buch zuschlug, sagte sie: »Nehmen Sie sich so viel von meiner Zeit, wie Sie brauchen.« Später haben wir uns auf der Beerdigung einer gemeinsamen Freundin wiedergesehen. Sie erzählte, ihre Schwester habe sich umgebracht, und dann habe ich halt gesagt, dass sich mein Vater auch umgebracht hat. So entstand eine Intimität zwischen uns.

Ihre Fotos entstanden in einer Suite des Pariser Luxushotels »Crillon«. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nackt mit Rampling zu posieren?
Ich wollte Selbstporträts mit ihr machen für eine Kampagne von Marc Jacobs. Bei der Anprobe stellte sich heraus, dass ich viel zu dick war, um in die Klamotten von Marc zu passen. Deshalb stand ich nur in Shorts da. Als Charlotte fragte, was wir denn jetzt machen würden, sagte ich: »Ich könnte dich ja küssen und ein bisschen an deinen Brüsten rumfummeln.« Dann war totale Stille. Ich fing zu schwitzen an und dachte, Jesus Christus, das ist ja wohl das Blödeste, was du jemals zu einer Frau gesagt hast. Nach einer gefühlten Ewigkeit zündete sie sich ein Zigarillo an und sagte: »Gut, fangen wir an.« Ich bin dann erst mal aufs Klo gegangen. Und dann haben wir uns geküsst.

Was ließ Rampling Ja sagen?

Ich wollte halt unbedingt wissen, wie sie nackt aussieht, und dieses Naive und Unverstellte von mir hat ihr wohl gefallen. Ich bin dann ein halbes Jahr lang an den Wochenenden immer wieder zu ihr nach Paris geflogen. Ich wollte die Beziehung von einem Paar mit zwanzig Jahren Altersunterschied erkunden.

Ein Foto zeigt Rampling im Abendkleid am Flügel. Sie liegen nackt auf dem Flügel und strecken dem Betrachter Ihre gespreizten Pobacken entgegen. Wie kam es zu dieser Aufnahme?

Ich habe uns immer mehr gepusht, weil ich etwas sehen wollte, was ich noch nie gesehen habe. Ein Flügel ist ein Symbol für Bildung und Kultur, und plötzlich hatte ich Lust, so ein Ding mit meinem nackten Arsch in Verbindung zu bringen. Ich hatte jahrelang Ehrfurcht vor reichen Leuten, und auf einmal war ich in einer der teuersten Suiten eines Prunkhotels. Ich dachte, jetzt mach auch was draus. Jeder Mann beneidet dich darum, die Nacht mit der begehrenswerten Charlotte Rampling zu verbringen. Das gab mir das Gefühl von Macht und Befriedigung, aber gleichzeitig wollte ich mich zum Clown machen.

Ein anderes Nacktfoto aus der Serie zeigt Sie kaviarbeschmiert mit Rampling zu Ihren Füßen.
Ich dachte, wie ist denn das bei den reichen Leuten? Also rief ich den Roomservice an und bestellte Kaviar. Die Portion, die gebracht wurde, fand ich viel zu mickrig. Charlotte wusste natürlich, wo es in Paris Kaviar zu kaufen gibt. Ich marschierte los und kaufte für 1250 Euro Kaviar. Es war ein aufregendes Gefühl, das Zeug mit der Hand auf Bauch und Schenkeln zu verschmieren. In solchen Augenblicken ist die Kamera für mich wie der Schild eines Ritters. Ihr Schutz erlaubt einem Abenteuer, die man sich ohne sie nicht trauen würde. Sie ist die perfekte Entschuldigung, Dinge zu tun, die eigentlich nicht erlaubt sind. Man hat eine Kraft in sich, die man auf den anderen überträgt.

Mussten Sie Rampling die fertigen Fotos zum Autorisieren vorlegen?
Nein. Es gibt extrem wenig Leute, die auf Freigabe verzichten, aber ich frage ja auch nicht jeden Depp, solche Fotos zu machen. Es gibt natürlich Bilder, auf denen Charlotte unvorteilhaft ausschaut, aber die habe ich aussortiert. Ich kann ein Doppelkinn haben, sie niemals. Sie hat Charlotte Rampling zu sein.

Wer hat bei den Fotos auf den Auslöser gedrückt?
Meine Frau. Es war wichtig, dass sie dabei war. So standen wir auf sicherem Boden. Durch ihre Anwesenheit sind wir weiter gegangen, als wir es zu zweit gemacht hätten.

2009 haben Sie die damals 68-jährige Modedesignerin Vivienne Westwood nackt fotografiert. Wie haben Sie das hingekriegt?
Ich kenne Vivienne seit zwanzig Jahren und habe ihr immer von ihrer milchweißen Haut vorgeschwärmt. Als ich sagte, dass ich sie gern nackt fotografieren würde, antwortete sie: »Nacktaufnahmen? Darüber habe ich noch nie nachgedacht.« Nachdem sie Ja gesagt hatte, lud sie meine Frau, meinen Sohn und mich zu einem frühen Sonntagsdinner in ihr Haus ein. Mitten beim Essen fragte sie: »Machen wir jetzt eigentlich diese Fotos oder nicht?« Ich war mordsnervös und hätte lieber noch weitergegessen, aber sie ging zur Couch und zog sich aus.

Zur Pointe der Fotos gehört, dass das Orange der Sofakissen perfekt mit dem Orange von Westwoods Schamhaar korrespondiert. Haben Sie die Kissen anfertigen lassen?

Nein, die Kissen lagen da. Ich brauchte sie nur ein bisschen hin und her zu schieben. Das war höhere Fügung.

Zu Ihren doppelbödigsten Bildern gehört das Foto einer überdimensionalen Marc-Jacobs-Einkaufstüte, aus der die Beine einer Frau ragen, als würde sie auf einem Gynäkologenstuhl sitzen. Unter dem Bild der Frau ohne Gesicht steht: »Victoria Beckham photographed by Juergen Teller«.

Victoria ist eine sehr clevere Frau, ich bin mir aber nicht sicher, ob sie den tieferen Sinn des Fotos so ganz verstanden hat. Ihr Kalkül war, wenn ich mich auf dieses Spaßfoto einlasse, werde ich in der Modewelt endlich ernstgenommen. Ich verschaffe mir eine neues Image, indem ich beweise, dass ich mich über mich selbst lustig machen kann.

Jacobs und Sie galten lange als Traumpaarung. Jetzt wurde die Zusammenarbeit Knall auf Fall beendet. Warum?
Mit Charme kann man mich leicht rumkriegen, aber sobald jemand autoritär wird, blockiere ich. Statt wie bisher gemeinsam über Ideen zu diskutieren, hielt mir Marc plötzlich einen Revolver an den Kopf. Ich bekam von ihm eine SMS, dass ich dann und dann Miley Cyrus für die neue Kampagne zu fotografieren hätte. Miley Cyrus? Fuck, warum sollte ich die fotografieren wollen? Meine Tochter hat mir dazu gratuliert, dass ich Nein gesagt habe.

Wo endet Ihre Freiheit, wenn Sie für Modekonzerne fotografieren?
Deine Freiheit stirbt in der Sekunde, in der du einen kommerziellen Job annimmst. Ich habe gerade für Louis Vuitton gearbeitet. Mein Lieblingsbild zeigte das Model von hinten. Es hieß, sorry, aber es ist unmöglich, dieses Bild zu verwenden. Chinesen empfinden es als respektlos, eine Frau von hinten abzubilden, und Monsieur Arnault, der Eigentümer von Louis Vuitton, mag so etwas auch nicht. Da habe ich gedacht, spinne ich jetzt? Bist du etwa der Einzige, der es ab und zu großartig findet, Frauen von hinten zu vögeln?

Was war die seltsamste Situation, in die Sie Ihr Beruf gebracht hat?
Ich habe mal für Details O.J. Simpson in einem Hotel in Florida fotografiert. Er sagte, ich solle mir ein paar Mädchen aufs Zimmer bestellen, denn er habe noch ein, zwei Stunden zu tun. Dabei zeigte er auf eine blonde Frau, die sehr deutsch aussah. Als ich die ersten Fotos gemacht hatte, fragte er aus heiterem Himmel: »Juergen, was glaubst du, wer hat meine Frau umgebracht?« Ich kriegte Panik und sagte, keine Ahnung, ich war nicht dabei. Er brach in höllisches Gelächter aus und sagte: »Nur Gott kennt den Täter.«

Zur Kernidee von Mode gehört, jemanden für out zu erklären. Fürchten Sie den Tag, an dem es heißt: »Juergen Teller? Nicht der schon wieder!«
Nein. Ich steuere meine Arbeit so, dass ich nicht zum Sklaven der Mode-Industrie werde. Deshalb kann es mir fucking egal sein, ob mich jemand für out erklärt. Als ich Vater wurde, fing ich an, Kinder zu fotografieren. Dann habe ich ein Buch über das Essen im Hotel »Il Peliccano« in der Toskana gemacht. Für ein anderes Buch bin ich ein Jahr lang über das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gekrochen. Jetzt hat mich die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg für fünf Jahre als Gastprofessor akzeptiert.

Ihre Lehrtätigkeit haben Sie mit einem Seniorensatz begründet: »Das hält mich jung.«

Ich will mich selbst überraschen, und der Enthusiasmus und die Naivität der Studenten tun mir gut. Es erinnert mich daran, wie ich früher war, und regeneriert mich. Ich füttere die Studenten, und sie füttern mich.

Warum gerade Nürnberg?
Ich hatte Angebote aus Yale, Paris und London, aber das hat mich nicht interessiert. Ich mag es, dass viele meiner Studenten aus Niederbayern kommen und mit schwerem Akzent sprechen. Außerdem wird meine Mutter auch nicht jünger, und man hat ein bestimmtes Heimweh.

Es gibt zwei Fotos, auf denen Sie vor Glück strahlen. Das eine zeigt Sie in einer Kneipe beim Finalspiel der deutschen Mannschaft bei der letzten Fußball-WM, auf dem anderen legt Ihnen Pelé den Arm um die Schulter.
Beides hat eben mit Fußball zu tun. Pelé war mein Ersatzvater. Außerdem hat er meine Frau überzeugt, meine Frau zu werden. Nachdem wir uns ein paar Mal verabredet hatten, sagte Sadie, wir sollten das mit uns besser bleiben lassen, ein herumreisender Fotograf mit Kind und eine herumreisende Galeristin, das werde nichts. Ich fand das voll Scheiße, aber du kannst einer Frau ja nicht hinterherkriechen, da machst du dich zum Depp. Zwei Monate später habe ich Pelé fotografiert und ihn gebeten, Sadie anzurufen und ihr viel Glück zu wünschen für das Spiel von Arsenal London. Sadie ist nicht so ein Fußballfan wie ich oder mein Sohn, aber sie geht öfter mit Freunden zu Arsenal ins Stadium. Pelé hat dann zwanzig Minuten lang sehr galant mit ihr gesprochen und gesagt, dass er mich für einen netten Typen hält. Sadie dachte, sie trifft der Schlag, als sie begriff, mit wem sie sprach. Sie war so geschmeichelt, dass sie mich anrief. Wir haben dann das nächste Wochenende gemeinsam verbracht. Als ich sie sechs Wochen später fragte, ob sie mich heiratet, sagte sie Ja.

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Juergen Teller Fotograf
Aufgewachsen ist Teller in Bubenreuth bei Erlangen. Seine Bilder der Band Nirvana machten den damals 29-Jährigen international bekannt. Heute ist er 51 und zählt zu den berühmtesten Fotografen der Welt. Er ist verheiratet mit der Londoner Galeristin Sadie Coles.

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Sven Michaelsen

erfuhr beim Treffen in London, dass Tellers Nacktfoto von Vivienne Westwood auch als Teppich zu haben ist. Teller erzählte, er wolle mit dem Gratis-Exemplar, das ihm der Hersteller versprochen hat, das Ferienhaus seiner Frau auf der griechischen Insel Hydra verschönern.

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