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aus Heft 29/2015 Die Gewissensfrage

Wir legen einfach zusammen

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man ein Veto einlegen, wenn die Restaurantrechnung durch alle Personen gleichmäßig geteilt wird, obwohl man viel weniger konsumiert hat als die Anderen?

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»Auf die Frage des Kellners: ›Rechnung zusammen oder getrennt?‹ antwortet oft jemand unabgesprochen: ›Zusammen!‹ und teilt später die Gesamtsumme durch die Zahl der Personen. Das erleichtert zwar dem Kellner die Abrechnung, entspricht aber nicht unbedingt dem, was jeder Einzelne konsumiert hat. Darf ich, wenn ich wesentlich weniger hatte, ein Veto einlegen?« Hella T., Kiel


In seinem Buch Totem und Tabu schreibt Sigmund Freud über die Bedeutung des gemeinsamen Essens anhand von archaischen Kulturen: »Mit einem anderen zu essen und zu trinken war gleichzeitig ein Symbol und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme gegenseitiger Verpflichtungen.« Bei Wüstenstämmen dürfe man, erklärt Freud, auch heute noch, wenn man den kleinsten Bissen oder ein Getränk mit jemandem geteilt habe, dessen Schutzes und Hilfe sicher sein. Allerdings nur »für so lange, als der gemeinsam genossene Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt«. Deshalb bedürfe es der Wiederholung dieser »Teilnahme an der nämlichen Substanz«, um das Band der Vereinigung zu stärken und dauerhaft zu machen.

Diese archaischen Ideen beeinflussen uns bis heute. Ein gemeinsames Essen verbindet wesentlich mehr als ein sonstiges Treffen. Auch Sie haben sich vermutlich nicht deshalb in einem Restaurant verabredet, weil keine Zeit mehr war, vorher zu essen.

Was bedeutet das für die Rechnung? Nun, ich glaube, das gemeinsame Bezahlen dient nicht nur der vereinfachten Abrechnung, sondern verklammert auch die einzelnen Gerichte und Getränke zu einem gemeinsamen Mahl, der »nämlichen Substanz«, und umgekehrt trennt man mit dem Aufspalten der Rechnung symbolisch die verzehrten Stoffe voneinander und macht damit das verbindende Moment teilweise zunichte.

Das soll nun nicht zu größeren Ungerechtigkeiten führen, deshalb dürfen Sie durchaus ein Veto einlegen. Nur sollten Sie sich der unbewussten Wirkungen klar sein, es also nur tun, wenn die Unterschiede zu groß sind. Vor allem aber sollten die anderen in der Runde, besonders die »Zusammen«-Rufer, darauf achten und von sich aus den geringeren Konsum Einzelner durch entsprechendes Auf- und Abrunden berücksichtigen. Auch das stärkt die Gemeinschaft.

Literatur:

Sigmund Freud, Totem und Tabu, IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 4., Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 10. Auflage, 2007, S. 186ff. insbesondere 188ff.

M. Kaiser-El-Safti, Unbewußtes, das Unbewußte, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Psychologie, Band 11, Schwabe Verlag, Basel 2001, Spalte 124-133

Zur Kulturgeschichte des Essens gibt es eine ganze Reihe von Büchern. Lesenswert sind unter anderem:

Gert v. Paczensky und Anna Dünnebier, Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, btb / Goldmann Verlag, München, 1997

Klaus E. Müller, Kleine Geschichte des Essens und Trinkens. Vom offenen Feuer zur Haute Cuisine, Verlag C.H.Beck, München, 2009

Wolfgang Schivelbusch, Das Paradies der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genussmittel, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1990

Einen Schwerpunkt auf die soziale Bedeutung des Essens in den unterschiedlichen Kulturen bis heute legt das nach einer Sendereihe des Hessischen Rundfunks entstandene Buch

Speisen, Schlemmen, Fasten. Eine Kulturgeschichte des Essens, herausgegeben von Uwe Schultz, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1993


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